Ute Lemper

Ute Lemper
im Gespräch mit
Armin H. Eilenberg

Ute Lemper - Foto, Helmut Newton
Ute Lemper
Foto: Helmut Newton

Ute Lemper

ein deutsches Multitalent, ein Weltstar, der
wieder einmal in Deutschland kein Zuhause findet.
Der Anlaß, mein Gespräch mit Ute Lemper im Jahre 2002 nochmals zu veröffentlichen, war ihr
Besuch am Grab von Marlene Dietrich, zum 100. Geburtstag, am 27. Dezember 01.
Zu diesem Geburtstag der Berlinerin Marlene wurden viele deutsche Politiker PR-aktiv, sie kamen zu ihrem Grab nach Berlin. Marlene Dietrich zog in den 30er Jahren, mit ihrem Geliebten, einem Berliner jüdischen Glaubens, in den USA, in denen sie sich, trotz ihrer PR-Geste, der US-Truppenbetreuung bis 1945, nicht zu Hause fühlte und keine Heimat fand. Immer sprach sie stolz von ihrer preußischen Familie, von ihrer Mutter, die ihr Leben nie voll akzeptierte. In jahrelanger Einsamkeit, im selbst geschaffenen Pariser Exil, verbrachte sie die letzten Jahre und wartete auf ihre Erlösung, den Tod. In all den Jahren hatte die Berliner "Göre" nur einen Wunsch: neben ihrer Mutter beerdigt zu werden und der Stadt Berlin ihren Fundus zu vererben, in ihrem Berlin zu sein.


Ute Lemper. - Ganze Aktenordner sind prall gefüllt von hervorragenden Presseberichten, London, Paris, New York und anderen Weltstädten. Leider nur magere Kritiken in ihrer Heimat Deutschland, in der die "urteilenden" Kritiker nur einen Bruchteil ihres Schaffens kannten, wie mir ein Feuilletonchef gestand. Auch Ute Lemper, im Ausland bewundert, heiratete einen New Yorker
jüdischen Glaubens, mit dem sie, in der anonymen Stadt lebt und Mutterfreuden genießt.

sie eine weitere Zusammenarbeit mit Rudi Redl, dem zuständigen Aufnahmeleiter, den sie als Niete bezeichnete. Dank Ihres klaren Urteilsvermögens sparte Ute Lemper dem Executiveproducer unnötige Investitionen.

Zwei Jahre später, 1987, mit 24 Jahren, nach ihrem Durchbruch in Paris als Sally Bowles in Cabaret, war sie ein weltbekannter Star. Ute Lemper wurde mit dem französischen Schauspielpreis, dem Moliere-Preis ausgezeichnet. Ute Lemper blieb rigoros der Kunst verpflichtet, sie akzeptiert keine Vertragsverlängerung mit doppelter Gage und suchte neue "Türen", für neue künstlerische Wege. Kommerzielle Fließbandarbeit auf der Woge des Erfolges und durch übliche Managementmethoden als ein Produkt vermarktet zu werden, lehnte Ute Lemper bereits in jungen Jahren ab.

Ein Satz, der zu ihr passt:
Kunst ist Liebe und
Liebe ist Leben
.
(A. H. Eilenberg)

Ein paar Jahre später, immer wieder führten Ihre Wege in Ihre Heimat, gab sie einen Kurt-Weill-Abend im Gasteig, München. Das Publikum spendete minutenlangen Zwischenapplaus, im

Ute Lemper stand im Januar 2002 am Grab von Marlene Dietrich, sie legte Blumen nieder und ihre Gedanken sind frei.


Berlin 1992, naßkaltes Aprilwetter. Der Bühnenpförtner hatte eine Nachricht für mich: "Es tut Frau Lemper leid, es wird 10 Min. später".
Bei ihren täglichen Proben von 9:00 bis 18:00 Uhr, an verschiedenen Tagen wurden Tonaufnahmen in London eingeschoben, was bedeuten schon ein paar Minuten. Eine kurze Frist, nochmals über die Einzelheiten der Fragen zum Interviews nachzudenken.
Lange arbeitete Ute Lemper in verschiedenen Erdteilen, den Metropolen der Welt. Shows, Liederabende, Tonaufnahmen, Musicals und Filmaufnahmen, viel Zeit ist vergangen, bis sie wieder in ihr geliebtes Berlin kam. Charaktere werden in unser Fungesellschaft rar. Ute Lemper ist so eine schwer zu handhabende Persönlichkeit.
Ein klarer Blick muß ihr mit in die Wiege gelegt worden sein. Beim Vorsingen, 1985 in einem Münchner Tonstudio, verweigerte

Ute Lemper und Vati mit  3 JahreUte Lemper mit 5 Jahre
Ute Lemper mit Vati 3 J. und rechts mit 5 J.

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Ute Lemper mit 6 Jahren Ute Lemper als Sally Bowles in CABARET, Paris Ute Lemper, 1987, Paris und Premierengast Liza Minelli (links)
Ute Lemper, 1987, Paris und Premierengast Liza Minelli (links)
Ute Lemper mit 6 Jahren - - - - Ute Lemper als Sally Bowles in CABARET, Paris

Kurz vor Mitternacht, 23:30 Uhr, Ute Lemper hat im Theater "Bouffes du Nord", (für Ute Lemper das schönste Theater in Paris, sehr alt, morsch, das Geschichte in sich trägt) ihr Kurt-Weill-Programm über die Bühne gebracht, frenetischer Applaus.

Ein Wagen wartete bereits und ohne Pause wurde Ute Lemper zur Pont Alexander III. gefahren, wo das BBC-Team eine Nachtsequenz, das dokumentarische Lemper-Special drehte.

Die Bühnentür vom Theater des Westens geht auf.
Lächelnd, nach 9 Stunden Probe, fragt der Twen Ute Lemper, 28 Jahre, seit dem 4.Juli,
"gehen wir eine Kleinigkeit in der Parisbar essen?"

Ich denke an die Tage im Februar 1992 in Paris. Sie wurde umjubelt, für ihre Kurt-Weill-Abende, die objektive Presse trug die Künstlerin auf Händen.

ausverkauften Haus, bei den letzten vier Liedern stand das Publikum wieder-holt auf und gab Ute Lemper "Standing Ovations" - wieder ein großartiger Erfolg.

Nur der Leiter des Feuilletons einer Münchner Tageszeitung konnte dem Liederabend am nächsten Tag keine gute Kritik geben, weil er Ute Lemper sechs Wochen zuvor, in Berlin -verrissen- hatte und seine -persönliche Glaubwürdigkeit-, wie er es formulierte, auf dem Spiel stand. Ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung tischte den Lesern die unglaubliche Geschichte auf, "nur ein paar Unentwegte applaudierten!"

Anmerkung:
Wenn Millionen Leser in Deutschland derart irregeführt werden, muß es einen Grund dafür geben.
Zeigt der Künstler zu wenig Ergebenheit vor den Medien, den Journalisten? Oder?

Ute Lemper, Kurt-Weill-Abend im Theater Bouffes du Nord, Paris
Ute Lemper, Kurt-Weill-Abend
im Theater "Bouffes du Nord", Paris

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Ute Lemper - Personality-Show Ute Lemper, mit sexy Beine,  als Sally Bowles in Cabaret, Paris

Mit 28 Jahren ein deutscher Weltstar.
Bereitet Ihnen das Sorgen wie es weitergehen wird, oder spornt es sie an?

Mit zwanzig hat man mir bereits die Frage gestellt, wie soll es weitergehen und es ist immer weitergegangen. Ich bin überhaupt kein Mensch, der in der Zukunft lebt, sondern im Heute. Das Morgen hat mir immer wieder Überraschungen bereitet, und ich bin davon überzeugt, daß es auch in der Zukunft so sein wird. Jetzt bin ich 28 und habe in meinem Leben viel und hart gearbeitet. Ich habe den Preis bezahlt, daß ich die kleinen Freiheiten (Anm.: Der Fungesellschaft), die andere Menschen haben, nicht genießen konnte und wollte, aber ich habe nie darunter gelitten, weil mir nie etwas abgegangen ist. Ich muß sagen, daß ich wirklich viele lebenswerte Dinge erlebt habe, und daß ich glücklich darüber bin, daß es so ist.
Ich bin genauso enthusiastisch und hoffnungs-voll, wie ich vor zehn Jahren war, und mir ist weder ein Stück von Energie, von Kraft, von Vision und Leidenschaft verloren gegangen, im Gegenteil, sie sind eher noch stärker geworden.
Und jeder weiß, ich zum Beispiel viel besser als vor zehn Jahren, warum ich das mache. Jetzt erkenne ich die Gründe, und diese Gründe geben mir jeden Morgen wieder die Lust und den Spaß, das anzufangen und zu erarbeiten, was ich will.
Ich fühle auch eine Überlegenheit Streßsituationen gegenüber. Wenn einmal mein Herz rasend klopft, oder ich müde bin, empfinde ich noch lange keinen Streß. Ich gehe alles, auch alle Probleme, mit einer unglaublichen Ruhe an. Ich bin einfach glücklich, daß ich wählen konnte, was ich tue. Meine Erfolge spornen mich an.

Wann kommt bei Ihnen der Leistungsknick am Tage?

Ich bin jemand der abends seinen fitten Moment haben muß. Morgens bin ich unansprechbar, morgens mag ich nicht aus mir herausgehen, sondern nur in mich hinein, folglich findet unser Gespräch um 19:00 statt.

War Ihr Entschluß Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin zu werden ein besonderes Ereignis, ein denkwürdiger Tag?

Ich bin immer ein musikalischer Mensch gewesen, das ist wohl die

Ute Lemper - Personality-Show
Ute Lemper in Bye, Bye Showbiz, Inszenierung; Jerome Savary
Ute Lemper
als Sally Bowles in Cabaret, Paris
Ute Lemper in Bye, Bye Showbiz,
Inszenierung; Jerome Savary

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Ute Lemper Songbook von Michael Nyman

Grundquelle allen Wollens, allen Drängens, auf der Bühne zu stehen und Dinge vonmir zu geben. Es war immer das Musikalische, das musikalische Fiber, das musikalische Sentiment und das sich verlieren in musikalische Welten, was ich irgendwie wollte. Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind, als ich eine Grippe hatte, Musik gehört habe, oder wenn ich Träume hatte, mich dann in dieser musikalischen Welt völlig entfalten konnte und dort meine Phantasie abgehen lassen konnte. Mit sieben Jahren tanzte ich im Kinderballett, ich habe nicht aufgehört und mein Interesse wurde immer intensiver. Mit dreizehn habe ich fast jeden Tag trainiert. Mit vierzehn nahm ich Unterricht in modernem Tanz, Jazztanz, Stepptanz und Pantomime. Im Sommer, als ich fünfzehn war, suchte ich nach weiteren Ausdrucksformen der Musik, nicht nur mit dem Körper. Meine Stimme mußte ausgebildet werden. Viel habe ich nach Schallplatten mitgesungen, mein Vater war ein großer Gershwin- und Jazzliebhaber, und es war komischerweise diese Musik, die mich in der Jugend angesprochen hat, obwohl mich meine Umwelt nicht in den Jazz reingeboren oder mich manipuliert hat, es war eine natürliche Zuneigung zu dieser Musik, die auch meinem Körper gefiel.
Mit fünfzehn Jahren gründete ich meine erste Jazzband. Wir muckten in kleinen Piano-Bars in Münster, alles neben der Schule, außerdem habe ich bei einem Jazzchor und einer Big-Band gesungen. Ich war stolz auf meine unglaubliche Energie. Meine Hobbys, insgesamt elf, hatten alle einen Bezug zum Tanz und Gesang.

War es mehr Spaß und Freude als Anstrengung?

Es war nur Spaß und Freude, es war nur die Leidenschaft, ohne Perspektive damals in den Beruf einzutreten. Ich habe mich auf jede Tanz-, Ballettstunde, auf jedes Singen gefreut wie auf Weihnachten. Es war auch das Abenteuer, mit einem Milieu von Menschen zusammenzukom-men, die irgendwie Paradiesvögel waren und mir viel interessanter erschienen, als die alltäglichen, mit denen ich so zusammentraf und vielfältiger, als das relativ bürgerliche Leben, aus dem ich kam. Ich habe mich immer dahingeflüchtet. Am Stadttheater in Münster spielte ich mit sechzehn in Jugendstücken, Operetten und Musicals mit. Mir wurde schnell klar, daß in der Theaterwelt das lag, was ich suchte. Andererseits hatte ich lange Zeit die Vorstel-lung, vielleicht durch meine konventionelle Erziehung, daß ich nach dem Abitur studieren würde, Sprachen oder ähnliches und dann vielleicht Lehrerin oder Wissenschaftlerin, oder irgend etwas derartiges werden würde.

Wann haben Sie sich für Ihre künstlerische Laufbahn entschieden?

Meine Vorentscheidung fiel, als ich siebzehn wurde, vor fast 12 Jahren. Bei meiner Sommerferienreise nach Salzburg besuchte ich die Musical-School von Susi Nicoletti. Sie unterrichtete Tanz, Gesang und Musical. Im gleichen Jahr habe ich ein paar Straßen weiter im Mozarteum, das Helmut Baumann damals leitete, ein Brecht-Seminar besucht. Während meine Schulfreundinnen ihren Urlaub an sonnigen Stränden verbrachten, habe ich in Salzburg schwer gearbeitet. Das war für mich das Schönste. Ich kam oft völlig bleich und dünngesichtig aus den Ferien zurück, war aber innerlich wahnsinnig ausgefüllt und voller Ideen und Visionen. Damals lobte man mein Talent, das gab mir ungeheure Kraft und ich glaubte, es auch zu spüren. Irgendwie gelingt mir manches besser als anderen, manches auch schlechter, aber es gibt etwas, in dem ich mich bestätigen und finden kann.

Mit achtzehn, als ich mein Abitur machte, war mir plötzlich klar, daß ich nicht auf die Universität, sondern auf die Schauspielschule gehen würde. Das "missing link" zwischen Gesang und Tanz, um beide miteinander zu verbinden, war die Entwicklung von Persönlichkeit und von einer Identität, die es ermöglicht, eine Rolle total zu spielen. Das liegt nicht nur an den Fähigkeiten, daß man es kann, sondern, daß man mit dem ganzen Herzen gibt und eine Basis, eine Quelle. Susi Nicoletti empfahl mir, mich in Wien am Reinhardt-Seminar zu bewerben, wo sie selbst unterrichtete. Für die Aufnahmeprüfung studierte ich die "Julia" von Shakespeare, die "Heilige Johanna der Schlachthöfe" von Brecht und "Die Heirat" von Gogol ein. Es war nicht erlaubt, Lyrik vorzutragen, aber ich wollte unbedingt ein Stück von Rilke spielen. Es hieß "Die Blinde", also spielte ich ein Blinde

Ute Lemper
Songbook von Michael Nyman
Ute Lemper, LP Cover innen, - LP-Cover außen, Songbook von Michael Nyman
Ute Lemper
LP Cover innen, - LP-Cover außen
Songbook von Michael Nyman
Ute Lemper - CD Cover
Ute Lemper - CD Cover

Seite 5 bis 10
Ute Lemper als Gless in dem Film  "Quand la raison dort" Ute Lemper als Gless in dem Film  "Quand la raison dort"
Ute Lemper als Gless, mit Jonathan Zacci in dem Film "Quand la raison dort" >Wenn die Vernunft schläft< Produzent: Marcin Ziebinski.
Ute Lemper als Gless, mit Jonathan Zacci
in dem Film "Quand la raison dort"
>Wenn die Vernunft schläft< Produzent: Marcin Ziebinski.
Ute Lemper als Gless in dem Film
"Quand la raison dort"
Ute Lemper als Gless in dem Film
"Quand la raison dort"

Was taten Sie nach der Aufnahmeprüfung?

Gleich danach zog ich nach Wien.

Sie sind in den letzten 12 Jahren durch die ganze Welt gereist,
wie ist Ihr Verhältnis zu ihrer Geburtsstadt Münster?

Ich war unheimlich froh, von Münster weg zu sein. Dort hatte ich so ziemlich alle, ca. 10, Ballettschulen abgeklappert, bei allen Gesanglehrern der Stadt Unterricht genommen. Ich kannte die Musiker-, Rock- und Jazzszene, also drängte es mich an einen anderen Ort. Vielleicht war ich ein kleiner Rebell, richtig unleidlich, wild und manchmal unzähmbar, sehr zum Leid meiner Eltern, wie ich es heute sehe. Ich kann mich genau an diese bourgeoisien Samstag- und Sonntagabende erinnern. Da mußte die Sportschau im Fernsehen flimmern, Mutti kochte und ich war in meinem Zimmer. Die Wohnung war sowieso zu klein, ich sang und es hieß "sei still". Das war für mich der größte Freiheitsentzug. Ich war auch in meinem emotionalen Leben sehr wild, hatte Freunde, hatte Spaß auf verrückte Sachen, aufs Ausgehen, Spaß am Spaß. Mit der frohen Ausgelassenheit bekam ich ziemliche Probleme und war unheimlich froh, aus dieser ganzen autoritären, hemmenden und beengenden Welt herauszukommen. Ja, ich bin auf das Reinhardt-Seminar gegangen und erlebte eineinhalb Jahre eine schöpferische und aufregende Zeit in dieser Schauspielfamilie. Es war die erste Konfrontation mit mir. Mit meiner Person. Ich stellte mir die Fragen: Wer bin ich. Was will ich. Warum mache ich das, usw. Ich stellte mir dort all die existentiellen Fragen, die beim Tanzen nicht aufkamen. Als Schauspielerin wird man mit diesen Fragen konfrontiert und muß sich ihnen entgegenstellen.

Wann setzten Sie Ihre
Erfahrungswerte beruflich ein?

Meinen Einstieg empfand ich als das Anstrengendste was ich bisher gemacht habe. Peter Weck engagierte mich für "Cat's" im Theater an der Wien. Dreihundert Vorstellungen im Jahr, Cat's, da hatte ich die Nase voll. Ich konnte einfach nicht mehr. Es war für mich schrecklich,

täglich dasselbe zu tun, mit großer körperlicher Anstrengung.

Und wie sah Ihre Erlösung aus?

1984 ging ich nach Berlin, ans Theater des Westens und spielte Peter Pan. Das war eine Erlösung, nach diesem Rumkrabbeln als Katze, ich hatte schon Katzenalpträume, konnte ich endlich diesenkleinen frechen Jungen hier in Berlin spielen.

War Berlin für Sie ein neuer Anreiz?

Berlin habe ich als aggressive und kreative und wahrhaftige Stadt erlebt. Ich merkte schnell, daß mir mehr an Berlin lag, wo ich neue Impulse verspürte, als in diesem Wien, wo nostalgische Bürger in sich Illusionen von Theater trugen, die überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind.
Es war ein Erlebnis, hier in Berlin in die Schau-bühne zu gehen, mir tolle Aufführungen anzu-kucken und Theater zu sehen, das eine Herbheit hatte. Die Stadt gefiel mir, mit den vielen jungen Menschen und den verrückten Menschen, und auch weil hier die Kleinkunst stark gefragt ist, neben dem großen etablierten Theater.

Nach zwei Jahren, 1986, ging ich zu Ivan Nagel ans Staatstheater Stuttgart. Keine Musikrolle, sondern reines Schauspiel. Ich habe mit dem Regisseur Daniel Karassek 'Katzelmacher' von Faßbaender, und mit Jerome Savary zum ersten-mal das Stück 'Bye-Bye Showbiz' gespielt.

Hat Sie Jerome Savary in Stuttgart
für die Rolle der "Sally Bowles" entdeckt?

Gesehen hat er mich in Berlin. In Stuttgart, er war damals Intendant vom Theater du Huitieme in Lyon, erzählte er mir, daß er schon seit zehn Jahren "Cabaret" inszenieren wollte, aber nie wußte, mit wem.
In mir meinte er die Sally Bowles gefunden zu haben. Ich war sehr aufgeregt, weil das Ganze in Französisch sein sollte. Mein Schulfranzösisch war zwar sehr gut, aber das parlierende Französisch eben nicht so besonders. Drei Monate später habe ich meinen Vertrag in Stuttgart mit dem Einverständnis von Ivan Nagel aufgelöst. Es war 1987, ich fuhr nach Lyon, in 8 Wochen sollte Premiere sein. Wenn ich zurückdenke, das war schon hart, die französischen Texte, mit einem französischen Ensemble und ich die
einzige Deutsche in der Equipe. Andererseits war es die totale Herausforderung und unter den Musicalrollen eine der schönsten, die ich mir nur wünschen konnte. Die Figur der Sally Bowles ist komisch, tragisch, naiv, Femme fatale, sie singt, die Lieder sind toll, also wirklich eine ideale Musicalrolle.
Mit "Cabaret" machten wir eine Tournee durch Frankreich. Inzwischen habe ich das Stück schon ein Jahr gespielt, es wurde mir langsam über. Ich bin ein Mensch, der nach neuen Wegen sucht, man kann es auch Abenteuer nennen, und wenn ich mich in irgendwelchen Dingen allzuoft wiederholen muß, oder wenn ich merke, es wird etwas zur Routine, zur Alltäglichkeit, dann halte ich es nicht mehr aus und breche auf ins nächste Projekt, einfach um mich selbst weiterzubringen, mich zu bilden und meine eigenen Grenzen weiter zu stecken. Dieses en-Suite-Spielen habe ich eigentlich immer gehaßt, aber es ist leider Teil unserer heutigen Theaterwelt, weil eben das Ganze, gerade ein Musical, nicht nur mit den künstlerischen Ideen zusammenhängt, sondern mit dem Ziel, Kapital zu erwirtschaften, mit Business. Das haben wir gut von den Amerikanern gelernt.

Wie entstand Ihre Broadway-Show?

Nach "Cabaret" in Paris, hatte ich 1987 die Idee für eine große Show. Marek Lieberberg hat es organisiert, hat sich zu meinem Manager erklärt. - Während dieser großen Deutschlandtournee waren wir in 20 Städten. Z.B. in der Westfalenhalle bin ich vor 10.000 Menschen aufgetreten, zweimal in der Olympiahalle in München usw. Das hatte etwas Giganteskes, das eigentlich nur ein Megastar, der auf visuellen, optischen Klamauk baut, bedienen kann. Es war schwierig für mich als Schauspielerin, als Mensch auf der Bühne, ich, die ich Emotionen, etwas von Herz vermitteln möchte, das zu schaffen. Ich habe gemerkt, wie sehr ich mir damit den Weg zu meinen Gefühlen verbaut hatte.
Es war einfach zu viel Klimbim.
Nach dieser großen Tour habe ich einen Vertrag bei der Decca unterschrieben. Sie wollten das Integral von Kurt Weill wieder aufnehmen. Ich hatte schon vorher in Stutt-gart einen Kurt-Weill-Abend gegeben und freute mich auf die Gelegenheit, mich erneut mit Weill zu beschäftigen. Ich habe mir darauf-hin einen neuen Theaterabend geschrieben, selbst zusammengestellt und die erste Weill-Platte aufgenommen. Mittlerweile sind erschie-nen: "Volume 1", ein bißchen Kurt Weill, "Dreigroschenoper", und my favorite "Die sieben Todsünden", im Herbst erscheint "Volume 2".

Planen Sie neue Platten außer Weill?

Es sind einige Projekte geplant, z. B. Schönberg, Paul Young, Piaf, über entartete Musik, Strawinsky, also sehr verschiedene Platten, klassisch und modern.

Ute Lemper als Peter Pan, Theater des Westens, Berlin
Ute Lemper als Peter Pan,
Theater des Westens, Berlin
Ute Lemper ,  in Berlin, romantisches Foto: Arma Belen
Ute Lemper -romantisch - in Berlin
Foto: Arma Belen
Ute Lemper , Portrait
Ute Lemper

Deutsche Journalisten schreiben subjektiv mehr über Vergleiche mit Ihnen und z.B. Liza Minelli, Marlene Dietrich, oder das Mädchen aus Münster, anstatt objektiv über Ihre Erfolge in den Weltmetropolen, Ihre internationalen Auszeichnungen und Preise.
Stört Sie diese enge Berichterstattung?

Bleiben wir bitte bei der Kunst.

In Paris, als ich die Sally Bowles gespielt habe, hat mich, nach meiner Erinnerung, niemand mit Liza Minelli verglichen. Liza kam zur Premiere und beglückwünschte mich, wie ich die Sally interpretierte.

Zur Zeit laufen die Proben für den "Blauen Engel". Zadek und ich arbeiten und entwickeln die Lola Kröhlich, die ich hier in Berlin spiele. Lola Kröhlich ist eine Romanfigur aus "Professor Unrat" von Heinrich Mann. Der Film mit Marlene Dietrich war nur ein 10%-iger Ausschnitt vom Roman. In dieser Musiktheater Aufführung sehe ich mich als Schauspielerin, die ein gewisses Stück, eine gewisse Rolle spielt. Es geht um diesen Roman und die heutige Bearbeitung von Tankred Dorst, die hat nichts mit dem Film zu tun. Natürlich gibt es in der Handlung Parallelen. Aber die Geschichte ist viel mehr weiterentwickelt und viel mehr dem Roman verpflichtet.
Ute Lemper als Lola im "Blauen Engel", Berlin.
Gibt der Regisseur Zadek
alles vor, jeden Schritt und entstehen
Probleme mit Ihrer Auffassung?

(
Zadek bei der Arbeit ,er rührt den Seifenschaum,
bei Lola Müthel, Anm. Redaktion)

Unsere Zusammenarbeit ist kreativ, sie ist wunderbar. Er hat einen riesigen Erfahrungsschatz, hier bleibt kein Spielraum für Probleme.

Er überläßt es mir und sagt manchmal "mach mal", und dann ist seine Kritik konstruktiv, nie destruktiv. Es ist eine wunderbare Arbeit, in die ich direkt verliebt bin, in die Arbeit, in die Gestaltung der Lola Kröhlich. Ich glaube, bei der Arbeit mit Zadek werde ich erstmals die Spielszenen im Theater lieben, weil er mich richtig an die Arbeit heranführt. Und die "Theaterfamilie", die wir sind, ist gerade das, was mir mal wieder gefehlt hat, mal wieder in ein Ensemble einzutreten und darin aufzugehen, daß man sich anpackt, sich riecht und einander spürt, miteinander lacht und heult.

Brecht/Weill welche Faszination
empfinden Sie bei den Liedern.
Für wie zeitgemäß halten
Sie diese Texte und Musik?
In den 20er Jahren hat der Marxist Brecht (Anm. Kommunist) anders geschrieben, als in den 30er Jahren. Er mußte jeweils anders schreiben, aufgrund der Erfahrungen des ersten Weltkrieges, und nach 1945, aufgrund seiner Erfahrungen des zweiten Weltkrieges.
(Anm. Redaktion:
Er leugnete seine " kommunistische Gesinnung" bei einer Anhörung in den USA, weil er eine
Ute Lemper als Lola im "Blauen Engel", Berlin.
Die Weltpresse u.a. Madame-Figaro, Paris,
veröffentlichte ganze Illu-Seiten zu den Proben.
In der deutschen Presse erschienen magere "Fünfzeiler. "
  Genehmigung für die Aufführungsrechte der "Dreigroschen Oper" in den USA benötigte). -
Er stellte sich auf die Seite des sozialistischen (kommunistischen)Teil von Deutschland, mit seiner Hoffnung, es würde das bessere Deutschland werden. Inzwischen hat sich vieles als Utopie erwiesen. Aber ich glaube, Brechts Liedertexte sind so philosophisch und so allgemeingültig von der Essenz her, vom humanistischen Anliegen, daß sie heutzutage übertragbar sind auf aktuelle Systeme (Anm.:siehe Schlußnote, die soz.Entropie in, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), auf gesellschaftliche Situationen, wo diktatorische Symptome herrschen, sie sind übertragbar auf die Stasi, auf die Hierarchie und auf das ausgebeutet sein in der sozialistischen Gesellschaft, wie auf die kapitalistische. Sie lassen sich auf alles übertragen, wo Druckmaßnahmen und Terror herrschen, auf Situationen, wo Menschen sich selbst entfremdet sind, weil sie gewissen Symptomen von Kapital oder von Erziehung oder ähnlichem dienen müssen. Man kann Brechts Gedankengut auf viele Erscheinungen der Realität durch die Zeiten hindurch übertragen. Das macht seine Größe aus. Man sollte Brecht nicht eng und einseitig als kommunistischen Autor sehen. Damals wußte man halt weniger als heute. Marx würde heute auch anders schreiben. Inzwischen sind hundert Jahre vergangen.

Sie haben in Frankreich Ende der 80er Jahre den Moliere-Preis für beste Schauspielleistung erhalten,
nach Ihren weltweiten Erfolgen der Kurt-Weill-Abende.
Von deutschen Kritikern wurde Ihr weitgespannter Weill-Bogen von Berlin über Paris bis zum Broadway verkrampft aufgenommen? Haben Sie vielleicht an einem kommunistischen Denkmal, dem deutschen Brecht/Weill, nach Meinung von deutschen Journalisten gerüttelt.

Erst einmal habe ich 1987 den Moliere-Preis (den franz. Schauspielpreis) für meine Darstellung der Sally Bowles in Cabaret erhalten. Im gleichen Jahr spielte ich die Marie Antoinette in dem französischen Film "Die letzten drei Tage der Marie Antoinette" und die Hauptrolle in "L'Autrichienne". In Paris lernt man auch, wo die Piaf und Juliette Grecco, wo diese ganze Theater- und Chasongeschichte aus Frankreich ihre Wurzeln hat.
Ich habe vier Tage im ausverkauften Olympia gespielt, ein tolles Erlebnis für mich.

Für die zweite Frage bin ich nicht ihr Ansprechpartner.

Mit dem Kurt-Weill-Abend,
dem Kurt-Weill-Bogen, gingen Sie auf Tournee?

Meine Tournee der Kurt-Weill Abende, vor zwei Jahren, führte über Tokio, Hongkong, zwei Großstädte in Australien, 6 Großstädte in den Staaten und 2 in Kanada.
Mittlerweile war meine Weill-Platte in den USA die No. 1 in den cross-over-charts, für über 40 Wochen.

Dieser Weill-Bogen ist ein Erfolgsbogen. Im Januar 1990, nach dem Fall der Mauer, gastierte ich mit meinem Weill-Abend im Berliner Ensemble (Brecht-Theater). Das war für mich überhaupt der Wahnsinn. Ich wollte sehr gern dort auftreten. Zu dieser Zeit war Manfred Weckwerth noch Inten-dant. Ich war froh ihn zu treffen und erstaunt, dass sie einen westdeutschen Interpreten in ihr Theater ließen. Ich denke, an diesem Abend waren viele junge Leute da, die Weill nie so gehört hatten, die keinen französischen, oder amerikanischen Weill

Ute Lemper, in den Film "L'Autrichienne"
Ute Lemper
in den Film "L'Autrichienne"

kannten. Sie kannten vor allem den brecht'schen Weill. Sie waren überrascht, daß sie den ganzen Spannbogen von Weill anders interpretiert hören konnten. Für mich war es immer der Grund, Weill zu singen, mit seiner gesamten Spannbreite von aggressiver, politischer, deutscher Musik, zu sehr melancholischer, sehr femininer, verlorener, existentialistischer Chansonkultur, bis zu seiner more-entertainment-swinging-Broadway-Seite, die er später in den Staaten entwickelt hat. Weill hat wesentlich das moderne Musiktheater des 20. Jahr-hunderts mitgeprägt. Und eben dieser ganze Bogen hat mich besonders interessiert, u. a. weil ich gern in deutsch, englisch und französisch singe, und ich konnte gut in diese drei Welten, Berlin, Paris, New York hineinschlüpfen.
Mein Tourneeplan wurde in Deutschland noch auf Cottbus, Dresden und Leipzig erweitert.

War das Publikum im ehemaligen kommunistischen Deutschland,
nach dem Fall der Mauer, ein dankbares Publikum?

Sie waren sehr aufmerksam und dankbar, und das meine ich nicht ironisch. Vielleicht waren sie auch dankbar, weil ich die Lieder emotional singe und ohne Zeigefinger, nicht didaktisch. Das hat wohl die Zuhörer überrascht.

Eine sehr schöne Situation habe ich im Berliner Ensemble erlebt. Die Vorstellung war um 23:00 Uhr zu Ende. Anschließend saßen wir, im Schneidersitz, auf dem kalten Steinboden und diskutierten Stunden mit Leuten aus dem Publikum über die politische Situation.

Sie sagten einmal, Sie seien eine Darstellerin,
keine Entertainerin. Können Sie das bestätigen?

Ich will da keine Grenzen ziehen oder Prinzipien äußern. Ich halte alles für möglich. Beides ist im Spektrum meiner Lust und Laune. Wenn ich Lust habe, ein Entertainmentabend mit Georg Gershwin oder Cole Porter zu machen, dann mach' ich es bestimmt. Aber ich bin nicht eine Entertainerin, die die Leute beschwipst macht mit Witzen. Was mich wirklich interessiert: jede Arbeit im kleinen Zimmer mit Komponisten, Musikern und Lichtdesignern, um etwas zu kreieren. Ich liebe es, etwas Neues auszudenken. Mein Ziel: immer mehr an den Kreationen teilhaben und selbst die Verantwortung tragen, auch wenn es ein Irrtum ist.

Warum wählten Sie London als Wohnsitz?

Es war meine Arbeit. Vor drei Jahren gab ich vier Konzerte mit dem London Sinfonie Orchestra, zweimal "Die sieben Totsünden", ein Weill-Abend und ein Berlin-Abend. Nach Auftritten mit dem Royal Philharmonic Orchestra folgten weitere Konzerte. Konzertverpflichtungen hatte ich zu dieser Zeit in Spanien und Italien, dort erfüllte sich mein lang gehegter Wunsch im Theatro Piccolo, dem Theater von Giorgio Strehler aufzutreten. Zurück in London hatte ich ein wunderbares Konzerterlebnis - ich war allein auf der Bühne, nur mit dem Klavier, in dem großen Sinfoniehaus der Royal Festival Hall in London. Im vergangenen Jahr wurde ich für den Laurence-Oliver-Award nominiert. So lebe, und erlebe ich seit 2 Jahren London und war in dieser Frist höchstens zwei Monate zu Hause in Deutschland. Leider wurde bei mir im letzten Jahr zweimal eingebrochen, London hat eine hohe "crime rate" bekommen, das dämpft meine Begeisterung.

Sind die Kurt-Weill-Abende für Sie Höhepunkte?

Sicherlich sind sie die Erfüllung eines Wunsches. Aber Höhepunkte hängen nicht nur vom äußerlichen Erfolg ab, es gibt sie auch im Studio, in der Natur, zu Hause am Schreibtisch.
Höhepunkte ereignen sich, wenn sie mir eine neue "Tür" öffnen, wenn ich eine neue Sache entdecke, und wenn ich merke, daß ich eine Antwort erhalte, und sei es nur eine kleine.

Damit ist der Kurt-Weill-Bogen
näher bei Ute Lemper als Cabaret?

Natürlich, diesen Theaterabend habe ich selbst ausgedacht und zusammengestellt. Ich habe in Weills Musik und Leben monatelang herumge-stöbert und herauskristallisiert, was mich am meisten berührt. Außerdem bin ich jetzt 28, damals, bei den Cabaretaufführungen war ich 24 Jahre. In vier Jahren passiert unheimlich viel. Man hat nicht mehr so viel Glitter an, sondern trägt das Herz am rechten Fleck. So bin ich und nicht anders!

Sie muten den Engländern und den Franzosen
mit Ihren Weill-Abenden viel Deutsch zu!
Der Abend ist ausgeglichen dreisprachig, deutsch, französisch und englisch. Ich fühle mich als jemand der die Möglichkeit hat, das Vorurteil zu brechen, daß die deutsche Sprache häßlich und faschistisch ist. Viele Engländer und Franzosen haben ja immer noch das Vorurteil, man müsse

als Deutscher immer Stiefel und einen Schnurrbart tragen. Die deutsche Kultur, die ich dem Publikum mit Weill-Liedern näherzubringen versuche, stammt leider aus den 20er Jahren. In der heutigen deutschen Musik und Chansonkultur finde ich nicht unbedingt das, was ich singen möchte. Das müßte schon neu geschrieben werden, für mich oder von mir.

Nach den Theaterabenden im Schauspielhaus Düsseldorf,
mit "Die sieben Todsünden" flogen Sie zum Jerusalemfestival,
ohne ein obligatorisches Holocaust-Stück im Gepäck.
Wie war die Reaktion in Israel?

Sehr gut. Es war für mich als Deutsche etwas ganz besonderes, dort Kurt Weill zu singen. Das Festival war gut besucht, ich glaube, es waren alles Juden. Zu diesem internationalen Theaterfestival hatten die Teilnehmer alle Stücke mitgebracht, in denen das Judenproblem, der Holocaust und der Antisemitismus angesprochen wurde. Erstaunt hat mich, wie bekannt die Lieder von Weill und Brecht waren, die mit Begeisterung aufgenommen wurden. Ich hatte das Gefühl, ich bringe vielen etwas zurück. Es war sicher auch sehr wichtig, daß eine junge Deutsche diese von den Nazis denunzierte Musik, von entarteten Künstlern, heute wieder singt, nicht nur, weil schon wieder gewisse Konflikte und Gefahren in der Gesellschaft zu beobachten sind.

Ute Lemper , Portrai
Ute Lemper

Ein Journalist hat geschrieben, Musiktheater sei die Richtung,
in die Sie wollen.
Ist das so?

I don't know. Wer weiß? Die Oper Montreal möchte zum Beispiel, daß ich dort die Rolle der Salome über-nehme. Marcel Marceau möchte mit mir "Lulu" von Albert Berg inszenieren. Aber das sind Dinge, die schiebe ich immer noch weg. That's too early.

Ute Lemper mit Michael Nymann bei der Arbeit am "Songbook"

Sie arbeiten seit Mitte 1991 an einer für Sie völlig
neuen Musikrichtung?

Ich war Feuer und Flamme, als mir Michael Nymann, Komponist von allen Greenway-Filmen, anbot, mit ihm zusammen zu arbeiten. In dem Greenway Film "Prospero's Books" habe ich gesungen. In seinem Mozart-Film für die BBC spielte ich den Mozart. Es ging um die zeitgenössische Bearbeitung des Themas. Er kreierte für mich einen Liederzyklus, mit Texten von Paul Celan und Rimbaud, diese, unsere dritte gemeinsame Arbeit wurde auf Tonträger aufgenommen.
Die europäische Tournee lief bis in die ersten Monate von 1992. Diese musikalische Begegnung,

Ute Lemper mit Michael Nymann bei der Arbeit am "Songbook"

abstrakte Musik zu singen, war unheimlich schwierig , weil ich ja immer irgendwie wieder alles vom Theater aufschlüsseln wollte. Sie war für mich die Entdeckung eines Universums von Musik, das mir bisher unbekannt war. Die Emotionen mußten vor der Ästhetik zurück treten. Das war ein ganz neues Singgefühl.

Glauben Sie, mit dieser abstrakten Musik große Säle zu füllen?

Das ist mir egal.

Säle oder Seele?
Die Seele, das hoffe ich. Manchmal erreicht man die Seele, aber nicht die Säle. Wenn man beides erreicht, um so besser. Aber es ist ein künstlerisch wahnsinniges Projekt. Für das gehe ich immer wieder das Risiko ein, die Säle nicht zu füllen. Ich will einfach rigoros sein.
Sie wollen rigoros sein? Die Helmut Newton Fotos von Ihnen sind aufregend.
Würden Sie sich in einer Charakterrolle auf der Bühne nackt ausziehen?

Nein. Weil ich meinen Körper so subtil finde - in all seinen Details, er hat so viele Ecken und Kanten, die nur mir gehören.

"Ich bin mein Beruf" haben Sie gesagt. Denken Sie, daß ein solcher Beruf,
oder in Ihrem Fall eine solche Berufung Sie ein Leben lang erfüllen wird,
oder möchten Sie in der Zukunft Kinder haben?
Ja, natürlich habe ich über Kinder oder über ein eigenes Kind nachgedacht. Einmal, weil die Body-Clock tickt. Mit 25 habe ich gemerkt, da ist etwas, das ich möchte. Irgendwas, was mein Körper, was ich, was meine Seele verlangt. Und dann habe ich sehr überlegt. Ich war nahe dran zu entscheiden, jetzt möchte ich eine Familie haben und einfach als Frau existieren. Durch einige Schicksalsumstände habe ich mich dann in einem Moment dagegen entschieden, und heute (1992) bin ich froh, daß ich unabhängig geblieben bin, mit 28, mich der Kunst voll widmen kann und das Leben einer freien unabhängigen Frau führe. Ich lebe mit einem Mann, aber ich will einfach diese Freiheit haben, meinen Tagesrhytmus zu bestimmen. Das brauche ich für meine Arbeit. Ich muß in der Nacht um 2:00 Uhr anfangen können zu arbeiten und durch bis morgens um acht. Ich habe mit 28 so ein berufliches Glück, das ich nicht vergeuden will, ich möchte das jetzt noch ein paar Jahre, mit viel Arbeitseinsatz durchleben. Das ginge nicht, wenn ich Kinder hätte. Für Kinder muß die Mutter voll dasein. Ich liebe Kinder und ich weiß, daß ich auch genügend Generosität und Liebe habe, um meinem Kind Geborgenheit zu geben, und ich freue mich auf den Zeitpunkt, wenn es sein wird.
In Ihren 5 Filme "L'Autrichienne", "Prospero's Books", "Pierre qui brule", "Moskauparade", "Wenn die Vernunft schläft",
hatten Sie drei Drehorte im Ostblock, wie war es in Rußland?

Im schönen Sommer 1991 war ich 6 Wochen in Moskau, eine Woche vor dem Putsch. Überall standen noch Lenin- und Stalin-Büsten und die ruhmvollen russischen Denkmäler. Ich wohnte die ganze Zeit in einer Wohnung ohne einen Tropfen heißes Wasser. Einmal im Jahr, im Sommer, werden im gesamten Stadtbezirk die Rohre repariert. Dort liefen die Dreharbeiten für den russisch-französischen Beitrag zum diesjährigen Filmfestival in Cannes. Es war interessant, als einzige Ausländerin mit den Russen in den alten Mosfilm-Studios einen Film, "Moskau Parade", mit Ivan Dirkowitschni und mit Fadim Yusuf als Kameramann, zu drehen. Der Film erzählt die Geschichte des Stalinismus um 1939, während des Hitler-Stalin-Paktes. Ich spielte eine Aristokratin, die ihr feudales Leben weiterlebt, nur weil sie einen Stalinisten geheiratet hatte. Eine Liebesaffäre mit einem Schriftsteller, dem der Prozeß gemacht wurde, gipfelte in ihre gemeinsame Flucht.

Nach Moskau hatte ich zwei Monate Drehtage in Warschau, für den Film "Quand La Raison Dort" (Wenn die Zukunft schläft), Produzent: Marcin Ziebinski, ich spiele die Gless. Es ist eine Intrigengeschichte, die im 18. Jahrhundert spielt. Der polnisch-französische Film kommt in diesem Jahr zur Woche der Kritik nach Cannes.

Haben Sie einen Film über
Edith Piaf gedreht?

Nach den 3,5 Monaten im Ostblock drehte ich in den Straßen von Paris einen Film über Edith Piaf, ich singe darin Lieder der Piaf, für das englischen Fernsehen.

Sie proben in Berlin für den "Blauen Engel"
und haben Ihre Herbsttournee so gut wie fertig?

Meine Herbsttournee heißt "Paris - Berlin - New York". Ich singe Lieder aus den 20er Jahren in Berlin, kein Weill/Brecht, sondern mehr Hol-länder und Tucholsky, die französische Zeit um 1940 - 60, also Greco, Montand und Piaf, dann die amerikanische Zeit zwischen Duke Ellington und Cole Porter. Das Ganze will ich in eine Choreographie einbetten. In zwei Wochen beginnen wir mit den Plattenaufnahmen.

Sie tanzten bei Béjart die berühmte
Bolero-Choreographie, zehrt das nicht an Ihren Kräften?
Ballett "La mort subite" kreiert für Ute Lemper, von Maurice Béjart
Im letzten Jahr gab es für mich das sehr interessante Projekt mit Maurice Bejart. Er hat für mich das Ballett " La mort subtile" kreiert. Es handelt sich um eine Frau, die sieben Tode stirbt, also Pentisilea, Salome, Lulu, Mutter Courage usw., alles Figuren aus der Literatur.
Zwei Monate probte ich in der Ballettcompanie von Béjart in Lausanne.

Das Ballett wurde im Palais de Congrés, in Paris uraufgeführt. Gianni Versace, mein langjähriger Lieblingsmodeschöpfer, hatte die Kostüme entworfen.
Bei Béjart habe ich die Bolero-Choreographie getanzt, aber in der Rolle der Salome. Nach zehn Minuten war ich völlig erschöpft und meine Lunge ganz woanders als in meinem Brustkorb. Danach ließ er mich noch das Finale von "Salome" und Ausschnitte aus "Lulu" von Alban Berg singen.

Sind Sie in den klassischen Bereich übergegangen?

Nie im Leben hatte ich daran gedacht, klassisch zu singen. Innerhalb von drei Monaten habe ich es geschafft, habe bis zum "c" und "d" herumgeträllert, mit großer Freude an der Sache. Ich habe Lust bekommen, weiter daran zu arbeiten.

Was tun Sie in Ihrer sicher sehr kurz bemessenen Freizeit?

Ich interessiere mich stark für das politische Leben, das, was in der Welt passiert. Im Fernsehen sehe ich mir Reportagen an, und in welchem Land ich immer bin, die Nachrichten, um so festzustellen, wie verschieden die Darstellungen ein und des selben Sachverhalts sind. Ich lese Zeitungen mit dem
Ballett "La mort subite" kreiert für
Ute Lemper, von Maurice Béjart
gleichen Ergebnis. Im Moment bin ich nicht in der Lage, irgend einen Roman in die Hand zu nehmen, denn die Geschichte ist so akut, so wechselhaft und so überwältigend. Nicht einmal die Kunst kann das verarbeiten, sich so umfassend interpretativ zu äußern. Gerade jetzt interessiert mich das "lebende Theater", das, was jeden Tag passiert (oder nicht passiert: Beschlüsse zum dringlichsten Umweltschutz, die hinaus geschoben werden), will ich sehen und erfahren. Was passiert mit Berlin, was passiert mit der Welt, erhalten wir unsere Mutter Erde lebenswert für künftige Generationen, was passiert mit dem Ostblock, mit Amerika, mit Israel, mit den Palästinensern, das ist was mich zur Zeit interessiert.

Aber da gibt es doch die ellenlangen oberflächlichen Berichte in den Print-
und Elektronischen-Medien über Sehnenrisse der Sportler, neue Lidschatten,
neue Liebschaften, aufregende Skimoden, alles was "In" ist.
Wie stehen Sie dazu?

Ich bin für diese Art der banalen, alltäglichen Problemstellungen überhaupt nicht zu haben, ich habe in meinem Leben keine Zeit zu vergeuden, auch nicht für "small talk", warum trägst Du rote Schuhe zum grünen Kleid, oder brauchen Sie soviel Salz auf ihren Salat, etc. etc. Ich antworte nicht auf Redewendungen, die mich nicht interessieren.

Wir kennen Sie in Deutschland kaum als hart arbeitenden Star.
Wie würden Sie sich als Mensch selbst beschreiben?

Ich denke, ich bin ein absolut zeitgenössischer Mensch. Ich lebe im Heute, bin offen und interessiert. Ich habe zu allem, überall eine Meinung und eine Position. Nur deshalb bin ich auf der Bühne. Das spielt alles zusammen. Wenn ich Weill oder Brecht singe, dann singe ich das so, weil ich meine, das und das passiert in unserer Zeit, in unserer Welt, in unserer Gesellschaft und das will ich aussagen.

Meine Aggressivität ist eine konkrete Aggressivität, nicht eine willkürliche.
Und deshalb bin ich so.

Ute Lemper, Portrai

Ute Lemper

Vielen Dank für das Gespräch

Ute Lemper Homepage

Erfolge bis 1992 : Ute Lemper Foto Helmut Newton
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Kurt-Weill-Abend Theater "Bouffes du Nord", Paris, Ute Lemper als Peter Pan - Berlin, Ute Lemper 1987 den Moliere-Preis (den franz. Schauspielpreis) Ute LemperTournee der Kurt-Weill Abende, führte über Tokio, Hongkong, zwei Großstädte in Australien, 6 Großstädte in den Staaten und 2 in Kanada.
Ute Lemper Erfolge nach 1993 in einer späteren Fortsetzung.

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