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Die Frau an seiner Seite

Das Leben und Leiden
Hannelore Kohl


Sachbuch



Heyne
320 S.geb.
Euro (D) 19,99
im Buchhandel

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42 Jahre stand sie an der Seite Helmuth Kohls, davon
16 Jahre als Kanzlergattin.
Doch dann der Schock: ihr tragischer Freitod.
Was verbarg Hannelore Kohl hinter ihrem Lächeln?
Was hatte es mit ihrer Lichtallergie auf sich?

Auszüge

WURZELN
Die lateinische Totenmesse mit Giuseppe Verdis »Requiem« war verklungen. Im Dom zu Speyer hatten über tausend Trauergäste aus dem In- und Ausland Abschied von Hannelore Kohl genommen. Es war der 11. Juli des Jahres 2001. Zum Abschluss hatte der Chor das Lied »Nun danket alle Gott« angestimmt. Dann wurde der mit roten Rosen bedeckte Sarg aus dem katholischen Gotteshaus getragen. Ihm folgten tief versteinert Helmut Kohl, seine Söhne und Schwiegertöchter. Hannelores Sarg wurde zum 25 Kilometer entfernten Friedhof Ludwigshafen-Friesenheim gebracht. Gegen 17 Uhr fand dort die Beerdigung im engsten Familien- und Freundeskreis statt. Nach einem kurzen Gebet in der kleinen Friedhofskapelle erfolgte die Beisetzung im Familiengrab. Als der Sarg vor den über sechzig Verwandten und Freunden in die Erde gesenkt wurde, nahm Hannelore Kohl lange Jahre bewusst gehütete Geheimnisse mit ins Grab. Kaum jemand wusste, dass sie noch zu Lebzeiten die Weichen dafür gestellt hatte, dass nach ihrem Tod lange Verschwiegenes einmal öffentlich gemacht werden konnte.

Der 7. März 1933, ein Dienstag, präsentierte sich im Nordosten Deutschlands als grauer, kühler Tag. Die Temperaturen in Berlin stiegen nur wenig über null Grad. Auf dem Programm der Staatsoper Unter den Linden stand Mozarts Idomeneo, im Staatlichen Schauspielhaus wurde Goethes Faust II gegeben, und das Theater im Admiralspalast warb für die Operette Frühlingsstürme von Jaromir Weinberger mit Kammersänger Richard Tauber in der Hauptrolle. In der Reichshauptstadt blühte das kulturelle Leben, die Berliner sahen hoffnungsvoll dem Frühling entgegen. Seit 36 Tagen amtierte Adolf Hitler als Reichskanzler. Für viele Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung war mit Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 ein Traum in Erfüllung gegangen. Deutschland hatte eine »historische Wende« vollzogen, die durch das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 5. März 1933 untermauert worden war. In der Folge sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals unter die Sechsmillionengrenze, es ging nach Jahren der Rezession endlich wieder aufwärts. Ein teuer erkaufter Erfolg, der nur ein Ziel kannte: Deutschland auf einen Krieg vorzubereiten, den damals kaum jemand kommen sah.
An jenem 7. März erblickte Hannelore Renner morgens um 11 Uhr in der Berliner Bavaria-Klinik im Stadtbezirk Schöneberg das Licht der Welt — zwei Monate vor dem errechneten Termin. Die Klinik in der Münchener Straße war das nächstgelegene Krankenhaus zum Wohnsitz des Ehepaars Wilhelm und Irene Renner in der Kaiser-Wilhelmstraße 153 in Berlin-Lankwitz. Die Geburt selbst war reibungslos verlaufen, obwohl Hannelores Mutter nach damaliger Ansicht mit 35 Jahren bereits zu den Spätgebärenden zählte. Große Sorgen indes bereitete den glücklichen Eltern die frühe Geburt des Kindes. Hannelore war als Siebenmonatskind noch vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen und wog weniger als 2500 Gramm. Kurz nach der Geburt musste sie intubiert und vorübergehend künstlich beatmet werden. > > >

LEBEN IN LEIPZIG
Die einzige Außenhandelsmesse des Dritten Reiches hatte mit der »Schau rein deutscher Waren« ihre Herbstmesse des Jahres 1933 gerade beendet. Die Rede des NSDAP-Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler am Leipziger Völkerschlachtdenkmal war bereits Geschichte, als die Möbelpacker mit ihrem Lastwagen vor dem Haus Montbestraße 41 in der Nordwestvorstadt von Leipzig hielten. Sie schleppten ansehnliche Möbelstücke und Teppiche, wunderbares Porzellan und wertvolles Geschirr in die geräumige Wohnung im ersten Stock des 1927 erbauten gutbürgerlichen Sechs-Parteien Hauses. Das stadtnahe und doch freistehende Haus befand sich im Privatbesitz und wurde an solvente Familien vermietet. Die Straße war 1903 nach dem Stadtkommandanten von Leipzig und General der Infanterie Alban von Montbe (1874 — 1885) benannt worden. Als Hannelore Kohl nach der Wende einmal ihre alte Heimat besuchte, war der Name Montbe verschwunden. Im Jahr 1950 war die Straße nach dem französischen Maler Manet umbenannt worden, von 1985 an hieß sie Kommandant-Trufanow-Straße — nach dem ersten sowjetischen Militär-Kommandanten von Leipzig, Generalleutnant Nikolai Iwanowitsch Trufanow. 1999 wurde der Straßenname in Trufanowstraße geändert.
In dieser traditionell besten Wohnlage der bevölkerungsreichsten Stadt Sachsens lebte die Familie über zehn Jahre. Hier verbrachte Hannelore die schönste Zeit ihrer Kindheit, vielleicht sogar ihres Lebens. Die neue, hochmoderne Wohnung mit Fernheizung verfügte über fünfeinhalb geräumige Zimmer mit hohen Decken und einen auffallend langen, breiten Flur. Eltern- und Kinder Schlafzimmer-, Ess-, Herren- und Damenzimmer und das Zimmer für die Hausangestellte, Küche mit Balkon, Bad und separate Toilette und Wintergarten sowie ein gepflegter Garten mit gepflastertem Hof und Sandkasten machten den herrschaftlichen Wohnsitz für die dreiköpfige Familie komplett.


In ihrem akribisch geführten Tagebuch, aus dem Peter Kohl in seinem zusammen mit Dona Kujacinski geschriebenen Buch Ihr Leben ausführlich zitiert, hält Irene Renner nicht nur den Alltag im neuen Domizil fest, sondern protokolliert vor allem die Entwicklung ihrer Tochter. So machte »Püppi« am ersten Januar 1934 erstmals »bitte, bitte«. Und zwanzig Tage später stand Hannelore auf ihren wackligen Beinchen, ganz »ohne Anfassen«. Den ersten Zahn verzeichnete Mutter Irene am ersten Februar 1934. Am 4. Novem¬ber des gleichen Jahres besuchte »Püppi« mit ihrer Mutter den Zirkus Krone in Leipzig. Ob die Renner-Tochter in diesem frühen Al¬ter mit Menschen, Tieren und Sensationen tatsächlich etwas anfangen konnte, darf bezweifelt werden. Im Tagebucheintrag vom ersten März 1935 ist von »Keuchhusten« zu lesen. Am 3. Mai 1935 wurde »Püppi« mit gerade mal zwei Jahren in den Kindergarten aufgenommen und am 9. Oktober bekam sie die erste private Turnstunde. Wenige Tage später ging es erneut in den Zirkus. Diesmal besuchte Hannelore den berühmten »Zirkus Busch«. Mutters Tagebuch Eintrag: »Musik und Tiere finden großes Interesse. Clowns erregen Trauer.«
An Hannelores drittem Geburtstag wurde eine große Kinderparty veranstaltet. Von der Mutter perfekt organisiert, tummelte sich ein gutes Dutzend Kinder an der fürstlich gedeckten Tafel. Danach gab es über mehrere Stunden jede Menge Unterhaltungsprogramm — von Versteck- und Gespensterspielen bis zu lautem Topfschlagen. Dabei entstanden Erinnerungsfotos, die eine überglückliche »Püppi« zeigen. Die Palette der Geschenke dürfte bei so manchem Zögling aus der Nachbarschaft eine Portion Neid hervorgerufen haben. Im Hause Renner herrschte ein Maß an Überfluss, wie er in jener Zeit nur in der Oberschicht zu erleben war. Hannelore besaß während der ersten Jahre ihrer Kindheit immer die neuesten und attraktivsten Spielzeuge, die besten Roll- und Schlittschuhe. Der Vater überschüttete die angebetete Tochter mit einer ungeheuren Fülle ausgesuchter Spielsachen auch außerhalb der Weihnachtszeit oder den Geburtstagen: Immer als erste hatte »Püppi« ein Dreirad, einen Tretroller, später ein Fahrrad oder Skier. Ihr Vater baute ihr ein Kletterhäuschen und überraschte sie einmal mit einem riesengroßen Puppenhaus mit über sechzig Biegepuppen. Woran sich ehemalige Nachbarskinder heute noch lebhaft erinnern, ist ein »Spielhaus«, das Hannelore zu Weihnachten bekommen hatte. Im Herrenzimmer hatte Vater Wilhelm ein komplett möbliertes Haus mit Blumenkästen und Türen bauen lassen, in das Hannelore und ihre Freundinnen aufrecht hineingehen konnten. Ein solches Geschenk ließ sich kaum noch steigern. Während in vielen Familien die Väter durch Abwesenheit glänzten und mit Geschenken mangelnde Zeit kompensieren wollten, scheint Hannelore in dieser Hinsicht doppelt begünstigt gewesen zu sein. Sie bekam vom Vater beides: eine Menge Zuwendung und Warmherzigkeit — und das volle Verwöhn Programm.
Hannelores Vater war eine außergewöhnliche Erscheinung. Ihre Freundinnen mochten ihn sehr, weil er anders war als ihre Väter. Der immer tiefbraun gebrannte, sportlich ambitionierte und durchtrainierte Mittvierziger besaß einen farbenprächtigen Sportwagen, der mit allen denkbaren Extras und technischen Finessen ausgestattet war. Gerne zeigte er seine Fahrkünste, wenn Hannelore auf seinem Schoß saß, und er einige Runden auf dem gepflasterten Hof drehte. Fabrikdirektor Renner verfügte als einziger Mann im Hause Montbestraße 41 über einen geräumigen Dienstwagen mit Chauffeur. Der Spitzenverdiener sorgte für Glanz und Glamour, war in der Leipziger Hautevolee äußerst beliebt und verfehlte seine Wirkung auf Frauen nicht. Gleichwohl wirkte Renner nicht überheblich. Die Freundlichkeit, mit der er seinen Mitmenschen begegnete, war nicht aufgesetzt, seine soziale Kompetenz stellte er selbst in der kleinen Hausgemeinschaft immer wieder unter Beweis. Für Hannelore und ihre Freundinnen war er der Inbegriff des idealen Papa mit viel Herz und Wärme. Die Zeitzeugen von heute beschreiben Wilhelm Renner als einen gut aussehenden, energiegeladenen, unternehmensfreudigen, smarten Kerl — einen Winner-Typen, der Hobbys wie das Jagen pflegte, die sich nur wenige leisten konnten.
Im großbürgerlichen Haushalt der Renners gehörte es zum guten Ton, die Tochter sportlich und musisch zu bilden. In Irenes Tagebuch sind penibel Anfänge und zunehmende Erfolge beim Fahrradfahren, Schwimmen und Skilaufen verzeichnet. Und im November 1938 begann Vaters Liebling mit dem Ziehharmonikaunterricht bei einem Leipziger Privatlehrer. Hannelore sollte in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und wie sie Akkordeon und Klavier lernen. Dafür stand im Damenzimmer ein Flügel bereit, auf dem Irene Renner beinah täglich übte und viele Stunden ihrer reichlichen Freizeit verbrachte. Auch das Kulturangebot der Stadt mit Opern- und Theaterbesuchen spielte im Leben der Familie eine große Rolle. Es gehörte einfach dazu, sich bei Konzerten im Gewandhaus zu zeigen oder in der Alten Oper am Augustusplatz. Hannelore lernte früh, am kulturell-gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, das auch im eigenen Elternhaus stattfand. Mutter Irene bereitete mit viel Einfallsreichtum Abendeinladungen mit hochkarätigen Gästen vor und lud gerne zu den beliebten Damenkränzchen ein. Von Kindesbeinen an lernte Hannelore auf diese Weise die feine Gesellschaft von Leipzig kennen und erlebte ihre Eltern als perfekte Gastgeber für den prominenten Freundeskreis.
Mit vier Jahren begleitete Hannelore ihre Eltern auf Reisen durch Deutschland, später auch nach Österreich. Der leidenschaftliche Tüftler Wilhelm Renner baute für diese Fahrten eigenhändig einen Wohnwagen, der 1938 bereits über einen Kühlschrank mit Gasbetrieb verfügte. Das einmalige und äußerst luxuriöse Reisemobil war für damalige Verhältnisse eine kleine Sensation und unterstrich die exponierte Stellung seiner Besitzer.
Der Wohlstand der Familie in den Dreißigern und Anfang der Vierzigerjahre war bemerkenswert. Es fehlte an nichts. Die Frau des zum Direktor der HASAG berufenen Wilhelm Renner konnte sich Personal leisten wie es in jener Zeit nur den oberen Zehntausend möglich war. Für den Drei-Personen-Haushalt arbeiteten eine Putzfrau, eine Wasch- und eine Bügelfrau, ausgestattet mit modernstem technischem Gerät. Hinzu kam das Kindermädchen Hilde, das Hannelore heiß und innig liebte. Hilde war nicht nur eine wichtige Bezugsperson, sondern auch ein liebevoller Gegenpol zur strengen und fordernden Mutter. Während das Kindermädchen Nähe und Zärtlichkeit bot, blieb Hannelores Mutter auf Distanz, so wie es dem damaligen Zeitgeist und den Erziehungsprinzipien entsprach. >>>


Hannelore Kohl zusammen mit Hilde und Ecki Seeber, ihrer Haushälterin
und dem Cheffahrer, 1989 in der Normandie, vor einem alten Bunker 1944



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