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Auszüge
WURZELN
Die lateinische Totenmesse mit Giuseppe Verdis »Requiem« war
verklungen. Im Dom zu Speyer hatten über tausend Trauergäste aus
dem In- und Ausland Abschied von Hannelore Kohl genommen. Es war der 11.
Juli des Jahres 2001. Zum Abschluss hatte der Chor das Lied »Nun danket
alle Gott« angestimmt. Dann wurde der mit roten Rosen bedeckte Sarg
aus dem katholischen Gotteshaus getragen. Ihm folgten tief versteinert Helmut
Kohl, seine Söhne und Schwiegertöchter. Hannelores Sarg wurde
zum 25 Kilometer entfernten Friedhof Ludwigshafen-Friesenheim gebracht.
Gegen 17 Uhr fand dort die Beerdigung im engsten Familien- und Freundeskreis
statt. Nach einem kurzen Gebet in der kleinen Friedhofskapelle erfolgte
die Beisetzung im Familiengrab. Als der Sarg vor den über sechzig Verwandten
und Freunden in die Erde gesenkt wurde, nahm Hannelore Kohl lange Jahre
bewusst gehütete Geheimnisse mit ins Grab. Kaum jemand wusste, dass
sie noch zu Lebzeiten die Weichen dafür gestellt hatte, dass nach ihrem
Tod lange Verschwiegenes einmal öffentlich gemacht werden konnte.

Der 7. März 1933,
ein Dienstag, präsentierte sich im Nordosten Deutschlands als grauer,
kühler Tag. Die Temperaturen in Berlin stiegen nur wenig über
null Grad. Auf dem Programm der Staatsoper Unter den Linden stand Mozarts
Idomeneo, im Staatlichen Schauspielhaus wurde Goethes Faust II gegeben,
und das Theater im Admiralspalast warb für die Operette Frühlingsstürme
von Jaromir Weinberger mit Kammersänger Richard Tauber in der Hauptrolle.
In der Reichshauptstadt blühte das kulturelle Leben, die Berliner sahen
hoffnungsvoll dem Frühling entgegen. Seit 36 Tagen amtierte Adolf Hitler
als Reichskanzler. Für viele Anhänger der nationalsozialistischen
Bewegung war mit Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 ein Traum in
Erfüllung gegangen. Deutschland hatte eine »historische Wende«
vollzogen, die durch das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 5. März
1933 untermauert worden war. In der Folge sank die Zahl der Arbeitslosen
in Deutschland erstmals unter die Sechsmillionengrenze, es ging nach Jahren
der Rezession endlich wieder aufwärts. Ein teuer erkaufter Erfolg,
der nur ein Ziel kannte: Deutschland auf einen Krieg vorzubereiten, den
damals kaum jemand kommen sah.
An jenem 7. März erblickte Hannelore Renner morgens um 11 Uhr in der
Berliner Bavaria-Klinik im Stadtbezirk Schöneberg das Licht der Welt
— zwei Monate vor dem errechneten Termin. Die Klinik in der Münchener
Straße war das nächstgelegene Krankenhaus zum Wohnsitz des Ehepaars
Wilhelm und Irene Renner in der Kaiser-Wilhelmstraße 153 in Berlin-Lankwitz.
Die Geburt selbst war reibungslos verlaufen, obwohl Hannelores Mutter nach
damaliger Ansicht mit 35 Jahren bereits zu den Spätgebärenden
zählte. Große Sorgen indes bereitete den glücklichen Eltern
die frühe Geburt des Kindes. Hannelore war als Siebenmonatskind noch
vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen und wog
weniger als 2500 Gramm. Kurz nach der Geburt musste sie intubiert und vorübergehend
künstlich beatmet werden. > > >

LEBEN IN LEIPZIG
Die einzige Außenhandelsmesse des Dritten Reiches hatte mit der
»Schau rein deutscher Waren« ihre Herbstmesse des Jahres
1933 gerade beendet. Die Rede des NSDAP-Führers und Reichskanzlers
Adolf Hitler am Leipziger Völkerschlachtdenkmal war bereits Geschichte,
als die Möbelpacker mit ihrem Lastwagen vor dem Haus Montbestraße
41 in der Nordwestvorstadt von Leipzig hielten. Sie schleppten ansehnliche
Möbelstücke und Teppiche, wunderbares Porzellan und wertvolles
Geschirr in die geräumige Wohnung im ersten Stock des 1927 erbauten
gutbürgerlichen Sechs-Parteien Hauses. Das stadtnahe und doch freistehende
Haus befand sich im Privatbesitz und wurde an solvente Familien vermietet.
Die Straße war 1903 nach dem Stadtkommandanten von Leipzig und
General der Infanterie Alban von Montbe (1874 — 1885) benannt
worden. Als Hannelore Kohl nach der Wende einmal ihre alte Heimat besuchte,
war der Name Montbe verschwunden. Im Jahr 1950 war die Straße
nach dem französischen Maler Manet umbenannt worden, von 1985 an
hieß sie Kommandant-Trufanow-Straße — nach dem ersten
sowjetischen Militär-Kommandanten von Leipzig, Generalleutnant
Nikolai Iwanowitsch Trufanow. 1999 wurde der Straßenname in Trufanowstraße
geändert.
In dieser traditionell besten Wohnlage der bevölkerungsreichsten Stadt
Sachsens lebte die Familie über zehn Jahre. Hier verbrachte Hannelore
die schönste Zeit ihrer Kindheit, vielleicht sogar ihres Lebens. Die
neue, hochmoderne Wohnung mit Fernheizung verfügte über fünfeinhalb
geräumige Zimmer mit hohen Decken und einen auffallend langen, breiten
Flur. Eltern- und Kinder Schlafzimmer-, Ess-, Herren- und Damenzimmer und
das Zimmer für die Hausangestellte, Küche mit Balkon, Bad und
separate Toilette und Wintergarten sowie ein gepflegter Garten mit gepflastertem
Hof und Sandkasten machten den herrschaftlichen Wohnsitz für die dreiköpfige
Familie komplett.

In ihrem
akribisch geführten Tagebuch, aus dem Peter Kohl in seinem zusammen
mit Dona Kujacinski geschriebenen Buch Ihr Leben ausführlich zitiert,
hält Irene Renner nicht nur den Alltag im neuen Domizil fest, sondern
protokolliert vor allem die Entwicklung ihrer Tochter. So machte »Püppi«
am ersten Januar 1934 erstmals »bitte, bitte«. Und zwanzig
Tage später stand Hannelore auf ihren wackligen Beinchen, ganz
»ohne Anfassen«. Den ersten Zahn verzeichnete Mutter Irene
am ersten Februar 1934. Am 4. Novem¬ber des gleichen Jahres besuchte
»Püppi« mit ihrer Mutter den Zirkus Krone in Leipzig.
Ob die Renner-Tochter in diesem frühen Al¬ter mit Menschen,
Tieren und Sensationen tatsächlich etwas anfangen konnte, darf
bezweifelt werden. Im Tagebucheintrag vom ersten März 1935 ist
von »Keuchhusten« zu lesen. Am 3. Mai 1935 wurde »Püppi«
mit gerade mal zwei Jahren in den Kindergarten aufgenommen und am 9.
Oktober bekam sie die erste private Turnstunde. Wenige Tage später
ging es erneut in den Zirkus. Diesmal besuchte Hannelore den berühmten
»Zirkus Busch«. Mutters Tagebuch Eintrag: »Musik und
Tiere finden großes Interesse. Clowns erregen Trauer.«
An Hannelores drittem Geburtstag wurde eine große Kinderparty veranstaltet.
Von der Mutter perfekt organisiert, tummelte sich ein gutes Dutzend Kinder
an der fürstlich gedeckten Tafel. Danach gab es über mehrere Stunden
jede Menge Unterhaltungsprogramm — von Versteck- und Gespensterspielen
bis zu lautem Topfschlagen. Dabei entstanden Erinnerungsfotos, die eine
überglückliche »Püppi« zeigen. Die Palette der
Geschenke dürfte bei so manchem Zögling aus der Nachbarschaft
eine Portion Neid hervorgerufen haben. Im Hause Renner herrschte ein Maß
an Überfluss, wie er in jener Zeit nur in der Oberschicht zu erleben
war. Hannelore besaß während der ersten Jahre ihrer Kindheit
immer die neuesten und attraktivsten Spielzeuge, die besten Roll- und Schlittschuhe.
Der Vater überschüttete die angebetete Tochter mit einer ungeheuren
Fülle ausgesuchter Spielsachen auch außerhalb der Weihnachtszeit
oder den Geburtstagen: Immer als erste hatte »Püppi« ein
Dreirad, einen Tretroller, später ein Fahrrad oder Skier. Ihr Vater
baute ihr ein Kletterhäuschen und überraschte sie einmal mit einem
riesengroßen Puppenhaus mit über sechzig Biegepuppen. Woran sich
ehemalige Nachbarskinder heute noch lebhaft erinnern, ist ein »Spielhaus«,
das Hannelore zu Weihnachten bekommen hatte. Im Herrenzimmer hatte Vater
Wilhelm ein komplett möbliertes Haus mit Blumenkästen und Türen
bauen lassen, in das Hannelore und ihre Freundinnen aufrecht hineingehen
konnten. Ein solches Geschenk ließ sich kaum noch steigern. Während
in vielen Familien die Väter durch Abwesenheit glänzten und mit
Geschenken mangelnde Zeit kompensieren wollten, scheint Hannelore in dieser
Hinsicht doppelt begünstigt gewesen zu sein. Sie bekam vom Vater beides:
eine Menge Zuwendung und Warmherzigkeit — und das volle Verwöhn
Programm.
Hannelores Vater war eine außergewöhnliche Erscheinung. Ihre
Freundinnen mochten ihn sehr, weil er anders war als ihre Väter.
Der immer tiefbraun gebrannte, sportlich ambitionierte und durchtrainierte
Mittvierziger besaß einen farbenprächtigen Sportwagen, der
mit allen denkbaren Extras und technischen Finessen ausgestattet war.
Gerne zeigte er seine Fahrkünste, wenn Hannelore auf seinem Schoß
saß, und er einige Runden auf dem gepflasterten Hof drehte. Fabrikdirektor
Renner verfügte als einziger Mann im Hause Montbestraße 41
über einen geräumigen Dienstwagen mit Chauffeur. Der Spitzenverdiener
sorgte für Glanz und Glamour, war in der Leipziger Hautevolee äußerst
beliebt und verfehlte seine Wirkung auf Frauen nicht. Gleichwohl wirkte
Renner nicht überheblich. Die Freundlichkeit, mit der er seinen
Mitmenschen begegnete, war nicht aufgesetzt, seine soziale Kompetenz
stellte er selbst in der kleinen Hausgemeinschaft immer wieder unter
Beweis. Für Hannelore und ihre Freundinnen war er der Inbegriff
des idealen Papa mit viel Herz und Wärme. Die Zeitzeugen von heute
beschreiben Wilhelm Renner als einen gut aussehenden, energiegeladenen,
unternehmensfreudigen, smarten Kerl — einen Winner-Typen, der
Hobbys wie das Jagen pflegte, die sich nur wenige leisten konnten.
Im großbürgerlichen Haushalt der Renners gehörte es zum
guten Ton, die Tochter sportlich und musisch zu bilden. In Irenes Tagebuch
sind penibel Anfänge und zunehmende Erfolge beim Fahrradfahren, Schwimmen
und Skilaufen verzeichnet. Und im November 1938 begann Vaters Liebling mit
dem Ziehharmonikaunterricht bei einem Leipziger Privatlehrer. Hannelore
sollte in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und wie sie Akkordeon
und Klavier lernen. Dafür stand im Damenzimmer ein Flügel bereit,
auf dem Irene Renner beinah täglich übte und viele Stunden ihrer
reichlichen Freizeit verbrachte. Auch das Kulturangebot der Stadt mit Opern-
und Theaterbesuchen spielte im Leben der Familie eine große Rolle.
Es gehörte einfach dazu, sich bei Konzerten im Gewandhaus zu zeigen
oder in der Alten Oper am Augustusplatz. Hannelore lernte früh, am
kulturell-gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, das auch im eigenen Elternhaus
stattfand. Mutter Irene bereitete mit viel Einfallsreichtum Abendeinladungen
mit hochkarätigen Gästen vor und lud gerne zu den beliebten Damenkränzchen
ein. Von Kindesbeinen an lernte Hannelore auf diese Weise die feine Gesellschaft
von Leipzig kennen und erlebte ihre Eltern als perfekte Gastgeber für
den prominenten Freundeskreis.
Mit vier Jahren begleitete Hannelore ihre Eltern auf Reisen durch Deutschland,
später auch nach Österreich. Der leidenschaftliche Tüftler
Wilhelm Renner baute für diese Fahrten eigenhändig einen Wohnwagen,
der 1938 bereits über einen Kühlschrank mit Gasbetrieb verfügte.
Das einmalige und äußerst luxuriöse Reisemobil war für
damalige Verhältnisse eine kleine Sensation und unterstrich die exponierte
Stellung seiner Besitzer.
Der Wohlstand der Familie in den Dreißigern und Anfang der Vierzigerjahre
war bemerkenswert. Es fehlte an nichts. Die Frau des zum Direktor der HASAG
berufenen Wilhelm Renner konnte sich Personal leisten wie es in jener Zeit
nur den oberen Zehntausend möglich war. Für den Drei-Personen-Haushalt
arbeiteten eine Putzfrau, eine Wasch- und eine Bügelfrau, ausgestattet
mit modernstem technischem Gerät. Hinzu kam das Kindermädchen
Hilde, das Hannelore heiß und innig liebte. Hilde war nicht nur eine
wichtige Bezugsperson, sondern auch ein liebevoller Gegenpol zur strengen
und fordernden Mutter. Während das Kindermädchen Nähe und
Zärtlichkeit bot, blieb Hannelores Mutter auf Distanz, so wie es dem
damaligen Zeitgeist und den Erziehungsprinzipien entsprach. >>>

Hannelore Kohl zusammen
mit Hilde und Ecki Seeber, ihrer Haushälterin
und dem Cheffahrer, 1989 in der Normandie, vor einem alten Bunker 1944
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