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Dorfs. Verdammt. Ich ...« Er verstummte. »Ich weiß nicht,
was ich sagen soll.« Er sah sich hilflos um.
Cob gelang es schließlich, sich von Jake loszureißen. »Ich
hab's dir gesagt«, wiederholte er und fuchtelte mit dem Zeigefinger
in Carters Richtung. »In
letzter Zeit sind da Leute unterwegs, die dich für ein paar Pennys
abmurksen würden, von einem Pferdefuhrwerk ganz zu schweigen. Und
was machst du jetzt? Willst du den Wagen selber ziehen?«
Betretenes Schweigen. Jake und Cob funkelten einander an, den anderen
fehlten offenkundig die Worte, und sie wussten nicht, wie sie ihren Freund
trösten sollten.
Der Wirt bewegte sich vorsichtig durch die Stille. Flink ging er mit vollen
Armen um Shep herum und stellte auf einem nahen Tisch einige Utensilien
bereit: eine Schüssel mit heißem Wasser, eine Schere, saubere
Leinentücher, einige Fläschchen, Nadel und Faden.
»Wenn er auf mich gehört hätte, wäre das nie passiert«,
grummelte der alte Cob. Jake versuchte ihn zu beruhigen, aber Cob schob
ihn beiseite. »Das ist die reine Wahrheit. Es ist wirklich jammerschade
um Nelly, und wenn er jetzt nicht endlich auf mich hört, geb ich
ihm auch nicht mehr lange. Zweimal entrinnt man solchen Leuten nicht.«
Carter verzog den Mund zu einem Strich. Er zog an der blutbe-fleckten
Decke. Etwas, das darin eingewickelt war, fiel zur Seite und blieb am
Stoff hängen. Carter zog fester, und es polterte, als würde
ein Sack voller Bachkiesel auf den Tisch gekippt.
Es war eine Spinne, groß wie ein Wagenrad und schieferschwarz.
Der Schmiedelehrling machte einen Satz nach hinten, stieß dabei
einen Tisch um und wäre fast der Länge nach hingeschlagen. Cob
klappte die Kinnlade herunter. Graham, Shep und Jake stießen
Schreckenslaute aus, wichen zurück und hielten sich die Hände
vors Gesicht. Carter trat einen Schritt beiseite, und es sah fast aus
wie ein nervöses Zucken. Stille erfüllte den Raum, Stille wie
ein kalter Schweißausbruch.
Der Wirt runzelte die Stirn. »Die können es doch noch nicht
so weit nach Westen geschafft haben«, murmelte er.
Wäre es nicht so still im Raum gewesen, hätte ihn wahrscheinlich
keiner gehört. So aber hörten ihn alle. Sie wandten den Blick
von dem Ding auf dem Tisch ab und starrten den rothaarigen Mann an.
Jake fand als erster die Sprache wieder. »Du weißt, was das
ist?«
Der Wirt blickte abwesend. »Skrael«, sagte er beiläufig.
»Ich dachte, das Gebirge —«
»Skrael?«, unterbrach ihn Jake. »Beim geschwärzten
Leib Gottes, Kote. Du hast so etwas schon einmal gesehen?»
»Was?« Der rothaarige Wirt sah abrupt auf, so als würde
ihm plötzlich wieder bewusst, wo er war. »Oh. Nein. Nein, natürlich
nicht.« Er bemerkte, dass er als einziger nur eine Armeslänge
von dem dunklen Ding entfernt stand, und trat einen Schritt zurück.
»Ich habe da bloß was gehört.« Die anderen starrten
ihn an. »Erinnert ihr euch an den Händler, der vor gut zwei
Spannen hier durchgekommen ist?«
Sie nickten. »Der Scheißkerl wollte mir zehn Pennys für
ein halbes Pfund Salz abknöpfen«, sagte Cob reflexhaft und
brachte diese Klage damit zum vielleicht hundertsten Mal vor.
»Ich wünschte, ich hätte welches gekauft«, murmelte
Jake. Graham nickte.
»Das war ein Halsabschneider«, spie Cob. »In schweren
Zeiten zahle ich vielleicht zwei Pennys, aber zehn, das ist doch der reinste
Wucher.«
»Nicht, wenn es da draußen noch mehr von denen gibt»,
sagte Shep finster.
Alle Blicke richteten sich wieder auf das Ding auf dem Tisch.
»Er hat mir erzählt, er hätte in der Nähe von Melcombe
von diesen Viechern gehört«, sagte Kote schnell und beobachtete
die Gesichter der anderen, die das Wesen auf dem Tisch betrachteten. »Ich
dachte, er wollte bloß die Preise in die Höhe treiben.«
»Was hat er denn sonst noch erzählt?«, fragte Carter.
Der Wirt blickte einen Moment lang nachdenklich und zuckte dann die Achseln.
»Ich habe nicht alles mitbekommen. Er war nur ein paar Stunden im
Dorf.«
»Ich kann Spinnen nicht ausstehen«, sagte der Schmiedelehrling.
Er stand immer noch gut fünf Meter vom Tisch entfernt. »Deckt
sie zu.«
»Das ist keine Spinne«, sagte Jake. »Es hat keine Augen.«
»Es hat auch kein Maul«, bemerkte Carter. »Wie es wohl
frisst?« »Und was es wohl frisst?«, fügte Shep
mit finsterer Miene hinzu. Der Wirt betrachtete das Ding mit bedächtiger
Neugier. Er beugte sich vor und streckte eine Hand aus. Die anderen wichen
noch weiter zurück.
»Vorsicht«, sagte Carter. »Die Füße sind
messerscharf.«
»Scharf wie Rasiermesser«, sagte Kote. Mit seinen langen Fingern
fuhr er über den schwarzen, keine besonderen Merkmale aufweisenden
Leib des Skraels. »Es ist glatt und hart, wie Keramik.«
»Mach keinen Blödsinn«, sagte der Schmiedelehrling.
Der Wirt nahm vorsichtig eins der langen, glatten Beine und versuchte
es mit beiden Händen wie einen Stock zu zerbrechen. »Nein,
nicht wie Keramik«, berichtigte er sich. Er schob das Bein über
die Tischkante und stützte sich mit ganzem Gewicht darauf. Das Bein
brach mit einem lauten Knacken. »Eher wie Stein.« Er sah zu
Carter hinüber. »Woher kommen denn die ganzen Risse?«
Er zeigte auf die feinen Furchen, von denen die ansonsten glatte, schwarze
Körperoberfläche überzogen war.
»Nelly ist drauf gefallen«, sagte Carter. »Es kam aus
einem Baum gesprungen und ist auf ihr rumgekrabbelt und hat sie mit seinen
Füßen geschnitten. Das ging blitzschnell. Ich habe gar nicht
begriffen, was da vor sich ging.« Endlich sank Carter auf Grahams
Drängen hin auf einen Stuhl. »Sie hat sich in ihrem Geschirr
verheddert und ist auf das Ding draufgestürzt und hat ihm dabei ein
paar Beine gebrochen. Dann hat es sich auf mich gestürzt und ist
auf mir rumgekrabbelt.« Er verschränkte die Arme vor seiner
blutigen Brust und schauderte. »Ich konnte es abschütteln und
habe es mit aller Kraft getreten. Aber dann hat es sich wieder auf mich
gestürzt ...« Er verstummte, das Gesicht aschfahl.
Der
Wirt nickte und betastete das Ding weiter. »Kein Blut. Keine Organe.
Es ist innerlich nur grau.« Er drückte es mit einem Finger.
»Wie ein Pilz.«
»Großer Tehlu, fass es nicht an«, flehte der Schmiedelehrling.
»Manchmal zucken Spinnen noch, auch wenn sie schon tot sind.»
»Ihr müsstet euch mal hören», höhnte Cob. »Spinnen
werden nicht so groß wie Schweine. Ihr wisst doch ganz genau, was
das ist.» Er sah sich um und blickte nacheinander allen in die Augen.
»Das ist ein Dämon.«
Sie sahen wieder zu dem zerbrochenen Ding hinüber.
»Also bitte», widersprach Jake, mehr aus Gewohnheit. »Das
ist doch kein ...« Er machte eine hilflose Geste. »Das kann
doch kein ...«
Alle wussten, was er dachte. Es gab ganz gewiss Dämonen auf dieser
Welt. Aber sie waren wie Tehlus Engel. Sie waren wie Helden und Könige.
Sie gehörten in Geschichten. Sie gehörten nicht hierher. Taborlin
der Große beschwor Feuer und Blitz herbei, um Dämonen zu vernichten.
Tehlu zerschmetterte sie mit bloßen Händen und schleuderte
sie dann hinab in das namenlose Nichts. Aber ein Freund aus Kindertagen
trampelte so einen Dämon doch nicht auf der Straße nach Baedn-Bryt
zu Tode. Das war einfach nur lachhaft.
Kote fuhr sich mit der Hand durch den roten Schopf und brach dann das
Schweigen. »Es gibt zwei Methoden, das festzustellen«, sagte
er und griff in seine Tasche. »Eisen und Feuer.« Er zog einen
prall gefüllten ledernen Geldbeutel hervor.
»Und der Name Gottes«, bemerkte Graham. »Dämonen
fürchten dreierlei: kaltes Eisen, reines Feuer und den heiligen Namen
Gottes.«
Der Wirt verzog leicht missbilligend den Mund. »Natürlich«,
sagte er, leerte den Beutel auf den Tisch und tastete in dem Münzhaufen
umher — schwere Silbertalente und kleinere Silbermünzen, Kupfer-Jots,
zerbrochene Halbpennystücke und Eisendeute. »Hat jemand ein
Scherflein?«
Nimm doch einen Deut«,
sagte Jake. »Das ist gutes Eisen.«
»Ich will kein gutes Eisen», sagte der Wirt. »Ein Deut
enthält zu viel Kohlenstoff. Das ist fast schon Stahl.»
»Da hat er recht«, sagte der Schmiedelehrling. »Aber
es ist kein Kohlenstoff. Für Stahl nimmt man Kohle. Kohle und Kalk.«
Der Wirt nickte dem Jungen anerkennend zu. »Du musst es wissen,
junger Meister. Es ist ja schließlich dein Metier.« Mit seinen
langen Fingern fand er endlich ein Scherflein in seinem Münzhaufen
und hielt es empor. »Da hätten wir eins.«
»Und was erreichst du damit?«, fragte Jake.
»Mit Eisen tötet man Dämonen«, sagte Cob mit unsicherer
Stim-me, »aber der hier ist schon tot. Vielleicht hat es gar keine
Wirkung mehr.«
»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.« Der
Wirt suchte kurz den Blickkontakt mit jedem von ihnen. Dann wandte er
sich entschlossen zum Tisch um. Die anderen wichen noch etwas weiter zurück.
Kote drückte dem schwarzen Wesen die Eisenmünze in die Seite.
Ein lautes Knacken ertönte, wie von einem Kiefernscheit im Feuer.
Alle erschraken, beruhigten sich aber gleich wieder, als sich das schwarze
Ding nicht regte. Cob und die anderen fingen an, einander zaghaft anzugrinsen,
wie kleine Jungen, denen eine Gruselgeschichte einen Schrecken eingejagt
hat. Dieses Lächeln wich einem säuer¬lichen Blick, als sich
im Schankraum ein Gestank wie von modern¬den Blumen und angesengtem
Haar breitmachte.
Der Wirt drückte die Münze mit lautem Klacken auf die Tischplatte.
»Tja«, sagte er und wischte sich die Hände an der Schürze
ab. »Damit wäre das dann ja wohl geklärt. Und was machen
wir jetzt?«
Stunden später stand der Wirt am Eingang des Gasthauses und schaute
hinaus in die Dunkelheit. Der Lampenschein aus den Wirtshausfenstern fiel
über die unbefestigte Straße bis auf die Tore der Schmiede
gegenüber. Diese Straße war weder breit noch viel befahren.
Und sie schien nirgends hinzuführen, wie das bei manchen Straßen
so ist. Der Wirt atmete die Herbstluft tief ein und sah sich unruhig um,
so als erwarte er, dass etwas geschehen würde.
Er nannte sich Kote. >>>>
Straßen, die
in Sicherheit führen
Die großartigste
Fähigkeit des menschlichen Geistes ist vielleicht die, mit Schmerzen
fertig zu werden. Die klassische Philosophie
spricht hier von den vier Pforten des Geistes, die man durchschreiten
kann.
Die erste Pforte ist die des Schlafs. Der Schlaf bietet uns Zuflucht vor
der Welt und all ihrem Leid. Im Schlaf vergeht die Zeit, und das verschafft
uns Abstand zu den Dingen, die uns Schmerz zugefügt haben. Wenn Menschen
Verletzungen erleiden, werden sie oft bewusstlos, und jemand, der eine
furchtbare Nachricht erhält, fällt vielleicht in Ohnmacht. Der
Geist schützt sich also vor dem Schmerz, indem er diese erste Pforte
durchschreitet.
Die zweite Pforte ist die des Vergessens. Manche Wunden sind zu tief,
um wieder verheilen zu können, oder zumindest zu tief für eine
schnelle Heilung. Hinzu kommt, dass manche Erinnerungen ausschließlich
schmerzlich sind und sich da nichts heilen lässt. Das Sprichwort
»Die Zeit heilt alle Wunden« entspricht nicht der Wahrheit.
Die Zeit heilt die meisten Wunden. Die übrigen sind hinter dieser
Pforte verborgen.
Die dritte Pforte ist die des Wahnsinns. Manchmal erhält der Geist
einen so verheerenden Schlag, dass er sich in den Wahnsinn flüchtet.
Das ist nützlicher, als es zunächst scheint. Manchmal besteht
die Wirklichkeit nur noch aus Schmerz, und um diesem Schmerz zu entrinnen,
muss der Geist die Wirklichkeit hinter sich lassen.
Die vierte und letzte Pforte ist die des Todes. Der letzte Ausweg.
Wenn wir erst einmal tot wären, könne uns nichts mehr etwas
anhaben — heißt es jedenfalls.
Nach dem Mord an meiner Familie ging ich tief in den Wald hinein und schlief.
Meinen Körper verlangte es danach, und mein Geist nutzte die erste
Pforte, um den Schmerz zu lindern. Die Wunde wurde erst einmal abgedeckt,
bis die Zeit kommen würde, da sie hei¬len konnte. Ein Gutteil
meines Geistes stellte aus Gründen der Selbstverteidigung die Arbeit
ein — legte sich, wenn man so will, schlafen.
Und während mein Geist schlief, wurden viele schmerzliche Aspekte
des vergangenen Tages durch die zweite Pforte geleitet. Nicht jedoch alle.
Ich vergaß nicht, was geschehen war, aber die Erinnerung wurde getrübt,
so als sähe ich sie durch einen dichten Schleier. Wenn ich gewollt
hätte, hätte ich die Erinnerung an die Gesichter der Toten und
an den Mann mit den schwarzen Augen wieder heraufbeschwören können.
Doch ich wollte mich nicht daran erinnern. Ich schob diese Gedanken beiseite
und ließ sie in einem nur selten genutzten Winkel meines Geistes
verblassen.
Und ich träumte — doch nicht von Blut, glasig blickenden Augen
und dem Gestank brennender Haare, sondern von angenehmen Dingen. Und so
wurde die Wunde ganz allmählich betäubt ...
In meinem Traum ging ich mit Laclith, dem Holzfäller, der, als ich
noch kleiner war, eine Zeitlang mit unserer Truppe gereist war, durch
den Wald. Er bewegte sich fast lautlos durchs Unterholz, wohingegen ich
mehr Lärm machte als ein verwundeter Ochse, der einen umgestürzten
Karren hinter sich herzieht.
Nach langem, sehr angenehmem Schweigen blieb ich stehen, um mir eine Pflanze
anzusehen. Laclith stellte sich hinter mich. »Bartsalbei«,
sagte er. »Das erkennt man an den Rändern.« Er strich
sacht mit einem Finger einen Blattrand entlang. Es sah tatsächlich
wie ein Bart aus. Ich nickte.
»Das ist eine Weide. Wenn man die Borke kaut, wirkt sie schmerzlindernd.«
Ich probierte es, und es schmeckte bitter. »Das ist Juckwurz. Fass
bloß nicht die Blätter an.« Ich machte einen großen
Bogen darum. »Das ist Christophskraut. Die Beeren sind essbar, wenn
sie rot sind, nicht aber, solange sie noch grün oder gelb sind.
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Prolog
Eine dreistimmige Stille
Es war wieder Abend
geworden. Das Wirtshaus zum WEGSTEIN lag in Stille, und es war eine dreistimmige
Stille.
Der vernehmlichste Teil dieser Stille war dumpf und lastend und verdankte
sich dem, was fehlte. Hätte ein Wind geweht, so hätte er in
den Bäumen geseufzt, hätte das Wirtshausschild quietschend zum
Schaukeln gebracht
und die Stille
wie trudelndes Herbstlaub die Straße hinabgeweht. Wäre das
Wirtshaus gut besucht gewesen, hätten sich dort auch nur eine Handvoll
Männer aufgehalten, so hätten sie die Stille mit Geplauder und
Gelächter erfüllt, mit dem Radau und Bohei, den man in dunklen
Abendstunden in
einer Schenke erwartet. Wäre Musik erklungen ... aber nein, natürlich
erklang keine Musik. All das fehlte, und so blieb es still.
Im Schankraum saßen zwei Männer an einem Tresenende beieinander.
Sie tranken mit stiller Entschlossenheit und mieden ernsthafte Gespräche
über beunruhigende Neuigkeiten. Und indem sie das taten, fügten
sie der großen, dumpfen Stille eine kleine, mürrische hinzu.
Daraus entstand ein Gemisch,
mit einer gegenläufigen Stimme.
Die dritte Stille war weit weniger vernehmlich. Hätte man eine Stunde
lang gelauscht, so hätte man vielleicht begonnen, sie im Dielenboden
des Raumes oder in den Holzfässern hinterm Tresen zu erahnen. Sie
lag in der steinernen Masse des schwarzen Kamins, der noch die Wärme
eines erloschenen Feuers barg. Sie lag im langsamen Hin und Her eines
weißen Leinentuchs, das die Maserung des Tresens entlangfuhr. Und
sie lag in den Händen des Mannes, der dort stand und eine Mahagonifläche
polierte, die bereits im Lampenschein glänzte.
Der Mann hatte leuchtend, ja flammend rotes Haar. Seine Augen blickten
dunkel und abwesend, und er bewegte sich mit einer Sicherheit, die sich
aus vielfältigem Wissen speiste.
Das Wirtshaus gehörte ihm, wie ihm auch die dritte Stille gehörte.
Und das war nur recht und billig so, denn sie war die größte
der dreifachen Stille und schloss die anderen ein. Sie war so tief und
so weit wie der Spätherbst. Sie wog so schwer wie ein großer,
vom Fluss glatt geschliffener Stein. Es war der geduldige, blumensichelnde
Laut eines Mannes, der darauf wartet zu sterben.
Ein
Ort für Dämonen
Es war Felling-Abend,
und die übliche Runde hatte sich im Wirtshaus zum WEGSTEIN eingefunden.
Fünf Mann waren keine große Runde, aber mehr kamen dieser Tage
selten ins Wirtshaus, da die Zeiten nun einmal waren, wie sie waren.
Der alte Cob ging ganz in seiner Rolle des Geschichtenerzählers und
Ratgebers in allen Lebenslagen auf. Die übrigen Männer am Tresen
tranken und hörten zu. Im Hinterzimmer stand der junge Gastwirt hinter
der Tür und lauschte lächelnd den Einzelheiten einer altbekannten
Geschichte.
»Als er erwachte, fand sich Taborlin der Große in einem hohen
Turm eingeschlossen. Man hatte ihm sein Schwert abgenommen und seiner
Werkzeuge beraubt: Der Schlüssel, die Münze und die Kerze waren
fort. Aber das war noch nicht einmal das Schlimmste, denn ...«,
sagte Cob und machte eine Kunstpause, »... denn die Lampen an der
Wand brannten blau!«
Graham, Jake und Shep nickten. Die drei Freunde waren gemeinsam aufgewachsen,
hatten all die Jahre Cobs Geschichten gelauscht und seine Ratschläge
missachtet.
Cob sah zu dem neuen, aufmerksameren Mitglied seiner kleinen Zuhörerschar
hinüber, dem Schmiedelehrling. »Weißt du, was das bedeutet,
Junge?« Alle nannten den Schmiedelehrling »Junge«, obwohl
er eine Handbreit größer war als jedermann sonst. Wie in kleinen
Ortschaften üblich, würde er wahrscheinlich so lange der »Junge«
bleiben, bis ihm ein Vollbart wuchs oder er deswegen jemandem die Nase
blutig schlug.
Der Junge nickte. »Die Chandrian.«
»Stimmt genau«, sagte Cob anerkennend. »Die Chandrian.
Es ist allgemein bekannt, dass blaues Feuer eines ihrer Zeichen ist. Nun
war er also —«
»Aber wie haben sie ihn gefunden?«, unterbrach ihn der Junge.
»Und warum haben sie ihn nicht getötet, als sie die Gelegenheit
dazu hatten?«
»Sei still, das erfährst du noch früh genug«, sagte
Jake. »Lass ihn weitererzählen.«
»Ruhig Blut, Jake«, sagte Graham. »Der Junge ist nur
neugierig. Trink dein Bier.«
»Mein Bier ist alle«, murrte Jake. »Ich brauch ein neues,
aber der Wirt ist ja immer noch im Hinterzimmer am Rattenabziehen.«
Er pochte mit dem leeren Krug auf den Tresen und rief: »He, wir
verdursten hier!«
Der Wirt erschien mit fünf Schalen Eintopf und zwei ofenwarmen Rundbroten.
Er zapfte Jake, Shep und dem alten Cob je ein frisches Bier und gab sich
überhaupt sehr geschäftig.
Die Geschichte musste warten, während sich die Männer ihrem
Abendessen widmeten. Der alte Cob schlang seinen Eintopf mit der wölfischen
Eile eines ewigen Junggesellen hinunter. Die anderen pusteten immer noch
Dampf von ihren Schalen, da hatte er auch schon sein Brot verspeist und
kehrte zu seiner Geschichte zurück.
»Nun musste Taborlin fliehen, doch als er sich umsah, stellte er
fest, dass seine Zelle keine Tür hatte. Und auch keine Fenster. Rings
um ihn her war weiter nichts als glatter, harter Stein. Es war eine Zelle,
aus der noch nie jemand entronnen war. Taborlin der Große aber kannte
die Namen aller Dinge, und daher gehorchten ihm alle Dinge aufs Wort.
Er sprach zu dem Stein: <Zerbreche!< — und der Stein zerbrach.
Die Mauer riss wie ein Blatt Papier entzwei, und durch die Lücke
konnte er den Himmel sehen und die liebliche Frühlingsluft einatmen.
Er ging hinüber, sah durch den Spalt und schritt dann ganz ohne Bedenken
in die Luft hinaus ...«
Der Junge riss die Augen auf. »Ist nicht wahr!«
Cob nickte ernst. »Taborlin stürzte hinab. Doch er ließ
die Hoffnung nicht fahren. Denn er kannte den Namen des Windes, und der
Wind gehorchte. Er sprach zu dem Wind, und der Wind nahm ihn zärtlich
auf den Arm und streichelte ihn. Er trug ihn zu Boden, als wäre er
federleicht, und setzte ihn sanft, wie mit einem mütterlichen Kuss,
auf den Füßen ab. Und als er dort stand und seine Seite betastete,
wo er den Stich abbekommen hatte, sah er, dass es kaum mehr als ein Kratzer
war. Vielleicht hatte er einfach nur Glück gehabt.« Cob hielt
inne und pochte sich wissend an den Nasenflügel. »Aber vielleicht
hatte es auch etwas mit dem Amulett zu tun, das er unter dem Hemd trug.«
»Was denn für ein Amulett?«, fragte der Junge, den Mund
voll Eintopf.
Der alte Cob lehnte sich auf seinem Hocker zurück, froh über
die Gelegenheit, etwas weiter auszuholen. »Taborlin war ein paar
Tage zuvor auf der Straße einem Kessler begegnet. Und obwohl Taborlin
nicht viel zu essen bei sich hatte, teilte er sein Abendbrot mit dem alten
Mann.«
»Sehr vernünftig«, sagte Graham leise zu dem Jungen.
»Jeder weiß doch: >Die gute Tat vergilt der Kessler zweifach..
»Nein, nein«, murrte Jack. »Richtig heißt es:
>Eines Kesslers kluger Rat zweifach vergilt die gute Tat.<«
Da meldete sich zum ersten Mal an diesem Abend der Wirt zu Wort. »Da
unterschlägst du aber das Wichtigste«, sagte er, in der Tür
hinterm Tresen stehend:
Der Kessler gleicht die Schuld stets aus: Einfach, zahlt er einen aus.
Zweifach, hilft ihm einer aus.
Dreifach, schimpft ihn einer aus.
Die Männer schienen erstaunt, Kote dort stehen zu sehen. Sie kamen
seit Monaten jeden Felling-Abend ins Wirtshaus, und Kote hatte sich bisher
nie ins Gespräch eingemischt. Nicht dass man das von ihm erwartet
hätte. Er war erst seit gut einem Jahr hier. Er war immer noch ein
Fremder. Der Schmiedelehrling lebte seit seinem elften Lebensjahr hier
und wurde trotzdem immer noch »der Junge aus Rannish« genannt,
so als wäre Rannish ein fernes Land und nicht eine Ortschaft ganz
in der Nähe.
»Das habe ich mal irgendwo aufgeschnappt«, sagte Kote, offenkundig
verlegen, in das Schweigen hinein.
Der alte Cob nickte, räusperte sich und fuhr mit seiner Geschichte
fort. »Also, dieses Amulett war einen ganzen Eimer voller Goldnobel
wert, aber weil Taborlin so freundlich zu ihm gewesen war, verkaufte der
Kessler es ihm für lediglich einen Eisenpenny, einen Kupferpenny
und einen Silberpenny. Es war schwarz wie die Winternacht und, wenn man
es berührte, kalt wie Eis, aber solange Taborlin es an einer Kette
um den Hals trug, konnten böse Wesen ihm nichts anhaben. Dämonen
und dergleichen.«
»Für so etwas würde ich heutzutage eine schöne Stange
Geld hinlegen«, bemerkte Shep düster. Er hatte an diesem Abend
am meisten getrunken und am wenigsten gesagt. Alle wussten, dass auf seinem
Hof in der vergangenen Cendling-Nacht etwas Schlimmes vorgefallen war,
doch da sie alle gute Freunde waren, drängten sie ihn nicht, davon
zu erzählen. Zumindest nicht so früh am Abend, und nicht solange
sie noch so nüchtern waren.
»Ja, wer würde das nicht?«, sagte der alte Cob und nahm
einen tiefen Schluck.
»Ich wusste gar nicht, dass die Chandrian Dämonen sind«,
sagte der Junge. »Ich habe gehört ...«
»Das sind auch keine Dämonen«, sagte Jake mit Bestimmtheit.
»Das waren die ersten sechs Menschen, die sich Tehlus Wahl des Weges
widersetzt haben, und er hat sie daraufhin mit einem Fluch belegt, auf
dass sie —«
»Erzählst jetzt du diese Geschichte, Jacob Walker?«,
fragte Cob in scharfem Ton. »Wenn ja, kannst du sie auch zu Ende
erzählen.«
Die beiden Männer funkelten einander einen Moment lang an. Schließlich
wandte Jake den Blick ab und murmelte etwas, das mög-licherweise
eine Entschuldigung war.
Cob wandte sich wieder dem Jungen zu. »Das ist das große Ge-heimnis
der Chandrian«, erklärte er. »Woher kommen sie? Wohin
ge¬hen sie, wenn sie ihre Bluttaten verübt haben? Sind es Menschen,
die ihre Seele verkauft haben? Sind es Dämonen? Geister? Niemand
weiß es.« Cob warf Jake einen verächtlichen Blick zu.
»Auch wenn so mancher Schwachkopf behauptet, es zu wissen ...«
An diesem Punkt ging die Geschichte in Gezänk unter — über
das Wesen der Chandrian, über die Zeichen, die dem Wachsamen ihre
Anwesenheit verrieten, und darüber, ob das Amulett Taborlin auch
vor Banditen, tollwütigen Hunden oder Stürzen vom Pferd schützte.
Es wurde hitzig debattiert, bis plötzlich die Eingangstür aufflog.
Jake sah sich um. »Du kommst genau richtig, Carter. Erklär
die-sem Volltrottel doch mal den Unterschied zwischen einem Dämon
und einem Hund. Jeder weiß doch, dass —« Jake verstummte
mitten im Satz und lief zur Tür. »Beim Leib des Herrn, was
ist denn mit dir geschehen?«
Carter trat ins Licht. Sein bleiches Gesicht war blutbeschmiert. Er hielt
eine alte Satteldecke vor der Brust, in die etwas eingewickelt war. Der
Form nach hätte es ein Reisigbündel sein können.
Seine Freunde sprangen von ihren Hockern. »Es geht mir gut«,
sagte er und kam langsam in den Schankraum. Dabei blickte er wie ein scheuendes
Pferd. »Alles bestens.«
Er ließ das Deckenbündel auf den nächsten Tisch fallen,
und es polterte, als wäre es voller Steine. Carters Kleider waren
kreuz und quer von langen Schnitten übersät. Wo ihn das graue
Hemd nicht dunkelrot am Leib klebte, hing es in Fetzen herab.
Graham versuchte ihn auf einen Stuhl zu bugsieren. »Muttergottes!
Setz dich, Carter. Was ist denn mit dir geschehen? Setz dich.« Carter
schüttelte störrisch den Kopf. »Ich sage doch, es geht
mir
gut. Ich bin nicht schwer verletzt.«
»Wie viele waren es?», fragte Graham.
»Einer», sagte Carter. »Aber es war nicht so, wie ihr
denkt.»
»Gottverdammt noch mal. Ich hab's dir doch gesagt, Carter«,
platzte der alte Cob los, mit jener Mischung aus Furcht und Verärgerung,
die nur Angehörige und enge Freunde aufzubringen vermögen. »Ich
sag's dir seit Monaten. Du darfst nicht alleine rausfahren. Nicht mal
bis nach Baedn. Es ist zu gefährlich.« Jake legte dem alten
Mann beschwichtigend eine Hand auf den Arm.
»Setz dich doch erst mal«, sagte Graham, der immer noch behutsam
versuchte, Carter auf einen Stuhl zu drücken. »Jetzt ziehen
wir dir erst mal das Hemd aus und machen dich sauber.«
Carter schüttelte den Kopf. »Es geht mir gut. Ich hab ein paar
kleine Schnittwunden abgekriegt, aber das Blut ist größtenteils
von Nelly. Es hat sich auf sie gestürzt. Hat sie umgebracht. Zwei
Meilen außerhalb des Dorfs, hinter der alten Steinbrücke.«
Erschrockenes Schweigen ringsum. Der Schmiedelehrling legte Carter mitfühlend
eine Hand auf die Schulter. »Verdammt. Das ist bitter. Sie war wirklich
sanft wie ein Lamm. Hat nie versucht zu beißen oder auszutreten,
wenn ihr sie zum Beschlagen gebracht habt. Das beste Pferd des ganzen
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