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unbeschädigt
und fühlte sich kalt an. Es war so scharf wie zersprungenes Glas.
Und in das schwarze Holz der Wandhalterung war ein Wort graviert: Torheit.
Der Wirt hörte schwere Schritte auf dem hölzernen
Absatz vor der Eingangstür. Der Türriegel klapperte, gefolgt
von lautem »Hallo!« und Pochen. »Einen Moment!«,
rief Kote. Er eilte zum Eingang und drehte den schweren Schlüssel
im blanken Messingschloss.
Graham stand vor ihm, die kräftige Hand zum Anklopfen erhoben. Als
er den Wirt erblickte, zeigte sich auf seinem wettergegerbten Gesicht
ein Lächeln. »War Bast heute wieder vor dir im Dienst?«,
fragte er.
Kote gab ihm ein nachsichtiges Lächeln zur Antwort.
»Er ist ein guter Junge«, sagte Graham. »Bloß
ein bisschen wirr im Kopf. Ich dachte, ihr hättet heute vielleicht
geschlossen.« Er räusperte sich und blickte zu Boden. »Wäre
ja kein Wunder, wenn man bedenkt ...«
Kote steckte den Schlüssel in seine Hosentasche. »Wir haben
geöffnet — wie jeden Tag. Was kann ich für dich tun?«
Graham trat einen Schritt beiseite und wies mit einer Kopfbewegung auf
die Straße, wo auf einem Karren drei Fässer standen. Sie waren
nagelneu, aus hellem, poliertem Holz und blanken Metallreifen. »Mir
war klar, dass ich heute Nacht kein Auge zukriegen würde, und da
hab ich das Letzte schnell für dich zusammengezimmert. Außerdem
hab ich gehört, dass die Bentons heute ihre ersten Spätäpfel
aus-liefern.«
»Danke, das ist sehr freundlich von dir.«
»Schön dicht, darin halten sie den ganzen Winter.« Graham
ging hinüber und klopfte stolz an ein Fass. »Es gibt doch nichts
besseres als einen Winterapfel, um den Hunger in Schach zu halten«,
sagte er wahrscheinlich auch so was wollen — da die Zeiten nun einmal
sind, wie sie sind.«
Einen Moment lang sah es aus, als würde der Wirt gereizt die Stirn
in Falten ziehen. Aber nein, er tat nichts dergleichen. Wie er dort hinter
dem Tresen stand, sah er genauso aus wie immer und trug seine übliche
gelassene, liebenswürdige Miene zur Schau. Er nickte. »Er hat
erwähnt, dass er um die Mittagszeit hier seinem Gewerbe nachgehen
wird. Die Ereignisse gestern Abend haben ihn ein bisschen mitgenommen.
Wenn jemand noch vor der Mittagszeit bei ihm vorstellig werden möchte,
wird er wahrscheinlich noch nicht zu sprechen sein.«
Graham zuckte die Achseln. »Das ist egal. Bis zum Mittag wird der
Ort ohnehin fast ausgestorben sein.« Er trank noch einen Schluck
Bier und sah aus dem Fenster. »Heute ist ein Feldtag, so viel ist
mal gewiss.«
Der Wirt schien sich ein wenig zu entspannen. »Er ist übrigens
morgen auch noch da. Die Leute müssen sich also nicht alle heute
auf ihn stürzen. Man hat ihm in der Nähe von Abbot's Ford das
Pferd geklaut, und jetzt will er sich ein neues beschaffen.«
Graham blickte mitfühlend. »Der Arme. Jetzt in der Erntezeit
wird er hier kein Pferd auftreiben, nicht für Geld und gute Worte.
Selbst Carter hat für Nelly noch keinen Ersatz gefunden, nachdem
ihn dieses Spinnenvieh hinter der alten Steinbrücke angefallen hatte.«
Er schüttelte den Kopf. »Es kommt einem nicht recht vor, dass
so was hier geschieht, keine zwei Meilen von der eigenen Haustür
entfernt. Damals, als —«
Graham hielt inne. »Ach du meine Güte, ich hör mich ja
schon an wie mein alter Herr.» Er zog das Kinn ein wenig ein und
gab seiner Stimme einen barscheren Klang. »Als ich ein kleiner Junge
war, hatten wir noch richtiges Wetter. Der Müller hat den Daumen
von der Waage gelassen, und jeder hat sich um seine eigenen Angelegenheiten
gekümmert.«
Der Wirt lächelte wehmütig. »Mein Vater hat immer gesagt,
das Bier wäre besser gewesen und die Straßen nicht so ausgefahren.«
Graham lächelte kurz, senkte dann aber den Blick, als sei es ihm
unangenehm, was er nun sagen würde. »Ich weiß, du bist
nicht hier aus der Gegend, Kote. Und das ist schwierig. Manche Leute hier
meinen, einer von außerhalb hätte prinzipiell von Tuten und
Blasen keine Ahnung.«
Er atmete tief durch und sah den Wirt immer noch nicht wieder an. »Aber
ich denke mal, du weißt Sachen, die andere nicht wissen. Du guckst
gewissermaßen über den Tellerrand.« Nun sah er wieder
hoch, mit ernstem und müdem Blick, die Augen von Schlafmangel umschattet.
»Stehen die Dinge wirklich so schlimm, wie's in letzter Zeit aussieht?
Die Straßen so schlecht ... Die ewigen Überfälle ...«
Graham hatte sichtlich Mühe, nicht schon wieder auf die bewusste
Stelle des Fußbodens hinabzusehen. »Die ganzen neuen Steuern
rauben einem die letzten Reserven. Die Grayden-Jungs stehen kurz davor,
ihren Hof zu verlieren. Und dann dieses Spinnenvieh.« Er trank noch
einen Schluck Bier. »Stehen die Dinge wirklich so schlimm, wie's
aussieht? Oder bin ich einfach nur alt geworden, so wie mein alter Herr,
und jetzt schmeckt alles ein bisschen bitterer als damals, als ich ein
kleiner Junge war?«
Kote wischte eine ganze Weile über den Tresen, als widerstrebte
es ihm, darauf zu antworten. »Ich glaube, die Dinge stehen meistens
in der einen oder anderen Hinsicht schlimm«, sagte er. »Und
es könnte sein, dass nur wir älteren Leute fähig sind,
das wahrzunehmen.«
Graham begann zu nicken und runzelte dann die Stirn. »Bloß
dass du noch gar nicht alt bist, nicht wahr? Ich vergesse das meist.«
Er musterte ihn. »Ich meine: Du bewegst dich wie ein Alter, und
du redest wie ein Alter, aber du bist gar kein Alter, nicht wahr? Ich
wette, du bist höchstens halb so alt wie ich.« Er sah ihn prüfend
an. »Also, wie alt bist du?«
Der Wirt schenkte ihm ein müdes Lächeln. »Alt genug, um
mich alt zu fühlen.«
Graham schnaubte. »Aber zu jung, um dich wie ein Alter aufzuführen.
Du solltest doch eigentlich draußen rumtollen, den Weibern nachjagen
und dich in Schwierigkeiten bringen. Aber darüber zu jammern, dass
die Welt auch nicht mehr das ist, was sie mal war — das solltest
du uns wirklich alten Leuten überlassen.«
Der alte Zimmermann stand vom Tresen auf und wandte sich zum Gehen. »Wenn
wir Mittagspause machen, komm ich wieder und sprech mal mit euerm Schreiber.
Und ich werd da nicht der Einzige sein. Viele Leute werden irgendwelche
Sachen haben, die sie auf amtliche Weise niedergelegt haben wollen, wenn
sich schon mal die Gelegenheit dazu bietet.«
Der Wirt atmete tief ein und langsam wieder aus. »Graham?«
Der wandte sich noch einmal um, die Hand schon an der Tür.
»Das siehst nicht nur du so«, sagte Kote. »Die Dinge
stehen schlimm, und ich habe so das Gefühl, dass sie noch schlimmer
werden. Es kann auf keinen Fall schaden, sich auf einen harten Winter
einzustellen. Und darüber hinaus eventuell dafür zu sorgen,
dass man sich nötigenfalls verteidigen kann.« Der Wirt zuckte
die Achseln. »Das sagt mir jedenfalls mein Gefühl.«
Graham kniff den Mund zu einem Strich zusammen und nickte knapp. »Tja,
dann bin ich froh, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin.«
Dann rang er sich ein Lächeln ab und begann sich die Ärmel
aufzukrempeln. »Dennoch«, sagte er. »Heu soll man machen,
solange die Sonne scheint.«
Bald darauf kamen die Bentons mit einer Wagenladung Spätäpfel.
Der Wirt kaufte ihnen die Hälfte ab und war anschließend eine
Stunde lang damit beschäftigt, die Äpfel zu sortieren und einzulagern.
Die noch ganz grün und fest waren, kamen in die Fässer im Keller.
Er schichtete die Äpfel vorsichtig auf, füllte die Hohlräume
mit Sägemehl und nagelte zum Schluss die Fassdeckel drauf. Die reiferen
Äpfel wanderten in die Speisekammer, und alle, die irgendwie an¬geschlagen
waren oder braune Stellen hatten, waren verurteilt, zu Apfelmost verarbeitet
zu werden. Sie wurden geviertelt und in einen großen, blechernen
Waschbottich geworfen.
Während er sortierte und einlagerte, wirkte der rothaarige Mann zufrieden.
Doch hätte man genauer hingesehen, so hätte man vielleicht bemerkt,
dass sein Blick, während seine Hände beschäftigt waren,
in weite Fernen schweifte, und dass aus seinem Gesichtsausdruck, wiewohl
er gelassen war, keinerlei Freude sprach. Er summte oder pfiff nicht bei
der Arbeit. Und er sang auch nicht dabei. Als er die Äpfel fertig
sortiert hatte, trug er den Bottich zur Hintertür hinaus. Es war
ein kühler Herbstmorgen, und hinter dem Wirtshaus befand sich, von
einigen Bäumen umschirmt, ein kleiner, privater Garten. Kote kippte
eine Ladung geviertelte Äpfel in die hölzerne Presse, die dort
stand, und schraubte den Deckel drauf.
Dann krempelte er sich die Ärmel hoch, packte mit seinen langen,
anmutigen Händen die Griffe der Presse und zog. Die Presse drückte
die Apfelstücke enger zusammen und zerquetschte sie dann. Drehen
und neu zupacken. Drehen und neu zupacken.
Wenn jemand zugesehen hätte, hätte der bemerkt, dass Kote nicht
die teigigen Arme eines Gastwirts hatte. Während er an den Holzgriffen
zog, traten seine Unterarmmuskeln wie Seilstränge hervor. Alte Narben
zogen sich kreuz und quer darüber. Die meisten waren blass und dünn
wie Risse im Eis. Andere aber waren rot und traten auf der hellen Haut
deutlich hervor.
Die Hände des Wirts packten zu und zogen, packten zu und zo¬gen.
Man hörte nur das rhythmische Knarren im Holz und das träge
Plätschern, mit dem der Most in den darunter stehenden Eimer lief.
Das Ganze hatte einen Rhythmus, aber es lag keine Musik darin, und die
Augen des Wirts blickten abwesend und freudlos und waren so blassgrün,
dass sie fast als grau durchgegangen wären.
Stechpalme
Der Chronist kam die Treppe herab und betrat den Schankraum des Wirtshauses
zum WEGSTEIN, seine flache Ledermappe über der Schulter. Im Durchgang
verharrend, betrachtete er den rothaarigen Wirt, der sich aufmerksam über
etwas auf dem Tresen beugte.
Der Chronist räusperte sich, als er den Raum betrat. »Es tut
mir leid, dass ich so lange geschlafen habe«, sagte er. »Das
ist sonst gar nicht ...« Er verstummte, als er sah, was auf dem
Tresen stand. »Backt Ihr Kuchen?»
Kote, der gerade vorsichtig mit den Fingerspitzen den Teigrand formte,
hob den Blick. »Ja. Wieso?«
Der Chronist öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sein Blick
huschte zu dem Schwert hinauf, das grau und still an der Wand hinter dem
Tresen hing, und dann zu dem rothaarigen Mann zurück, der behutsam
den Teig am Rand einer Backschale betastete. »Was ist es denn für
ein Kuchen?«
»Apfelkuchen.« Kote richtete sich auf und schnitt sorgfältig
drei Schlitze in die Teigdecke. »Wisst Ihr, wie schwierig es ist,
einen wirklich guten Kuchen zu backen?«
»Äh, nein«, gestand der Chronist und sah sich nervös
um. »Wo ist denn Euer Gehilfe?«
»Selbst Gott wäre da aufs Geratewohl angewiesen«, sagte
der Wirt. »So schwierig ist es. Kuchen backen, meine ich. Man möchte
es nicht glauben, aber es gibt da unendlich viel, was man falsch ma-chen
kann. Brot backen ist einfach. Suppe kochen auch. Pudding sowieso. Aber
Kuchen backen — das ist verzwickt. Und das ist etwas, das einem
erst klar wird, wenn man es selbst mal ausprobiert hat.«
Der Chronist nickte vage und schien nicht recht zu wissen, was sonst noch
von ihm erwartet wurde. Er nahm seine Mappe zur Hand und legte sie auf
einen Tisch.
Kote wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Wenn man
Äpfel auspresst, um Apfelwein zu machen — kennt Ihr diese Fruchtmasse,
die dabei übrig bleibt?«
»Den Trester?«
»Trester«, sagte Kote voller Erleichterung. »So heißt
das. Was macht man damit, nachdem man den Saft rausgepresst hat?«
»Aus Traubentrester kann man einen leichten Wein keltern«,
sagte der Chronist. »Und wenn man größere Mengen davon
hat, kann man auch Öl daraus gewinnen. Apfeltrester aber ist ziemlich
nutzlos. Den kann man als Dünger oder Mulch verwenden, er taugt aber
für beides nicht besonders gut. Meistens verfüttern ihn die
Leute an ihr Vieh.»
Kote nickte nachdenklich. »Es kam mir auch so vor, dass sie den
Trester nicht einfach nur wegwerfen. Hier in der Gegend wird alles irgendwie
noch weiterverwertet. Trester.« Er sprach es aus, als kos¬tete
er das Wort. »Darüber hab ich mir jetzt seit zwei Jahren immer
mal wieder den Kopf zerbrochen.«
Der Chronist guckte verdutzt. »Das hätte Euch doch jeder hier
im Ort sagen können.«
Der Wirt runzelte die Stirn. »Wenn es etwas ist, das jeder weiß,
kann ich es mir nicht leisten, danach zu fragen«, sagte er.
Man hörte eine Tür zufallen und dann ein fröhliches Pfeifen.
Bast kam aus der Küche, einen Haufen dorniger Stechpalmenzweige auf
den Armen, die in ein weißes Tuch gewickelt waren.
Kote nickte entschlossen und rieb sich die Hände. »Wunderbar.
Also wie —« Er kniff die Augen zusammen. »Ist das etwa
eins von meinen guten Laken?«
Bast blickte auf das Bündel hinab. »Na ja, Reshi«, sagte
er. »Kommt drauf an. Hast du auch schlechte Laken?«
Die Augen des Wirts blitzten kurz wütend, doch dann seufzte er. »Ist
ja auch egal.« Er zog einen langen Zweig aus dem Bündel hervor.
»Und was machen wir damit?«
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Apfel
und Holunder
Bast lehnte gelangweilt
an dem langen Mahagonitresen. Er sah sich in dem leeren Schankraum um,
seufzte und kramte ein sauberes Leinentuch hervor. Dann begann er mit
resignierter Miene einen Abschnitt des Tresens zu polieren.
Bald darauf beugte er sich vor und beäugte einen bis dahin übersehenen
Fleck. Er schabte mit einem Fingernagel daran herum und runzelte angesichts
des Schmierfilms, den sein Finger hinterließ, die Stirn. Sich noch
weiter vorbeugend, hauchte er auf die Stelle, so dass sie beschlug, und
polierte energisch nach. Dann hielt er inne, hauchte noch einmal aufs
Holz und schrieb mit dem Finger ein obszönes Wort in den Dunst.
Dann warf er das Tuch beiseite und ging zwischen den leeren Tischen hindurch
zu den breiten Wirtshausfenstern. Dort blieb er einen Moment lang stehen
und sah auf die unbefestigte Straße hinaus, die durch die Mitte
des Orts verlief.
Er seufzte erneut und fing an, im Raum auf und ab zu gehen. Er bewegte
sich mit der beiläufigen Anmut eines Tänzers und der vollkommenen
Nonchalance einer Katze. Doch wenn er sich mit den Händen durchs
dunkle Haar fuhr, wirkte diese Geste rastlos. Seine blauen Augen blickten
unablässig im Raum hin und her, als suchte er nach einem Ausgang.
Als suchte er nach etwas, das er nicht schon hunderte Male gesehen hatte.
Doch da war nichts Neues. Leere Tische und Stühle. Leere Hocker vor
dem Tresen. Auf dem Büfett dahinter ragten zwei mächtige Fässer
empor, eines für Whiskey, eines für Bier. Zwischen den Fässern
stand ein buntes und vielgestaltiges Flaschensortiment. Und über
den Flaschen hing ein Schwert.
Basts Augenmerk richtete
sich auf die Flaschen. Er betrachtete sie abwägend, kehrte wieder
hinter den Tresen zurück und nahm einen Tonkrug zur Hand.
Er atmete tief ein und wies mit dem Zeigefinger auf die erste Flasche
der unteren Reihe. Während er mit dem Finger an der Flaschenreihe
entlang fuhr, sang er leise vor sich hin:
Maid und
Maibaum.
Zwist zu Zwein.
Esche. Asche.
Holderwein.
Beim letzten Ton
zeigte er auf eine gedrungene, grüne Flasche. Er entkorkte sie, probierte
ein Schlückchen und verzog schaudernd das Gesicht. Schnell stellte
er die Flasche zurück und nahm stattdessen eine bauchige, rote zur
Hand. Auch von deren Inhalt kostete er, bewegte nachdenklich die befeuchteten
Lippen aneinander, nickte und goss sich Frau am Feuer. Mondgesicht.
Fichte.
Fenster. Kerzenlicht.
Diesmal war es eine
klare Flasche mit einer hellgelben Flüssigkeit darin. Bast zog den
Korken heraus und kippte sich, ohne zu probieren, einen Schuss in den
Krug. Dann stellte er die Flasche beiseite, schwenkte den Krug dramatisch
und trank einen tiefen Schluck. Ein Strahlen zeigte sich auf seinem Gesicht,
und er schnippte mit dem Finger an die Flasche und ließ sie hell
erklingen, eh er seinen Singsang wieder aufnahm: ein ordentliches Quantum
ein. Dann deutete er auf die nächste Flasche und setzte seinen Singsang
fort:
Bierfass
- Barfuß.
Stein und tock.
Wind und Wasser —
Eine Diele knarrte,
und Bast hob den Blick und lächelte freudig. »Guten Morgen,
Reshi.«
Der rothaarige Wirt stand am Fuß der Treppe. Er strich sich mit
den feingliedrigen Händen über die saubere Schürze und
die langen Hemdsärmel. »Ist unser Gast schon wach?«
Bast schüttelte den Kopf. »Hab keinen Mucks gehört.«
»Er hat ein paar harte Tage hinter sich«, sagte Kote. »Das
hat ihn jetzt wahrscheinlich eingeholt.« Er stutzte, hob den Kopf
und schnupperte. »Hast du getrunken?« Die Frage klang eher
neugierig als vorwurfsvoll.
»Nein«, sagte Bast.
Der Wirt hob eine Augenbraue.
»Ich habe probiert«, sagte Bast. »Das Probieren geht
dem Trinken voraus.«
»Ah«, sagte der Wirt. »Dann hast du dich also bereit
gemacht zu trinken?«
»Aber ja», sagte Bast. »Und zwar bis zum Exzess. Was
gibt's denn hier auch sonst zu tun?« Bast zog seinen Krug unterm
Tresen hervor und sah hinein. »Ich hatte auf Holunder gehofft, aber
das ist irgendeine Melonenart.« Er schwenkte den Krug und überlegte.
»Und irgendwas Würziges.« Er trank noch einen Schluck
und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Zimt?«, fragte
er und sah sich zu den Flaschenreihen um. »Haben wir überhaupt
noch Holunder?«
»Steht da irgendwo«, sagte der Wirt, ohne hinzublicken. »Warte
mal kurz, und hör mir zu, Bast. Wir müssen reden. Über
das, was du gestern Abend getan hast.«
Bast erstarrte. »Was hab ich denn getan, Reshi?«
»Du hast dieses Mael-Wesen aufgehalten«, sagte Kote.
»Ach so, das.« Bast entspannte sich wieder und machte eine
wegwerfende Geste. »Ich hab es nur ein wenig gebremst, Reshi. Weiter
nichts.«
Kote schüttelte
den Kopf. »Dir war klar: Das ist nicht nur irgendein Verrückter.
Und du hast versucht, uns zu warnen. Wenn du nicht so schnell reagiert
hättest ...«
Bast runzelte die Stirn. »Nicht schnell genug, Reshi. Es hat Shep
erwischt.« Er blickte auf den gründlich geschrubbten Dielenboden
vor dem Tresen. »Ich mochte Shep.«
»Alle anderen werden glauben, dass uns der Schmiedelehrling gerettet
hat«, sagte Kote. »Und das ist wahrscheinlich auch besser
so. Ich aber weiß, wie es wirklich war. Wenn du nicht gewesen wärst,
hätte dieses Wesen alle hier niedergemetzelt.«
»Ach, Reshi, das stimmt doch nicht«, sagte Bast. »Du
hättest es auch im Handumdrehen erledigt. Ich bin dir nur zuvorgekom¬men.«
Der Wirt tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab. »Der gestrige
Abend hat mich nachdenklich gemacht«, sagte er. »Ich überlege,
was wir tun könnten, um hier für ein bisschen mehr Sicherheit
zu sorgen. Hast du mal >Die weißen Reiter< gehört?«
Bast lächelte. »Das war schon unser Lied, bevor es eures wurde,
Reshi.« Er holte Luft und sang mit schöner Tenorstimme:
Sie ritten Pferde wie Schnee so weiß.
Die Schwerter und Bögen silbern wie Eis. Sie trugen frische Kränze
ums Haupt Mit roten Beeren und grün belaubt.
Mit roten Beeren und grün belaubt.Der Wirt nickte. »Genau an
diese Strophe habe ich gedacht. Meinst du, du könntest dich darum
kümmern, während ich hier alles vorbereite?«
Bast nickte begeistert und stürmte förmlich hinaus, hielt nur
an der Küchentür noch einmal inne. »Ihr fangt aber nicht
ohne mich an, ja?«, fragte er besorgt.
»Wir fangen an, sobald unser Gast gefrühstückt hat und
bereit ist«, sagte Kote. Als er den Ausdruck auf dem Gesicht seines
Schülers sah, ließ er sich ein wenig erweichen. »Du hast
also noch ein oder zwei Stunden Zeit, nehme ich an.«
Anschließend kamen die Männer zurück in den Schankraum,
jeder auf seine Seite des Tresens. Einen Moment lang herrschte Schweigen,
indes sich Graham in dem leeren Raum umsah. Am Tresen standen zwei Hocker
weniger als sonst, und an einer Stelle fehlte ein Tisch. In dem sonst
so ordentlichen Schankraum fiel so etwas sofort auf, wie fehlende Zähne
in einem Gebiss.
Graham löste den Blick von einem gründlich geschrubbten Bodenabschnitt
vor dem Tresen. Er griff in seine Hosentasche und zog zwei stumpfe Eisen-Scherflein
hervor, und seine Hand zitterte kaum dabei. »Machst du mir bitte
ein kleines Bier, Kote?«, sagte er mit rauher Stimme. »Ich
weiß, es ist noch früh, aber ich hab einen langen Tag vor mir.
Ich helfe den Murrions bei der Weizenernte.«
Der Wirt zapfte das Bier und stellte es Graham wortlos hin. Der trank
es in einem tiefen Zug halb aus. Seine Augen waren gerötet. »Schlimme
Sache gestern Abend», sagte er, ohne Blickkontakt zu suchen, und
trank noch einen Schluck.
Kote nickte. Schlimme Sache gestern Abend. Das war wahrscheinlich das
Einzige, was Graham über den Tod eines Mannes zu sagen hatte, den
er von Kindesbeinen an gekannt hatte. Diese Leute waren vertraut mit dem
Tod. Sie schlachteten ihr Vieh selbst. Sie starben an Fieber, an Stürzen
oder an nicht heilenden Knochenbrüchen. Der Tod war wie ein unangenehmer
Nachbar. Man sprach nicht über ihn, aus Furcht, er könnte davon
erfahren und sich zu einem Besuch aufgefordert fühlen.
Außer in Geschichten natürlich. Geschichten über vergiftete
Könige oder Duelle oder lang zurückliegende Kriege waren in
Ordnung. Sie kleideten den Tod in fremde Gewänder und schickten ihn
weit von der eigenen Haustür fort. Ein Kaminbrand oder Krupphusten:
Das war beängstigend. Gibeas Gerichtsverfahren aber oder die Belagerung
von Enfast: Das war etwas anderes. Das war wie die Gebete oder wie die
Beschwörungsformeln, die man vor sich hin murmelte, wenn man nachts
allein durch die Dunkelheit ging. Diese Geschichten waren wie die billigen
Amulette, die man, nur für alle Fälle, einem Hausierer abkaufte.
»Ich hab noch nie ein Fass mit Messingreifen gemacht, aber die hier
sind mir wirklich gut gelungen. Sag Bescheid, falls sie sich lösen
sollten. Dann kümmere ich mich drum.«
»Freut mich, dass es kein allzu großer Umstand war«,
sagte der Wirt. »Der Keller ist feucht, und ich fürchte, Eisen
würde in ein paar Jahren glatt durchrosten.«
Graham nickte. »Sehr vernünftig«, sagte er. »Nur
wenige Leute denken so vorausschauend.« Er rieb sich die Hände.
»Hilfst du mir reintragen? Nicht dass ich versehentlich eins fallenlasse
und dein Boden eine Schramme abkriegt.«
Sie machten sich an die Arbeit. Zwei Fässer kamen in den Keller.
Belustigung huschte über das Gesicht des Wirts. »Und ich werd
dich rufen, bevor wir anfangen.« Dann machte er eine scheuchende
Handbewegung. »Jetzt aber los!«
Der Mann, der sich Kote nannte, ging im Wirtshaus zum WEGSTEIN seiner
üblichen Morgenroutine nach. Er bewegte sich wie ein Uhrwerk, wie
ein Wagen, der in ausgefurchten Fahrspuren den Weg hinabrollt.
Als Erstes kam das Brot. Er mischte mit den Händen, ohne abzumessen,
Mehl, Zucker und Salz. Dann fügte er aus einem Tontopf in der Vorratskammer
Sauerteig hinzu, knetete alles gründlich durch, formte die Laibe
und stellte sie zum Aufgehen beiseite. Er schaufelte die Asche aus dem
Küchenofen und feuerte ihn an.
Als Nächstes ging er in den Schankraum und machte auch in dem schwarzen
Kamin Feuer, nachdem er die Asche aus der großen Kaminsohle an der
Nordwand gekehrt hatte. Er pumpte Wasser, wusch sich die Hände und
holte ein Stück Lammfleisch aus dem Keller. Er hackte frisches Anzündholz,
trug Brennholz herein, gab den aufgehenden Broten einen Klaps und stellte
sie näher an den nun warmen Ofen.
Und dann gab es mit einem Mal nichts mehr zu tun. Alles war bereit. Alles
war sauber und geordnet. Der rothaarige Mann stand hinter dem Tresen,
und sein Blick kehrte langsam aus der Ferne zurück und richtete sich
auf das Hier und Jetzt, auf das Wirtshaus.
Schließlich verharrte sein Blick bei dem Schwert, das über
den Flaschen an der Wand hing. Es war kein sonderlich schönes Schwert,
weder reich verziert noch sonst irgendwie auffällig. In gewisser
Weise aber wirkte es bedrohlich, wie auch eine hohe Felsklippe bedrohlich
wirkt. Es war grau und
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