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Während
Aristoteles sich mit Alexander abmüht, erobert dessen Vater Philipp die
rebellische Stadt Theben und dehnt sein Herrschaftsgebiet bis nach Athen aus.
Im Alter von fünfzig Jahren kehrt Aristoteles an den Ort seines Studiums
und der Lehre zurück. Mit der neuen Führung der Akademie aber scheint
er sich nicht zu verstehen. Am Lykeion, einem Gymnasium, schafft sich der
Heimkehrer eine neue Wirkungsstätte. Hier findet er Zeit und Ruhe für
eine Generalinventur seiner Gedanken, schreibt neue Texte und unterrichtet
seine Schüler.
Als Alexander der Große 323 stirbt, ist diese schöne Zeit vorbei.
Das Reich des Makedonen zerbricht, und in Athen sammeln sich neue Kräfte.
Und wieder ist Aristoteles der feindliche Ausländer, der Freund der Makedonen.
Stärker noch als bei seiner ersten Flucht muss er nun um sein Leben fürchten.
Er gerät unter die Anklage der Gottlosigkeit, die schon bei Sokrates
zum Todesurteil geführt hatte. Hastig verlässt der 61-Jährige
die Stadt und zieht sich zurück nach Chalkis auf die Insel Euboia. Ein
Jahr später ist Aristoteles tot.
Warum ist dieser Mann so bedeutend? Im Hinblick auf unser Thema fällt
die Antwort leicht: Er war der erste Philosoph mit einem frappierend realistischen
Bild des Menschen. Als Biologe erforschte er das Zusammenspiel unserer Emotionen,
unseres Willens und unserer Vernunft. Als Philosoph legte er fest, warum wir
nicht nur gut sein sollen, sondern warum es auch verführerisch ist, es
sein zu wollen. Und als Psychologe setzte er sich zugleich mit den vielen
Problemen auseinander, mit denen wir uns — mal nötig und mal unnötig
— selbst im Weg stehen.
Umso erstaunlicher ist es, dass der modernste aller klassischen Philosophen
in der Moraldiskussion längere Zeit ein wenig in der Geschichte versenkt
war, bis er vor etwa dreißig Jahren vielfach wiederbelebt wurde. Ein
zeitgenössisches verhaltensökonomisches Standardwerk zur »Theorie
der Entscheidung« kommt auf vierhundert Seiten vollständig ohne
seinen Namen aus.' Mit leisem Schmunzeln nimmt man wahr, dass das Rad von
jeder neu benannten Forschungsdisziplin offensichtlich immer wieder neu erfunden
wird. Die Philosophie des menschlichen Verhaltens hat eine lange Tradition,
aber ein kurzes Gedächtnis. Und die Probleme, so scheint es, wechseln
weniger als das Vokabular, mit dem sie betrachtet werden.
Der moralische
Tunnelblick
Tierische Gefühle, menschliche Verantwortung
Mein Exschwager ist ein
Glückspilz. Er ist im Besitz der Wahrheit. Was auch immer er sagt, was
er denkt und tut — es ist richtig. Zweifel werden nicht zugelassen,
Skrupel und Bedenken sind ihm unbekannt. So wie er lebt, so lebt sich das
optimale Leben. An seinem Wesen könnte die Welt genesen. Dabei ist er
wenig mitfühlend, hat kaum Freunde und geht vielen mit seiner kompromisslosen
Haltung nachhaltig auf den Geist. Aber immerhin: Er schläft gut.
Glückspilze wie mein Exschwager sind selten. Im Allgemeinen nämlich
sind sich die Menschen in ihrem Sosein nicht so sicher. Und wer die Wahrheit
liebt, bildet sich niemals ein, sie zu besitzen. Sich seiner Sache sicher
zu sein ist selten ein Zeichen von Aufrichtigkeit oder von Intelligenz. Eher
von Arroganz, und deren Kehrseite ist die Naivität. Erinnern wir uns
an Martin Seel, der meinte, dass nur die Doofen mit sich selbst im Reinen
sind. Doch woran liegt das eigentlich? »Der Mensch«, meinte der
Sozialphilosoph Günther Anders (1902-1992) vor fünfzig Jahren, »ist
kleiner als er selbst.« Wir sind zu vielem in der Lage, aber zu viel
weniger fähig. Was ist damit gemeint? Fragt man einen modernen Philosophen
wie Thomas Metzinger (* 1958), Professor an der Universität Mainz, so
gibt es dafür eine schlichte, aber eindrucksvolle Erklärung: Wir
sind deshalb kleiner als wir selbst, weil es uns gar nicht gibt!
Der Reihe nach: Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch
unser Gehirn. Es erzeugt uns die Farben und Bilder, die Gerüche und Gefühle,
die Vorstellungen und Gedanken. Eine dieser Vorstellungen und Gedanken hat
es dabei auf ganz besondere Weise in sich: Es ist die Vorstellung von uns
selbst. Wie sie genau entsteht, ist bis heute ein Geheimnis, das unser Gehirn
nur ungern preiszugeben scheint. Ganz offensichtlich sind mehrere Areale in
unserem Kopf für unser Selbst zuständig. Sie befruchten sich wechselseitig,
sie beeinflussen, ergänzen und bespiegeln sich. Und am Ende kommt, zumindest
bei jedem gesunden Menschen, ein »Ich« dabei heraus. Sieben Milliarden
Menschen auf der Welt, die zu sich »Ich« sagen, können nicht
irren. Das Ich ist eine gefühlte Realität.
Aber eben: nur eine gefühlte Realität, erzeugt von unserem Gehirn.
Unser Ich, unser Selbst, unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl
existieren nur als Hokuspokus im Gehirn. Und was andere von uns wahrnehmen,
ist nur eine Hülle: unser Körper, unsere Blicke, Bewegungen und
Worte — aber niemals unser Ich. Vielmehr bilden sich die anderen ein
eigenes Bild von unserem Ich. Manchmal erkennen wir uns in den Beschreibungen,
die andere von uns geben, wieder; manchmal weniger und manchmal überhaupt
nicht. Doch eine objektive Instanz, die den Schiedsrichter spielen könnte,
gibt es nicht. Denn sehen wir uns nicht auch selbst von einem Moment auf den
anderen unterschiedlich? Sind unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl
nicht ständig abhängig von Situationen und Stimmungen? Unser »Ich«
ist ein sehr flüchtiger Stoff. Und ob nun von uns selbst oder von anderen
entworfen — stets bleibt es eine Idee, die wir uns machen.
Der Grund dafür ist nicht schwer zu finden. Ein festes, unverrückbares
Ich war in der Entwicklungsgeschichte des Menschen nicht nötig. Und so
ist es nicht entstanden. Ebenso wenig wie ein Sinn für objektive Wahrheit.
Um in der Savanne zu überleben, war es gewiss wichtig, dass andere Horden
Mitglieder ungefähr verstanden, was wir meinten. Und es war wichtig,
dass sie uns glauben konnten, wenn wir am Horizont auf eine entfernten Wasserstelle
deuteten. Aber das Universum zu begreifen oder den Sinn des Lebens —
dafür sind unsere Gehirne nicht gemacht. Von Prachtexemplaren wie meinem
Exschwager abgesehen, sehen wir uns ständig von Fragen umzingelt, die
eigentlich eine Nummer zu groß für uns sind. Fragen, wie etwa jene
von Woody Allen: »Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und gibt es dort jemanden,
der in der Lage ist, einen Zwanzig-Dollar-Schein zu wechseln?«
Unser Bewusstsein ist das wahrscheinlich faszinierendste im Tierreich. Aber
alles in allem bleibt für uns trotzdem oder gerade deshalb vieles im
Dunkeln. Für Metzinger leben wir eigentlich in einem Tunnel: »Was
wir sehen und hören oder ertasten und erfühlen, was wir riechen
und schmecken, ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was tatsächlich
existiert. Unser bewusstes Wirklichkeitsmodell ist eine niedrigdimensionale
Projektion der unvorstellbar reicheren und gehaltvolleren physikalischen Wirklichkeit,
die uns umgibt und uns trägt. ... Aus diesem Grund ist der kontinuierlich
ablaufende Vorgang des bewussten Erlebens weniger ein Abbild der Wirklichkeit
als vielmehr ein Tunnel durch die Wirklichkeit. «
Die Grenzen unserer Sinneserlebnisse und die Vorstellungen, die wir uns aufgrund
unserer Erfahrungen machen können, sind die Grenzen unserer Welt. Wir
nehmen nur bestimmte Kontraste wahr, andere nicht. Wir sehen nur manche Ähnlichkeiten,
andere nicht. Und was wir nicht wahrnehmen, was uns nicht »nahe«-
geht, ficht uns nicht an. Wir sehen kein ultraviolettes Licht wie viele Vögel
und Insekten. Und wir spüren auch keine elektromagnetischen Schwingungen
im Wasser wie Haie oder Wale. Unsere Sinne und unser Gehirn wählen gnadenlos
aus: Was nehmen wir auf, und was bleibt draußen. Und nur mit Hilfe solcher
Hochleistungsfilter können wir uns den Weg durch die Welt bahnen.
Hätten wir sie nicht, die Reizüberflutung würde uns hilflos
machen, orientierungslos und entscheidungsunfähig.
Was wir wahrnehmen, ist immer nur eine bestimmte Perspektive auf die Dinge.
Schon der Philosoph Edmund Husserl
Vom Glück, ein Bhutaner zu sein
Warum wir unseren Wohlstand falsch messen
Das »Land des Donnerdrachens«
hat 700000 Einwohner und den weltweit höchsten Berg, der noch nie von
einem Menschen bestiegen wurde. Bergsteigen oberhalb von 6000 Metern ist in
Bhutan verboten. Die schneeumtosten Gipfel des Himalaya gehören den Göttern
und Geistern; Menschen haben dort nichts zu suchen.
Auch sonst geht in Bhutan vieles einen anderen Gang als bei uns. Die Menschen
leben bescheiden von dem, was ihre Äcker hergeben. Das höchste Staatsziel
ist nicht das Wirtschaftswachstum, sondern der Natur- und Umweltschutz. Bhutan
ist das vermutlich ursprünglichste Land der Welt. Zwei Drittel bestehen
aus unberührtem oder nachhaltig bewirtschaftetem Wald. Der Bildungsetat
ist sieben Mal höher als die Militärausgaben.' Das Rauchen ist im
privaten Umfeld erlaubt, aber es gibt keinen Tabak. Und über alles wacht
die Staatsreligion, der Vajrayana Buddhismus: die Philosophie von der Einheit
allen Seins vor jeder Unterscheidung von Ich und Welt, Begehren und Objekt.
Die Lehre vom höchsten Gut des Mitgefühls.
Bhutan ist einer von sehr wenigen Staaten der Welt, die ihrem Bruttoinlandsprodukt
(BIP) wenig Bedeutung beimessen. Über den Platz 113, den das Land gegenwärtig
in der Weltrangliste einnimmt, können die Bhutaner nur lächeln.
Seit 1972 nämlich gilt für Bhutan ein ganz anderer Index: das »Bruttonationalglück«
(gross national happiness).
Anlass für diese Innovation war ein Artikel in der Financial Times. Der
Autor hatte bemängelt, dass es um das Wirtschaftswachstum im Land schlecht
bestellt sei. Jigme Singye Wangchuck, der König von Bhutan, war wenig
erfreut. Eigenhändig griff er zum Füller und erklärte der Zeitung,
dass man in den USA offenbar nichts kapiere. Nicht Wirtschaftswachstum, sondern
Glück sei das Ziel der bhutanischen Regierung. Um seinen Worten Taten
folgen zu lassen, bildete der König eilig eine Kommission für das
Bruttonationalglück. Ihre Aufgabe: die statistische Erfassung und Berechnung
des Lebensstandards einschließlich aller psychologischen und spirituellen
Faktoren des Glücks.
»Wachstum«, erklärte unlängst noch einmal die Chefin
von Bhutans Planungskommission, Karma Tshiteem, »sollte auch das bezeichnen,
was die Menschen wünschen«, Aspekte wie Umwelt, Kultur und Tradition.'
Die Regierung befindet sich in einem ständigen Austausch mit der Bevölkerung
und misst deren Wohlergehen. Was auch immer sich die Politik für Programme
ausdenkt, stets werden sie darauf überprüft, ob sie dem Glück
der Bevölkerung zuträglich sind. Und immerhin: Mehr als zwei Drittel
der Bhutaner meinte 2008, dass sie ein glückliches Leben führten.
Das Messinstrument für
den Wohlstand der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland ist nicht
das Glück. Es ist das BIP: der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen,
die innerhalb eines Jahres von unserer Volkswirtschaft hergestellt wurden.
Jede neu produzierte Tonne Stahl, jede Taxifahrt, jeder Zoobesuch und jede
Röntgenaufnahme tragen zum BIP bei. Gemessen wird, mit einem Wort, die
Summe aller in Geld bezahlten wirtschaftlichen Aktivitäten. Und je höher
das BIP, umso erfolgreicher wähnt sich die Politik.
Soweit die Idee. Und so absurd. Denn mit dem BIP misst man nicht Wohlstand,
sondern nur Wachstum. Der Unterschied ist leicht erklärt: Wenn unsere
Kommunen ihre Stadtwälder abholzen und an ihrer Stelle Wohnsiedlungen
bauen würden — steigert dies das BIP. Wenn wir Autobahnen durch
Naturschutzgebiete und Wohngebiete bauen — steigert dies das BIP. Wenn
aufgrund von Lärmbelästigung, Stress und Unzufriedenheit Millionen
von Menschen zum Arzt oder zum Psychiater gehen — steigert dies das
BIP. Wenn eine Stadt ihre Parkplätze abschafft und jeden zur Kasse bittet,
der sein Auto öffentlich abstellt — steigert dies das BIP. Wenn
unsere Müllberge anschwellen und neue Mülldeponien und Verbrennungsanlagen
erfordern — steigert dies das BIP. Wenn unsere Gefängnisse überfüllt
sind und neue gebaut werden — steigert dies das BIP. Selbst eine Ölkatastrophe
wie jene an der Südküste der USA wirkt sich vermutlich positiv auf
das BIP aus.
Was für einen Unsinn legen wir eigentlich als Maßstab an für
den Erfolg unserer Wirtschaft und unserer Politik? Und wie viel von dem, was
das tatsächliche Wohlbefinden einer Gesellschaft ausmacht, fällt
unter den Tisch? Wo bleibt bei dieser Berechnung die unbezahlte Arbeit der
Mütter und Väter, Großeltern und Menschen im Ehrenamt? Und
was sagt das BIP über den Nutzen? »Das BIP pro Kopf (pro Person)
misst zum Beispiel, wie hoch unsere Ausgaben für das Gesundheitswesen
sind, aber nicht den Erfolg, den wir mit diesen Ausgaben erzielen —
unseren Gesundheitszustand, wie er sich zum Beispiel in der Lebenserwartung
widerspiegelt. Während unser Gesundheitssystem immer ineffizienter wird,
kann das BIP also weiter ansteigen, obwohl sich der allgemeine Gesundheitszustand
der Bevölkerung verschlechtert«, schreibt der US-amerikanische
Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (* 1943) von der Columbia
University in New York.
Mit dem BIP treffen wir keine Aussagen über das Wohlbefinden der Menschen
— das eigentliche Ziel der Ökonomie. Sauberes Trinkwasser wird
ebenso wenig erfasst wie gute Lehrer, freundliche Nachbarn, eine gute Sozialversicherung
oder eine ausgeglichene Verteilung des Wohlstandes.
Und eine Diktatur mit einer Willkürjustiz schneidet keinen Deut schlechter
ab als eine funktionierende Demokratie. Lebensqualität bleibt ebenso
unberücksichtigt wie Gerechtigkeit. Alles Wesentliche ist ungemessen
und vermutlich auch unmessbar. Dennoch wird unverdrossen so getan, als ob
es auf nichts so sehr ankäme wie das BIP. »Wissenschaft und Politik
gleichen Ärzten, die mit Hilfe von Thermometern den Blutdruck zu bestimmen
versuchen.«
Die Art und Weise, wie wir unseren Wohlstand messen, verwechselt Qualität
mit Quantität. Den Sozialwissenschaftlern, Soziologen und Ökonomen
ist dies schon lange bekannt. Nur die Politik, so scheint es, hinkt dieser
Entwicklung hinterher. Einer der wenigen Staatschefs der westlichen Welt,
die dieses Problem offensichtlich ernst nehmen, ist der französische
Präsident Nicolas Sarkozy. Im Februar 2008 berief er die beiden Nobelpreisträger
Joseph Stiglitz und Amartya Sen (*1933) zu sich. Gemeinsam gründeten
sie eine »Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Messung wirtschaftlicher
Leistung und gesellschaftlichen Fortschritts«.
Vor allem Sens Erfahrung sollte dem Präsidenten helfen, das Wohlbefinden
seines Volkes genau zu erfassen. In vielerlei Hinsicht ist der indische Ökonom
ein würdiger Nachfolger des Marquis de Condorcet. Wie der französische
Aufklärer des 18. Jahrhunderts, so glaubt auch Sen an den unbeirrbaren
Fortschritt der Menschheit durch die Demokratie. Seiner Überzeugung nach
entscheiden sich nahezu alle menschlichen Gemeinschaften vernünftig,
solange man sie nicht manipuliert. Und als Schlüssel des Wohlstands erkennt
er nicht die Summe der produzierten Waren, sondern Werte und Bildung.
Ende der 1980er Jahre veranlasste Sen die Vereinten Nationen dazu, einen neuen
Index zur Messung des Wohlstands zu schaffen. Der Human Development Index
soll das messen, was Aristoteles von der Moral, der Politik und der Wirtschaft
verlangte: die Chancen auf ein gutes Leben für möglichst viele Menschen.
»Entwicklung« in diesem Zusammenhang bedeutet nicht nur Wirtschaftswachstum,
sondern auch die Qualität der Ernährung, die allgemeine Gesundheitslage,
die Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten sowie die Chancen des Einzelnen,
politisch mitzubestimmen. An der Spitze der aktuellen Bilanz (2009) stehen
die Länder Norwegen und Australien; Deutschland liegt auf Rang 22, die
glücklichen Bhutaner nur auf 132, und am Ende liegen Afghanistan und
Niger.
Als Vorsitzende von Sarkozys Kommission kommen Stiglitz und Sen zu der Ansicht,
dass jede weitere Messung von Wirtschaftsleistungen abbilden muss, ob ein
Staat nachhaltig und vorausschauend wirtschaftet. Wer Güter misst, der
muss auch Müll messen. Und wer Produktionskraft misst, der muss auch
die verbrauchten Ressourcen benennen. Mit anderen Worten gesagt: Jedes Wachstum
der Gesellschaft muss sich danach bemessen lassen, ob es sich angesichts aller
ökologischen und sozialen Folgekosten für die Bevölkerung lohnt
oder nicht.
Dass ein solches Messinstrument sehr schwer zu entwickeln ist, steht außer
Frage. Doch wie es bisher ging, kann es definitiv nicht weitergehen. »Die
Messung des BIP in den Vereinigten Staaten hat uns kein aussagekräftiges
Bild der wirtschaftlichen Vorgänge vor dem Platzen der Blase geliefert.
Amerika glaubte, es ginge ihm besser, als es ihm in Wirklichkeit ging, und
das taten auch andere Länder. Spekulativ überhöhte Preise blähten
den Wert von Investitionen in Immobilien sowie die Unternehmensgewinne auf.«
Die Quantität besagt also viel weniger, als die Politik ihr gerne unterstellt.
»Ein größerer Kuchen bedeutet nicht, dass jeder — oder
auch nur die meisten — ein größeres Stück bekommt.«
Viele Wirtschaftswissenschaftler bezweifeln heute, dass sich Wohlstand mit
Wachstum gleichsetzen lässt. Doch was dabei hinterfragt wird, ist mehr
als ein Messinstrument. Es ist eine Weltanschauung: der Glaube, dass es in
unserer Gesellschaft materiell immer weiter vorwärtsgehen müsse,
koste es, was es wolle.
Wie beim Staatssozialismus
ordnet die Weltanschauung den Menschen einer Ideologie unter. Nicht um den
einzelnen Bürger geht es — es geht ums Wachstum um jeden Preis.
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Einleitung
Als der österreichische
Journalist und Fernsehautor Josef Kirschner im Jahr 1976 seinen sehr erfolgreichen
Ratgeber mit dem Titel schrieb: »Die Kunst, ein Egoist zu sein«,
ahnte er nicht, wie sehr ihn die gesellschaftliche Wirklichkeit Fünfunddreißig
Jahre später überholt haben würde. Kirschner meinte damals,
dass unsere Gesellschaft krank sei, weil sich die meisten Menschen zu sehr
anpassten und dabei versäumten, ihren eigenen Weg zu gehen.' »Schonungslos
werden uns jene Schwächen vor Augen geführt, die uns an der Selbstverwirklichung
hindern«, verkündete der Klappentext. Statt nach Liebe, Lob und
Anerkennung zu gieren, sollten wir es lieber wagen, uns ohne allzu viel Rücksicht
durchzusetzen, befreit von den Meinungen anderer Menschen. Lieber ein erfolgreicher
Egoist als ein duckmäuserischer Anpasser, lautete der frohen Botschaft.
Im Deutschland des Jahres
2010 beschäftigen uns andere Sorgen. Die Idee der Selbstverwirklichung
ist heute kein ferner Traum mehr, sondern eine tägliche Sorge. In dem
Anspruch, anders zu sein als die anderen, sind sich alle gleich. Das Wort
Egoismus aber hat seinen verbotenen Zauber verloren. Die »Schwächen«,
die Kirschner ausmerzen wollte, werden heute allenthalben schmerzlich vermisst:
die Rücksicht und die Scham, die Hilfsbereitschaft und die Bescheidenheit.
Als »egoistisch« gebrandmarkte Banker gelten heute als die Urheber
der jüngsten Finanzkrise. Wirtschaftswissenschaftler und Politiker zweifeln
öffentlich an den Segnungen eines Wirtschaftssystems, das auf den Prinzipien
des Egoismus und des Eigennutzes beruht. Unternehmensberater und Consultants
unterrichten Manager in kooperativem Verhalten. Ungezählte Festredner
beklagen hoch bezahlt den Verlust der Werte. Und kaum eine Talkshow vergeht
ohne den diffusen Ruf nach einer »neuen Moral«. Die Kunst, kein
Egoist zu sein, so scheint es, steht heute höher im Kurs.
An die Moral zu appellieren
fällt dabei niemandem schwer. Und es hat viele Vorteile. Es kostet nichts,
und es lässt einen selbst in gutem Licht erscheinen. Doch so nötig
ein neuer Blick auf die Moral im Zeitalter der Weltgesellschaft tatsächlich
ist — eine Moral nach dem Ende der Systemkonkurrenz von Sozialismus
und Kapitalismus, eine Moral in den Zeiten des Klima Wandels, des Gefahrenindustrialismus
und der Ökokatastrophe, eine Moral der Informationsgesellschaft und der
Multikulturalität, eine Moral der globalen Umverteilung und des gerechten
Krieges —, so wenig scheinen wir bis heute zu wissen, wie Menschen tatsächlich
moralisch funktionieren.
In diesem Buch soll versucht werden, dieser Frage näherzukommen. Was
wissen wir heute über die moralische Natur des Menschen? Was hat Moral
mit unserem Selbstverständnis zu tun? Wann handeln wir moralisch und
wann nicht? Warum sind wir nicht alle gut, wo wir es doch eigentlich ganz
gerne wären? Und was könnte man in unserer Gesellschaft ändern,
um sie langfristig »besser« zu machen?
Was ist das überhaupt — die Moral? Es ist die Art, wie wir mit¬einander
umgehen. Wer moralisch urteilt, teilt die Welt in zwei Bereiche: in das, was
er achtet, und in das, was er ächtet. Tag für Tag, manchmal Stunde
um Stunde beurteilen wir etwas nach gut und schlecht, akzeptabel und nicht
akzeptabel. Und was der Inhalt des moralisch Guten sein soll, darin sind sich
die allermeisten Menschen erstaunlich einig. Es sind die Werte der Ehrlichkeit
und der Wahrheitsliebe, der Freundschaft, der Treue und der Loyalität,
der Fürsorge und Hilfsbereitschaft, des Mitgefühls und der Barmherzigkeit,
der Freundlichkeit, der Höflichkeit und des Respekts, des Muts und der
Zivilcourage. All das ist irgendwie gut. Aber gleichwohl gibt es keine absolut
sichere Definition des Guten. Mutig zu sein ist eine gute Eigenschaft —
aber nicht in jedem Fall. Loyalität ehrt den Loyalen, aber nicht immer.
Und konsequente Ehrlichkeit führt nicht ins Paradies, sondern stiftet
vermutlich vielfachen Unfrieden.
Um das Gute zu verstehen, reicht es nicht aus zu wissen, was es sein soll.
Vielmehr müssen wir unsere komplizierte und oft verquere Natur verstehen.
Aber was ist das, »unsere Natur«? Für den schottischen Philosophen
David Hume gab es zwei mögliche Betrachtungsweisen.
Einmal kann man sie studieren wie ein Anatom. Man fragt nach ihren »geheimsten
Ursprüngen und Prinzipien«. Diese Arbeit erledigen heute die Hirnforscher,
die Evolutionsbiologen, die Verhaltensökonomen und Sozial Psychologen.
Die zweite Perspektive ist die eines Malers, der die »Anmut und Schönheit«
des menschlichen Handelns vor Augen führt. Diese Aufgabe fällt heute
ins Ressort der Theologen und Moralphilosophen. Doch wie ein guter Maler die
Anatomie des Menschen studiert, so muss sich der Philosoph heute auch in die
Skizzen der Hirnforscher, Evolutionsbiologen, Verhaltens Ökonomen und
Sozialpsychologen vertiefen. Denn das Studium unserer Natur sollte uns nicht
nur etwas über unsere guten Absichten sagen. Sondern auch dazu, warum
wir uns so selten nach ihnen richten. Und vielleicht einen Hinweis darauf
geben, was man dagegen tun kann.
Was der Mensch »von Natur aus« ist, ist nicht einfach zu sagen.
Jede Erklärung kleidet sich in die Gewänder der Zeit, in der der
Schneider ihrer Ideen lebt. Für einen Denker des Mittelalters, wie Thomas
von Aquin, war die natura humana der eingehauchte Geist Gottes. Was Gut und
Böse ist, wissen wir deshalb, weil Gott uns einen inneren Gerichtshof
geschenkt hat — das Gewissen. Im 18. Jahrhundert änderte der Gerichtshof
seinen Urheber. Was vorher das Werk Gottes sein sollte, war für die Philosophen
der Aufklärung die Leistung unserer Rationalität. Unsere klare Vernunft
gäbe uns verbindlich Auskunft darüber, welche Grundsätze und
Verhaltensweisen gut sind und welche schlecht. Nach Ansicht vieler Naturwissenschaftler
der Gegenwart ist das »Gewissen« dagegen weder eine Sache Gottes
noch eine Sache der Vernunft, sondern eine Versammlung biologisch uralter
sozialer Instinkte.
Für Moral, so scheint es, sind heute zunehmend Biologen zuständig.
Und es scheint erfolgreich, vielleicht allzu erfolgreich zu sein, was der
Evolutionsbiologe Edward 0. Wilson bereits im Jahr 1975 einforderte: dass
man die Ethik vorübergehend den Philosophen aus den Händen nehmen
und »biologisieren« sollte.
Die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit, im Fernsehen, in Zeitungen
und in Zeitschriften aller Couleur haben heute tatsächlich die Naturwissenschaftler.
Selbstgewiss weisen sie darauf hin, »dass es schon vor der Kirche eine
Moral gab, Handel vor dem Staat, Tausch vor Geld, Gesellschaftsverträge
vor Hobbes, Wohlfahrt vor den Menschenrechten, Kultur vor Babylon, Gesellschaft
vor Griechenland, Selbstinteresse vor Adam Smith und Gier vor dem Kapitalismus.
All diese Aspekte sind Ausdruck der menschlichen Natur, und das seit dem tiefsten
Pleistozän der Jäger und Sammler. «
Am Ursprung unserer Moralfähigkeit aus dem Tierreich besteht kein Zweifel.
Die offene Frage ist allerdings, wie zielstrebig und sinnvoll sich unsere
Moral biologisch und kulturell entwickelt hat. Ganz offensichtlich hatten
unsere Gehirne im Lauf der Evolution eine unglaubliche Fülle an neuen
Herausforderungen zu bewältigen. Und je klüger sie wurden, umso
komplizierter, so scheint es, wurde die schwierige und unübersichtliche
Frage der Moral. So wie wir zur Kooperation neigen, so neigen wir zu Misstrauen
und Vorurteilen. Und so wie wir uns nach Frieden und Harmonie sehnen, so überkommen
uns Aggressionen und Hass.
Die gleitende Logik der Moral, nach der die Philosophen zweitausend Jahre
suchten, wurde auch den Biologen bislang nicht offenbart. Allzu schnell hatten
sie sich von Anfang an auf das Prinzip »Eigennutz« versteift.
Nichts anderes als das Vorteilsstreben sei der vermeintliche Motor unseres
Soziallebens. Und so wie der Eigennutz im Kapitalismus am Ende zum Wohl aller
führen soll, so sollte auch der Eigennutz in der Natur den kooperativen
Affen »Mensch« hervorbringen. Das ist leicht zu verstehen. Und
bis vor einigen Jahren passte es auch gut in den Geist der Zeit. Doch das
Bild, das viele Wissenschaftler noch in den 1980er und 1990er Jahren vom Menschen
entwarfen, ist heute verblasst. Wo wir vor wenigen Jahren kühl kalkulierende
Egoisten sein sollten, sind wir nach Ansicht zahlreicher Biologen, Psychologen
und Verhaltensökonomen heute ein ziemlich nettes und kooperatives Wesen.
Und unser Gehirn belohnt uns mit Freude, wenn wir Gutes tun.
Auch die Ansichten über den Einfluss der Gene auf unser Verhalten haben
sich innerhalb des letzten Jahrzehnts dramatisch verändert. Doch die
wichtigsten Annahmen über die Evolution der menschlichen Kultur sind
nach wie vor spekulativ: ob bei der Entwicklung unseres Gehirns, dem Entstehen
der Laut Sprache, dem Zusammenhang zwischen unserer Sexualität und un-serem
Bindungsverhalten, dem Beginn der menschlichen Kooperation und Hilfsbereitschaft
— nirgendwo stehen wir tatsächlich auf sicherem Boden.
Die Erforschung unserer Biologie ist eine wichtige Quelle für die Erkenntnis
unserer Fähigkeit, »gut« zu sein. Aber sie ist nur eine unter
anderen. Warum auch sollten Tiere wie wir, die widersprüchliche Absichten
haben, weinen können und Schadenfreude empfinden, sich in ihrer Entwicklung
streng an mathematische Theorien und präzise kalkulierte Modelle ihrer
Natur und Moral halten? Gerade der irrationale Gebrauch, den wir von un¬serer
Fähigkeit zur Vernunft machen, ist der Grund dafür, dass wir etwas
sehr Besonderes sind: Jeder von uns fühlt, denkt und handelt verschieden.
>>>>>
Der dritte Teil stellt die Frage, was wir aus all dem lernen können für
unser zukünftiges Zusammenleben. Wenn Bertolt Brecht — der große
Soziobiologe unter den Dichtern — Recht haben sollte, dann kommt »erst
das Fressen und dann die Moral«. Folgerichtig müsste es in einem
Land wie Deutschland, in dem es so viel Fressen im Überfluss gibt, auch
sehr viel Moral geben. Tatsächlich leben wir in einem sehr liberalen
Land, der wohl freiheitlichsten und tolerantesten Kultur der Geschichte. Doch
dagegen steht die nicht ganz unberechtigte Klage über den Werteverlust.
Tugenden und öffentliche Moral schmelzen derzeit dramatisch dahin. Kirche,
Vaterland, Heimatmilieu, Weltan-schauung — die Altbauten aus der bürgerlichen
Gründerzeit, in denen unsere Moral früher recht oder schlecht hauste,
bröckeln und verfallen. Wer will sich darüber wundern? Ein außerirdischer
Beobachter, der auch nur einen einzigen Tag lang die Werbung in Fernsehen,
Radio, Zeitung und Internet studierte, würde wohl kaum ein Indiz dafür
finden, dass wir in einer Demokratie leben; einer Gesellschaftsordnung, die
auf Kooperation, Solidarität und Zusammenhalt beruht. Was er wahrnähme,
wäre eine Propaganda, die mit finanziellem Milliardenaufwand nichts anderes
betreibt als die unausgesetzte Förderung des Egoismus.
Ich möchte in diesem Buch einige Anregungen geben, was wir in Wirtschaft,
Gesellschaft und Politik möglicherweise besser machen können. Es
geht dabei nicht nur um gute oder schlechte Gesinnung. Es geht darum, wie
sich unser Engagement für andere fördern lässt — in Zeiten,
in denen unsere Gesellschaft auf dem Spiel steht wie seit vielen Jahrzehnten
nicht mehr. Und um Vorschläge, wie wir die sozialen Institutionen so
umbauen könnten, dass sie das Gute leichter und das Schlechte schwerer
machen.
Mein besonderer Dank gilt dabei all den Menschen, die dieses Buch als Erste
gelesen und mit ihrem klugen Rat kommentiert und verbessert haben. Den scharfen
Blick des Biologen warf Prof. Dr. Jens Krause von der Humboldt-Universität
Berlin auf das Buch. Prof. Dr. Thomas Mussweiler von der Universität
Köln studierte es als Sozialpsychologe. Prof. Dr. Christoph Menke von
der Universität Frankfurt am Main las es als Philosoph. Prof. Dr. Hans
Werner Ingensiep von der Universität Duisburg-Essen begutachtete es als
Biologe und Philosoph. Prof. Dr. Achim Peters von der Universität Lübeck
beurteilte es aus der Sicht eines Neurobiologen. Prof. Dr. Jürg Helbling
von der Universität Luzern inspizierte es aus der Warte eines Sozialanthropologen
und Ethnologen. Ihre Anregungen und ihre Kritik waren mir sehr wertvoll. Ich
danke Dr. Torsten Albig für seine Ausführungen über Kommunalpolitik,
Martin Möller und Hans-Jürgen Precht für ihre kritischen und
hilfreichen Anmerkungen. Mein besonderer Dank gilt Matthieu, David und Juliette
für ihre wertvollen Lektüren. Und ganz besonders meiner Frau Caroline,
ohne die dieses Buch niemals geworden wäre, was es ist.
Und nicht zuletzt danke ich der Deutschen Bahn. Ein Großteil der Arbeit
an diesem Buch wurde in vollen Zügen genossen, in Speisewagen und an
turbulenten 4er-Tischen. Viel häufiger aber noch in der melancholischen
Morgenstille der Mosel Landschaft auf einer völlig unrentablen Nebenstrecke
unter Einkaufsnomaden, Arbeitsmigranten und Kegelklubs zwischen Köln,
Cochem, Wittlich, Wasserbillig und Luxemburg. Ich danke den ungezählten
Gesprächen, deren unfreiwilliger Zeuge ich war. Sie bestärkten mich
immer neu in der Ansicht, dass das Wesen des Menschen von Philosophen oft
nur unzulänglich erfasst wird. Und ich danke dem unbekannten Bistrokellner,
der mit mir so oft den Morgen geteilt hat und dessen Maximen und Reflexionen
meine Arbeit so oft begleitete. Möge der deutsche Wähler und Steuerzahler
nicht nur in meinem Interesse den Börsengang der Deutschen Bahn auch
weiterhin erfolgreich verhindern.
Ville de Luxembourg, im August 2010
Richard David Precht
Freund
meiner selbst
Was ein gutes Leben sein könnte
Er war ein Titan seiner
Zeit. Der Erfinder der Biologie und der Psychologie. Ein Mann, der die Ethik
aus dem Himmel holte und in den Herzen der Menschen verankerte. Ein Mann des
unbegrenzten Wissensdurstes, ein Physiker, Logiker, Philologe und Politologe.
Ein Mensch, der immer alles zugleich wissen wollte: wie das Gehirn denkt,
nach welchen Regeln und was es vielleicht besser und anders denken sollte.
Was ihn interessierte, was er begründete und vorbereitete, umfasst heute
alle Fakultäten einer Universität.
Umso erstaunlicher ist es, wie wenig wir über sein Leben wissen.' Ein
paar Briefe, ein Testament, Gedichte und Ehren Bekundungen sind alles, was
aus seinen Lebzeiten über ihn selbst erhalten ist. Aristoteles wurde
384 vor Christus geboren, in der nordgriechischen Stadt Stageira auf der Halbinsel
Chalkidiki. Sein Vater Nikomachos, der Leibarzt des makedonischen Königs,
stirbt früh. Schon mit 17 betritt Aristoteles das erste Mal Platons Akademie.
Obwohl die Athener ihn als »Ausländer« geringschätzen
und ihm alle politischen Rechte verweigern, wird er ihr mit Abstand berühmtester
Schüler und neben Platon selbst ihr bedeutendster Lehrer. Ein zweifelhaftes
Dokument, sechs hundert Jahre später verfasst, beschreibt ihn dabei ziemlich
unvorteilhaft. Danach war er von schwächlicher Statur, hatte kleine Augen
und stieß beim Sprechen mit der Zunge an. Gekleidet und gepflegt aber
sei er gewesen wie ein Dandy.
Aristoteles' Interessen sind noch breiter als diejenigen Platons.
Besonders die Naturwissenschaften faszinieren ihn. Er schreibt Texte über
Naturphilosophie, Logik und Wissenschaftstheorie und beginnt früh, sich
von dem Schatten seines 45 Jahre älteren Mentors zu befreien. Was Platon
über den eigenständigsten und kritischsten seiner Schüler dachte,
wissen wir nicht. Was Aristoteles über Platon denkt, fasst er in den
berühmten Satz: »Ich liebe Platon, aber noch mehr liebe ich die
Wahrheit. «
Als Platon 347 stirbt, ist Aristoteles 38 Jahre alt und ein weit über
Athen hinaus berühmter Mann. Doch weder wird er Platons Nachfolger in
der Akademie, noch kann er weiterhin in Athen bleiben. Im Norden Griechenlands
beginnt Makedoniens König Philipp II. seinen Expansionskrieg nach Süden.
Die Athener fühlen sich, nicht zu Unrecht, bedroht. Für den als
Freund der Makedonen bekannten Aristoteles eine schwierige Situation. Gemeinsam
mit einigen Schülern findet er Unterschlupf in Kleinasien, der heutigen
Türkei. In der Stadt Assos, gegenüber der Insel Lesbos, lebt er
in einer komfortablen Philosophen Enklave, lernt seine Frau kennen und bekommt
einen Sohn, den er nach seinem Vater nennt: Nikomachos. Zwei Jahre später
siedelt er nach Lesbos über und unternimmt ausgedehnte Studien der Natur,
unterstützt von seinem Schüler Theophrastos.
In dieser Lage erhält Aristoteles ein verstörendes Angebot, das
er nicht ablehnen kann. Philipp II. sucht einen Erzieher für seinen 13-jährigen
Sohn Alexander. Der größte Philosoph seiner Zeit wird Lehrer des
dereinst größten Feldherren seiner Epoche. Drei Jahre lang plagt
sich Aristoteles im makedonischen Mieza mit der Erziehung des ungestümen
Prinzen herum. Details sind nicht bekannt. Aristoteles erwähnt seine
Lehrtätigkeit und seinen berühmten Schüler an keiner Stelle.
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