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Der Name des Windes
Leseprobe, Buchumschlag und Fotos Klet-Cotta Verlag
Sämtliche Fotos, Text und Design Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin und
JBM-marketing, Pf. 140315, D-40073 Düsseldorf

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Der Name des Windes


Der Name des Windes


Fantasy-Roman

Klett Cotta Verlag
862 S. gb.24,95 € (D)
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Dorfs. Verdammt. Ich ...« Er verstummte. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Er sah sich hilflos um.
Cob gelang es schließlich, sich von Jake loszureißen. »Ich hab's dir gesagt«, wiederholte er und fuchtelte mit dem Zeigefinger in Carters Richtung. »In
letzter Zeit sind da Leute unterwegs, die dich für ein paar Pennys abmurksen würden, von einem Pferdefuhrwerk ganz zu schweigen. Und was machst du jetzt? Willst du den Wagen selber ziehen?«
Betretenes Schweigen. Jake und Cob funkelten einander an, den anderen fehlten offenkundig die Worte, und sie wussten nicht, wie sie ihren Freund trösten sollten.
Der Wirt bewegte sich vorsichtig durch die Stille. Flink ging er mit vollen Armen um Shep herum und stellte auf einem nahen Tisch einige Utensilien bereit: eine Schüssel mit heißem Wasser, eine Schere, saubere Leinentücher, einige Fläschchen, Nadel und Faden.
»Wenn er auf mich gehört hätte, wäre das nie passiert«, grummelte der alte Cob. Jake versuchte ihn zu beruhigen, aber Cob schob ihn beiseite. »Das ist die reine Wahrheit. Es ist wirklich jammerschade um Nelly, und wenn er jetzt nicht endlich auf mich hört, geb ich ihm auch nicht mehr lange. Zweimal entrinnt man solchen Leuten nicht.«
Carter verzog den Mund zu einem Strich. Er zog an der blutbe-fleckten Decke. Etwas, das darin eingewickelt war, fiel zur Seite und blieb am Stoff hängen. Carter zog fester, und es polterte, als würde ein Sack voller Bachkiesel auf den Tisch gekippt.
Es war eine Spinne, groß wie ein Wagenrad und schieferschwarz.
Der Schmiedelehrling machte einen Satz nach hinten, stieß dabei
einen Tisch um und wäre fast der Länge nach hingeschlagen. Cob
klappte die Kinnlade herunter. Graham, Shep und Jake stießen

Schreckenslaute aus, wichen zurück und hielten sich die Hände vors Gesicht. Carter trat einen Schritt beiseite, und es sah fast aus wie ein nervöses Zucken. Stille erfüllte den Raum, Stille wie ein kalter Schweißausbruch.
Der Wirt runzelte die Stirn. »Die können es doch noch nicht so weit nach Westen geschafft haben«, murmelte er.
Wäre es nicht so still im Raum gewesen, hätte ihn wahrscheinlich keiner gehört. So aber hörten ihn alle. Sie wandten den Blick von dem Ding auf dem Tisch ab und starrten den rothaarigen Mann an.
Jake fand als erster die Sprache wieder. »Du weißt, was das ist?«
Der Wirt blickte abwesend. »Skrael«, sagte er beiläufig. »Ich dachte, das Gebirge —«
»Skrael?«, unterbrach ihn Jake. »Beim geschwärzten Leib Gottes, Kote. Du hast so etwas schon einmal gesehen?»
»Was?« Der rothaarige Wirt sah abrupt auf, so als würde ihm plötzlich wieder bewusst, wo er war. »Oh. Nein. Nein, natürlich nicht.« Er bemerkte, dass er als einziger nur eine Armeslänge von dem dunklen Ding entfernt stand, und trat einen Schritt zurück. »Ich habe da bloß was gehört.« Die anderen starrten ihn an. »Erinnert ihr euch an den Händler, der vor gut zwei Spannen hier durchgekommen ist?«
Sie nickten. »Der Scheißkerl wollte mir zehn Pennys für ein halbes Pfund Salz abknöpfen«, sagte Cob reflexhaft und brachte diese Klage damit zum vielleicht hundertsten Mal vor.
»Ich wünschte, ich hätte welches gekauft«, murmelte Jake. Graham nickte.
»Das war ein Halsabschneider«, spie Cob. »In schweren Zeiten zahle ich vielleicht zwei Pennys, aber zehn, das ist doch der reinste Wucher.«
»Nicht, wenn es da draußen noch mehr von denen gibt», sagte Shep finster.
Alle Blicke richteten sich wieder auf das Ding auf dem Tisch.
»Er hat mir erzählt, er hätte in der Nähe von Melcombe von diesen Viechern gehört«, sagte Kote schnell und beobachtete die Gesichter der anderen, die das Wesen auf dem Tisch betrachteten. »Ich dachte, er wollte bloß die Preise in die Höhe treiben.«
»Was hat er denn sonst noch erzählt?«, fragte Carter.

Der Wirt blickte einen Moment lang nachdenklich und zuckte dann die Achseln. »Ich habe nicht alles mitbekommen. Er war nur ein paar Stunden im Dorf.«
»Ich kann Spinnen nicht ausstehen«, sagte der Schmiedelehrling. Er stand immer noch gut fünf Meter vom Tisch entfernt. »Deckt sie zu.«
»Das ist keine Spinne«, sagte Jake. »Es hat keine Augen.«
»Es hat auch kein Maul«, bemerkte Carter. »Wie es wohl frisst?« »Und was es wohl frisst?«, fügte Shep mit finsterer Miene hinzu. Der Wirt betrachtete das Ding mit bedächtiger Neugier. Er beugte sich vor und streckte eine Hand aus. Die anderen wichen noch weiter zurück.
»Vorsicht«, sagte Carter. »Die Füße sind messerscharf.«
»Scharf wie Rasiermesser«, sagte Kote. Mit seinen langen Fingern fuhr er über den schwarzen, keine besonderen Merkmale aufweisenden Leib des Skraels. »Es ist glatt und hart, wie Keramik.«
»Mach keinen Blödsinn«, sagte der Schmiedelehrling.
Der Wirt nahm vorsichtig eins der langen, glatten Beine und versuchte es mit beiden Händen wie einen Stock zu zerbrechen. »Nein, nicht wie Keramik«, berichtigte er sich. Er schob das Bein über die Tischkante und stützte sich mit ganzem Gewicht darauf. Das Bein brach mit einem lauten Knacken. »Eher wie Stein.« Er sah zu Carter hinüber. »Woher kommen denn die ganzen Risse?« Er zeigte auf die feinen Furchen, von denen die ansonsten glatte, schwarze Körperoberfläche überzogen war.
»Nelly ist drauf gefallen«, sagte Carter. »Es kam aus einem Baum gesprungen und ist auf ihr rumgekrabbelt und hat sie mit seinen Füßen geschnitten. Das ging blitzschnell. Ich habe gar nicht begriffen, was da vor sich ging.« Endlich sank Carter auf Grahams Drängen hin auf einen Stuhl. »Sie hat sich in ihrem Geschirr verheddert und ist auf das Ding draufgestürzt und hat ihm dabei ein paar Beine gebrochen. Dann hat es sich auf mich gestürzt und ist auf mir rumgekrabbelt.« Er verschränkte die Arme vor seiner blutigen Brust und schauderte. »Ich konnte es abschütteln und habe es mit aller Kraft getreten. Aber dann hat es sich wieder auf mich gestürzt ...« Er verstummte, das Gesicht aschfahl.

Der Wirt nickte und betastete das Ding weiter. »Kein Blut. Keine Organe. Es ist innerlich nur grau.« Er drückte es mit einem Finger. »Wie ein Pilz.«
»Großer Tehlu, fass es nicht an«, flehte der Schmiedelehrling. »Manchmal zucken Spinnen noch, auch wenn sie schon tot sind.»
»Ihr müsstet euch mal hören», höhnte Cob. »Spinnen werden nicht so groß wie Schweine. Ihr wisst doch ganz genau, was das ist.» Er sah sich um und blickte nacheinander allen in die Augen. »Das ist ein Dämon.«
Sie sahen wieder zu dem zerbrochenen Ding hinüber.
»Also bitte», widersprach Jake, mehr aus Gewohnheit. »Das ist doch kein ...« Er machte eine hilflose Geste. »Das kann doch kein ...«
Alle wussten, was er dachte. Es gab ganz gewiss Dämonen auf dieser Welt. Aber sie waren wie Tehlus Engel. Sie waren wie Helden und Könige. Sie gehörten in Geschichten. Sie gehörten nicht hierher. Taborlin der Große beschwor Feuer und Blitz herbei, um Dämonen zu vernichten. Tehlu zerschmetterte sie mit bloßen Händen und schleuderte sie dann hinab in das namenlose Nichts. Aber ein Freund aus Kindertagen trampelte so einen Dämon doch nicht auf der Straße nach Baedn-Bryt zu Tode. Das war einfach nur lachhaft.
Kote fuhr sich mit der Hand durch den roten Schopf und brach dann das Schweigen. »Es gibt zwei Methoden, das festzustellen«, sagte er und griff in seine Tasche. »Eisen und Feuer.« Er zog einen prall gefüllten ledernen Geldbeutel hervor.
»Und der Name Gottes«, bemerkte Graham. »Dämonen fürchten dreierlei: kaltes Eisen, reines Feuer und den heiligen Namen Gottes.«
Der Wirt verzog leicht missbilligend den Mund. »Natürlich«, sagte er, leerte den Beutel auf den Tisch und tastete in dem Münzhaufen umher — schwere Silbertalente und kleinere Silbermünzen, Kupfer-Jots, zerbrochene Halbpennystücke und Eisendeute. »Hat jemand ein Scherflein?«

Nimm doch einen Deut«, sagte Jake. »Das ist gutes Eisen.«
»Ich will kein gutes Eisen», sagte der Wirt. »Ein Deut enthält zu viel Kohlenstoff. Das ist fast schon Stahl.»
»Da hat er recht«, sagte der Schmiedelehrling. »Aber es ist kein Kohlenstoff. Für Stahl nimmt man Kohle. Kohle und Kalk.«
Der Wirt nickte dem Jungen anerkennend zu. »Du musst es wissen, junger Meister. Es ist ja schließlich dein Metier.« Mit seinen langen Fingern fand er endlich ein Scherflein in seinem Münzhaufen und hielt es empor. »Da hätten wir eins.«
»Und was erreichst du damit?«, fragte Jake.
»Mit Eisen tötet man Dämonen«, sagte Cob mit unsicherer Stim-me, »aber der hier ist schon tot. Vielleicht hat es gar keine Wirkung mehr.«
»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.« Der Wirt suchte kurz den Blickkontakt mit jedem von ihnen. Dann wandte er sich entschlossen zum Tisch um. Die anderen wichen noch etwas weiter zurück.
Kote drückte dem schwarzen Wesen die Eisenmünze in die Seite. Ein lautes Knacken ertönte, wie von einem Kiefernscheit im Feuer. Alle erschraken, beruhigten sich aber gleich wieder, als sich das schwarze Ding nicht regte. Cob und die anderen fingen an, einander zaghaft anzugrinsen, wie kleine Jungen, denen eine Gruselgeschichte einen Schrecken eingejagt hat. Dieses Lächeln wich einem säuer¬lichen Blick, als sich im Schankraum ein Gestank wie von modern¬den Blumen und angesengtem Haar breitmachte.
Der Wirt drückte die Münze mit lautem Klacken auf die Tischplatte. »Tja«, sagte er und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Damit wäre das dann ja wohl geklärt. Und was machen wir jetzt?«
Stunden später stand der Wirt am Eingang des Gasthauses und schaute hinaus in die Dunkelheit. Der Lampenschein aus den Wirtshausfenstern fiel über die unbefestigte Straße bis auf die Tore der Schmiede gegenüber. Diese Straße war weder breit noch viel befahren. Und sie schien nirgends hinzuführen, wie das bei manchen Straßen so ist. Der Wirt atmete die Herbstluft tief ein und sah sich unruhig um, so als erwarte er, dass etwas geschehen würde.
Er nannte sich Kote. >>>>


Straßen, die in Sicherheit führen

Die großartigste Fähigkeit des menschlichen Geistes ist vielleicht die, mit Schmerzen fertig zu werden. Die klassische Philosophie
spricht hier von den vier Pforten des Geistes, die man durchschreiten kann.
Die erste Pforte ist die des Schlafs. Der Schlaf bietet uns Zuflucht vor der Welt und all ihrem Leid. Im Schlaf vergeht die Zeit, und das verschafft uns Abstand zu den Dingen, die uns Schmerz zugefügt haben. Wenn Menschen Verletzungen erleiden, werden sie oft bewusstlos, und jemand, der eine furchtbare Nachricht erhält, fällt vielleicht in Ohnmacht. Der Geist schützt sich also vor dem Schmerz, indem er diese erste Pforte durchschreitet.
Die zweite Pforte ist die des Vergessens. Manche Wunden sind zu tief, um wieder verheilen zu können, oder zumindest zu tief für eine schnelle Heilung. Hinzu kommt, dass manche Erinnerungen ausschließlich schmerzlich sind und sich da nichts heilen lässt. Das Sprichwort »Die Zeit heilt alle Wunden« entspricht nicht der Wahrheit. Die Zeit heilt die meisten Wunden. Die übrigen sind hinter dieser Pforte verborgen.
Die dritte Pforte ist die des Wahnsinns. Manchmal erhält der Geist einen so verheerenden Schlag, dass er sich in den Wahnsinn flüchtet. Das ist nützlicher, als es zunächst scheint. Manchmal besteht die Wirklichkeit nur noch aus Schmerz, und um diesem Schmerz zu entrinnen, muss der Geist die Wirklichkeit hinter sich lassen.
Die vierte und letzte Pforte ist die des Todes. Der letzte Ausweg.
Wenn wir erst einmal tot wären, könne uns nichts mehr etwas anhaben — heißt es jedenfalls.

Nach dem Mord an meiner Familie ging ich tief in den Wald hinein und schlief. Meinen Körper verlangte es danach, und mein Geist nutzte die erste Pforte, um den Schmerz zu lindern. Die Wunde wurde erst einmal abgedeckt, bis die Zeit kommen würde, da sie hei¬len konnte. Ein Gutteil meines Geistes stellte aus Gründen der Selbstverteidigung die Arbeit ein — legte sich, wenn man so will, schlafen.
Und während mein Geist schlief, wurden viele schmerzliche Aspekte des vergangenen Tages durch die zweite Pforte geleitet. Nicht jedoch alle. Ich vergaß nicht, was geschehen war, aber die Erinnerung wurde getrübt, so als sähe ich sie durch einen dichten Schleier. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich die Erinnerung an die Gesichter der Toten und an den Mann mit den schwarzen Augen wieder heraufbeschwören können. Doch ich wollte mich nicht daran erinnern. Ich schob diese Gedanken beiseite und ließ sie in einem nur selten genutzten Winkel meines Geistes verblassen.
Und ich träumte — doch nicht von Blut, glasig blickenden Augen und dem Gestank brennender Haare, sondern von angenehmen Dingen. Und so wurde die Wunde ganz allmählich betäubt ...

In meinem Traum ging ich mit Laclith, dem Holzfäller, der, als ich noch kleiner war, eine Zeitlang mit unserer Truppe gereist war, durch den Wald. Er bewegte sich fast lautlos durchs Unterholz, wohingegen ich mehr Lärm machte als ein verwundeter Ochse, der einen umgestürzten Karren hinter sich herzieht.
Nach langem, sehr angenehmem Schweigen blieb ich stehen, um mir eine Pflanze anzusehen. Laclith stellte sich hinter mich. »Bartsalbei«, sagte er. »Das erkennt man an den Rändern.« Er strich sacht mit einem Finger einen Blattrand entlang. Es sah tatsächlich wie ein Bart aus. Ich nickte.
»Das ist eine Weide. Wenn man die Borke kaut, wirkt sie schmerzlindernd.« Ich probierte es, und es schmeckte bitter. »Das ist Juckwurz. Fass bloß nicht die Blätter an.« Ich machte einen großen Bogen darum. »Das ist Christophskraut. Die Beeren sind essbar, wenn sie rot sind, nicht aber, solange sie noch grün oder gelb sind.


Buchauzüge

Prolog
Eine dreistimmige Stille

Es war wieder Abend geworden. Das Wirtshaus zum WEGSTEIN lag in Stille, und es war eine dreistimmige Stille.
Der vernehmlichste Teil dieser Stille war dumpf und lastend und verdankte sich dem, was fehlte. Hätte ein Wind geweht, so hätte er in den Bäumen geseufzt, hätte das Wirtshausschild quietschend zum Schaukeln gebracht
und die Stille wie trudelndes Herbstlaub die Straße hinabgeweht. Wäre das Wirtshaus gut besucht gewesen, hätten sich dort auch nur eine Handvoll Männer aufgehalten, so hätten sie die Stille mit Geplauder und Gelächter erfüllt, mit dem Radau und Bohei, den man in dunklen Abendstunden in
einer Schenke erwartet. Wäre Musik erklungen ... aber nein, natürlich erklang keine Musik. All das fehlte, und so blieb es still.
Im Schankraum saßen zwei Männer an einem Tresenende beieinander. Sie tranken mit stiller Entschlossenheit und mieden ernsthafte Gespräche über beunruhigende Neuigkeiten. Und indem sie das taten, fügten sie der großen, dumpfen Stille eine kleine, mürrische hinzu. Daraus entstand ein Gemisch,
mit einer gegenläufigen Stimme.
Die dritte Stille war weit weniger vernehmlich. Hätte man eine Stunde lang gelauscht, so hätte man vielleicht begonnen, sie im Dielenboden des Raumes oder in den Holzfässern hinterm Tresen zu erahnen. Sie lag in der steinernen Masse des schwarzen Kamins, der noch die Wärme eines erloschenen Feuers barg. Sie lag im langsamen Hin und Her eines weißen Leinentuchs, das die Maserung des Tresens entlangfuhr. Und sie lag in den Händen des Mannes, der dort stand und eine Mahagonifläche polierte, die bereits im Lampenschein glänzte.
Der Mann hatte leuchtend, ja flammend rotes Haar. Seine Augen blickten dunkel und abwesend, und er bewegte sich mit einer Sicherheit, die sich aus vielfältigem Wissen speiste.
Das Wirtshaus gehörte ihm, wie ihm auch die dritte Stille gehörte. Und das war nur recht und billig so, denn sie war die größte der dreifachen Stille und schloss die anderen ein. Sie war so tief und so weit wie der Spätherbst. Sie wog so schwer wie ein großer, vom Fluss glatt geschliffener Stein. Es war der geduldige, blumensichelnde Laut eines Mannes, der darauf wartet zu sterben.

Ein Ort für Dämonen

Es war Felling-Abend, und die übliche Runde hatte sich im Wirtshaus zum WEGSTEIN eingefunden. Fünf Mann waren keine große Runde, aber mehr kamen dieser Tage selten ins Wirtshaus, da die Zeiten nun einmal waren, wie sie waren.
Der alte Cob ging ganz in seiner Rolle des Geschichtenerzählers und Ratgebers in allen Lebenslagen auf. Die übrigen Männer am Tresen tranken und hörten zu. Im Hinterzimmer stand der junge Gastwirt hinter der Tür und lauschte lächelnd den Einzelheiten einer altbekannten Geschichte.
»Als er erwachte, fand sich Taborlin der Große in einem hohen Turm eingeschlossen. Man hatte ihm sein Schwert abgenommen und seiner Werkzeuge beraubt: Der Schlüssel, die Münze und die Kerze waren fort. Aber das war noch nicht einmal das Schlimmste, denn ...«, sagte Cob und machte eine Kunstpause, »... denn die Lampen an der Wand brannten blau!«
Graham, Jake und Shep nickten. Die drei Freunde waren gemeinsam aufgewachsen, hatten all die Jahre Cobs Geschichten gelauscht und seine Ratschläge missachtet.
Cob sah zu dem neuen, aufmerksameren Mitglied seiner kleinen Zuhörerschar hinüber, dem Schmiedelehrling. »Weißt du, was das bedeutet, Junge?« Alle nannten den Schmiedelehrling »Junge«, obwohl er eine Handbreit größer war als jedermann sonst. Wie in kleinen Ortschaften üblich, würde er wahrscheinlich so lange der »Junge« bleiben, bis ihm ein Vollbart wuchs oder er deswegen jemandem die Nase blutig schlug.
Der Junge nickte. »Die Chandrian.«
»Stimmt genau«, sagte Cob anerkennend. »Die Chandrian. Es ist allgemein bekannt, dass blaues Feuer eines ihrer Zeichen ist. Nun war er also —«
»Aber wie haben sie ihn gefunden?«, unterbrach ihn der Junge. »Und warum haben sie ihn nicht getötet, als sie die Gelegenheit dazu hatten?«
»Sei still, das erfährst du noch früh genug«, sagte Jake. »Lass ihn weitererzählen.«
»Ruhig Blut, Jake«, sagte Graham. »Der Junge ist nur neugierig. Trink dein Bier.«
»Mein Bier ist alle«, murrte Jake. »Ich brauch ein neues, aber der Wirt ist ja immer noch im Hinterzimmer am Rattenabziehen.« Er pochte mit dem leeren Krug auf den Tresen und rief: »He, wir verdursten hier!«
Der Wirt erschien mit fünf Schalen Eintopf und zwei ofenwarmen Rundbroten. Er zapfte Jake, Shep und dem alten Cob je ein frisches Bier und gab sich überhaupt sehr geschäftig.
Die Geschichte musste warten, während sich die Männer ihrem Abendessen widmeten. Der alte Cob schlang seinen Eintopf mit der wölfischen Eile eines ewigen Junggesellen hinunter. Die anderen pusteten immer noch Dampf von ihren Schalen, da hatte er auch schon sein Brot verspeist und kehrte zu seiner Geschichte zurück.
»Nun musste Taborlin fliehen, doch als er sich umsah, stellte er fest, dass seine Zelle keine Tür hatte. Und auch keine Fenster. Rings um ihn her war weiter nichts als glatter, harter Stein. Es war eine Zelle, aus der noch nie jemand entronnen war. Taborlin der Große aber kannte die Namen aller Dinge, und daher gehorchten ihm alle Dinge aufs Wort. Er sprach zu dem Stein: <Zerbreche!< — und der Stein zerbrach. Die Mauer riss wie ein Blatt Papier entzwei, und durch die Lücke konnte er den Himmel sehen und die liebliche Frühlingsluft einatmen. Er ging hinüber, sah durch den Spalt und schritt dann ganz ohne Bedenken in die Luft hinaus ...«
Der Junge riss die Augen auf. »Ist nicht wahr!«
Cob nickte ernst. »Taborlin stürzte hinab. Doch er ließ die Hoffnung nicht fahren. Denn er kannte den Namen des Windes, und der Wind gehorchte. Er sprach zu dem Wind, und der Wind nahm ihn zärtlich auf den Arm und streichelte ihn. Er trug ihn zu Boden, als wäre er federleicht, und setzte ihn sanft, wie mit einem mütterlichen Kuss, auf den Füßen ab. Und als er dort stand und seine Seite betastete, wo er den Stich abbekommen hatte, sah er, dass es kaum mehr als ein Kratzer war. Vielleicht hatte er einfach nur Glück gehabt.« Cob hielt inne und pochte sich wissend an den Nasenflügel. »Aber vielleicht hatte es auch etwas mit dem Amulett zu tun, das er unter dem Hemd trug.«

»Was denn für ein Amulett?«, fragte der Junge, den Mund voll Eintopf.
Der alte Cob lehnte sich auf seinem Hocker zurück, froh über die Gelegenheit, etwas weiter auszuholen. »Taborlin war ein paar Tage zuvor auf der Straße einem Kessler begegnet. Und obwohl Taborlin nicht viel zu essen bei sich hatte, teilte er sein Abendbrot mit dem alten Mann.«
»Sehr vernünftig«, sagte Graham leise zu dem Jungen. »Jeder weiß doch: >Die gute Tat vergilt der Kessler zweifach..
»Nein, nein«, murrte Jack. »Richtig heißt es: >Eines Kesslers kluger Rat zweifach vergilt die gute Tat.<«
Da meldete sich zum ersten Mal an diesem Abend der Wirt zu Wort. »Da unterschlägst du aber das Wichtigste«, sagte er, in der Tür hinterm Tresen stehend:
Der Kessler gleicht die Schuld stets aus: Einfach, zahlt er einen aus.
Zweifach, hilft ihm einer aus.
Dreifach, schimpft ihn einer aus.
Die Männer schienen erstaunt, Kote dort stehen zu sehen. Sie kamen seit Monaten jeden Felling-Abend ins Wirtshaus, und Kote hatte sich bisher nie ins Gespräch eingemischt. Nicht dass man das von ihm erwartet hätte. Er war erst seit gut einem Jahr hier. Er war immer noch ein Fremder. Der Schmiedelehrling lebte seit seinem elften Lebensjahr hier und wurde trotzdem immer noch »der Junge aus Rannish« genannt, so als wäre Rannish ein fernes Land und nicht eine Ortschaft ganz in der Nähe.

»Das habe ich mal irgendwo aufgeschnappt«, sagte Kote, offenkundig verlegen, in das Schweigen hinein.
Der alte Cob nickte, räusperte sich und fuhr mit seiner Geschichte fort. »Also, dieses Amulett war einen ganzen Eimer voller Goldnobel wert, aber weil Taborlin so freundlich zu ihm gewesen war, verkaufte der Kessler es ihm für lediglich einen Eisenpenny, einen Kupferpenny und einen Silberpenny. Es war schwarz wie die Winternacht und, wenn man es berührte, kalt wie Eis, aber solange Taborlin es an einer Kette um den Hals trug, konnten böse Wesen ihm nichts anhaben. Dämonen und dergleichen.«
»Für so etwas würde ich heutzutage eine schöne Stange Geld hinlegen«, bemerkte Shep düster. Er hatte an diesem Abend am meisten getrunken und am wenigsten gesagt. Alle wussten, dass auf seinem Hof in der vergangenen Cendling-Nacht etwas Schlimmes vorgefallen war, doch da sie alle gute Freunde waren, drängten sie ihn nicht, davon zu erzählen. Zumindest nicht so früh am Abend, und nicht solange sie noch so nüchtern waren.
»Ja, wer würde das nicht?«, sagte der alte Cob und nahm einen tiefen Schluck.
»Ich wusste gar nicht, dass die Chandrian Dämonen sind«, sagte der Junge. »Ich habe gehört ...«
»Das sind auch keine Dämonen«, sagte Jake mit Bestimmtheit. »Das waren die ersten sechs Menschen, die sich Tehlus Wahl des Weges widersetzt haben, und er hat sie daraufhin mit einem Fluch belegt, auf dass sie —«
»Erzählst jetzt du diese Geschichte, Jacob Walker?«, fragte Cob in scharfem Ton. »Wenn ja, kannst du sie auch zu Ende erzählen.«
Die beiden Männer funkelten einander einen Moment lang an. Schließlich wandte Jake den Blick ab und murmelte etwas, das mög-licherweise eine Entschuldigung war.
Cob wandte sich wieder dem Jungen zu. »Das ist das große Ge-heimnis der Chandrian«, erklärte er. »Woher kommen sie? Wohin ge¬hen sie, wenn sie ihre Bluttaten verübt haben? Sind es Menschen, die ihre Seele verkauft haben? Sind es Dämonen? Geister? Niemand weiß es.« Cob warf Jake einen verächtlichen Blick zu. »Auch wenn so mancher Schwachkopf behauptet, es zu wissen ...«

An diesem Punkt ging die Geschichte in Gezänk unter — über das Wesen der Chandrian, über die Zeichen, die dem Wachsamen ihre Anwesenheit verrieten, und darüber, ob das Amulett Taborlin auch vor Banditen, tollwütigen Hunden oder Stürzen vom Pferd schützte. Es wurde hitzig debattiert, bis plötzlich die Eingangstür aufflog.
Jake sah sich um. »Du kommst genau richtig, Carter. Erklär die-sem Volltrottel doch mal den Unterschied zwischen einem Dämon und einem Hund. Jeder weiß doch, dass —« Jake verstummte mitten im Satz und lief zur Tür. »Beim Leib des Herrn, was ist denn mit dir geschehen?«
Carter trat ins Licht. Sein bleiches Gesicht war blutbeschmiert. Er hielt eine alte Satteldecke vor der Brust, in die etwas eingewickelt war. Der Form nach hätte es ein Reisigbündel sein können.
Seine Freunde sprangen von ihren Hockern. »Es geht mir gut«, sagte er und kam langsam in den Schankraum. Dabei blickte er wie ein scheuendes Pferd. »Alles bestens.«
Er ließ das Deckenbündel auf den nächsten Tisch fallen, und es polterte, als wäre es voller Steine. Carters Kleider waren kreuz und quer von langen Schnitten übersät. Wo ihn das graue Hemd nicht dunkelrot am Leib klebte, hing es in Fetzen herab.
Graham versuchte ihn auf einen Stuhl zu bugsieren. »Muttergottes! Setz dich, Carter. Was ist denn mit dir geschehen? Setz dich.« Carter schüttelte störrisch den Kopf. »Ich sage doch, es geht mir
gut. Ich bin nicht schwer verletzt.«
»Wie viele waren es?», fragte Graham.
»Einer», sagte Carter. »Aber es war nicht so, wie ihr denkt.»
»Gottverdammt noch mal. Ich hab's dir doch gesagt, Carter«, platzte der alte Cob los, mit jener Mischung aus Furcht und Verärgerung, die nur Angehörige und enge Freunde aufzubringen vermögen. »Ich sag's dir seit Monaten. Du darfst nicht alleine rausfahren. Nicht mal bis nach Baedn. Es ist zu gefährlich.« Jake legte dem alten Mann beschwichtigend eine Hand auf den Arm.
»Setz dich doch erst mal«, sagte Graham, der immer noch behutsam versuchte, Carter auf einen Stuhl zu drücken. »Jetzt ziehen wir dir erst mal das Hemd aus und machen dich sauber.«
Carter schüttelte den Kopf. »Es geht mir gut. Ich hab ein paar kleine Schnittwunden abgekriegt, aber das Blut ist größtenteils von Nelly. Es hat sich auf sie gestürzt. Hat sie umgebracht. Zwei Meilen außerhalb des Dorfs, hinter der alten Steinbrücke.«
Erschrockenes Schweigen ringsum. Der Schmiedelehrling legte Carter mitfühlend eine Hand auf die Schulter. »Verdammt. Das ist bitter. Sie war wirklich sanft wie ein Lamm. Hat nie versucht zu beißen oder auszutreten, wenn ihr sie zum Beschlagen gebracht habt. Das beste Pferd des ganzen