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Liebe Eltern, Kinder, Erzieherinnen, Lehrer, Psychologen,
Kinder- und Jugendärzte
Es ist ein Vorurteil zu glauben, dass alle hoch begabten Kinder Probleme hätten
— zum Beispiel weil sie auf dieses „Hochbegabtsein" gepuscht
würden, nicht mehr spielen und normal sein dürften, keine Freundschaften
schließen und halten könnten, zu Fachidioten würden, die außerhalb
ihres Spezialgebietes nicht gesellschaftsfähig seien.
Es ist wissenschaftlichen erwiesen: Die Mehrzahl der Familien hoch begabter
Kinder haben keine gravierenden Probleme. Das Vorurteil „Genie und Wahnsinn
gehören zusammen" ist eindeutig falsch. Hohe Begabung führt
nicht automatisch zu sozialer Isolation, zu Anpassungsstörungen und psychischen
Krankheiten.
Eher das Gegenteil stimmt: In wissenschaftlichen Untersuchungen finden sich
Belege dafür, dass Jugendliche mit guten Schulleistungen und/oder hoher
Begabung mehr auf die Qualität ihrer Kontakte achten und keinen Mangel
an sozialer Kompetenz haben.
Hohe intellektuelle Fähigkeiten fließen oft auch in hohe kommunikative
Fähigkeiten zur zwischenmenschlichen Interaktion ein, die zu sensibler
Abstimmung der Interessen und Bedürfnisse der Familienmitglieder und
zu Konfliktlösung und Vermeidung von Eskalationen in Auseinandersetzungen
befähigen. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft kann man sagen, dass
Familien mit hoch begabten Kindern weder automatisch ein „Risiko zum
Unglücklichsein" in sich tragen, noch automatisch „ideale
Familien" sind.
Das führt zu einem insgesamt beruhigenden Ergebnis der wissenschaftlichen
Forschung: Familien mit hoch begabten Kindern sind normale Familien mit mehr
Chancen zu Glück und Erfolg — auf Grund der intellektuellen Begabung
der Kinder.
Manchmal aber haben hoch begabte Kinder und Jugendliche Probleme, die sogar
zu Krankheiten führen können. Ob sie soziale und emotionale Schwierigkeiten
mit anderen und sich selbst haben oder nicht, hängt nicht nur von ihrer
intellektuellen Begabung ab, sondern auch von dem Zusammenwirken vom Begabung
und psychosozialer Reife, psychosozialer Anpassung und ihren Beziehungen zu
Gleichaltrigen. Ebenso bedeutsam ist ihr eigenes Wissen um ihre hohe Begabung,
ihre persönliche Bewusstheit der eigenen besonderen Identität und
ihre gewachsene Einstellung zu ihren Talenten und ihrer Leistungsfähigkeit.
Auch die Reaktion des Elternhauses und der Umgebung auf ihre Leistungen ist
entscheidend für die Stabilität der eigenen Überzeugung:
„Ich bin gut, ich kann viel leisten und will es auch."
In manchen Familien haben die Kinder eigene Strategien entwickelt, um ihre
hohe Begabung zu verstecken — zum Beispiel, indem sie
... sich dumm stellen
... eigene Fähigkeiten herunterdiskutieren
... den eigenen Wortschatz nur vereinfacht einsetzen
... sporadisch Fehler einbauen
... so tun, als ob sie Wissenslücken hätten
... den Clown spielen
... anderen Schülern nichts über ihre Teilnahme an Förderprogrammen
erzählen ... nicht zugeben, dass ein Test für sie leicht war
... über eigene Super-Leistungen schweigen
Dieses Buch will hoch begabten Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern helfen,
eine Hochbegabung zu erkennen, sie zu nutzen und mögliche Probleme zu
vermeiden. Es ist aber auch ein Ratgeber für Familien, in denen die hohe
Begabung eines Kindes zu Problemen führen kann oder schon geführt
hat.
Dieses Buch ist nicht nur für hoch begabte Kinder, Jugendliche und deren
Eltern wichtig, sondern auch für alle, die mit Hochbegabten zu tun haben
und Einfluss auf ihre Entwicklung haben: Erzieherinnen, Lehrer, Therapeuten,
Kinder- und Jugendärzte.
Wie auch immer Sie mit dem Thema „Hochbegabung" zu tun haben —
wir wünschen Ihnen, dass wir Sie mit diesem Buch unterstützen können.
Herbert Horsch
Götz Müller
Hermann-Josef Spicher
Typisch
für besonders begabte Kinder
Kennen Sie an einem Kind, dass es sehr neugierig ist, Sie mit Fragen löchert
und vor Wissbegierde sprüht?
dass es kreativ spielt und originelle Ideen hat, die es mit Begeisterung erlebt?
dass es sich sehr gut ausdrücken kann und durch seine Formulierungen
immer wieder auffällt?
dass es Aufgaben und Sachverhalte schnell versteht und Neues rasch lernen
kann?
dass es sich Informationen, Namen und Ereignisse hervorragend merken kann
und Sie mit Details überrascht, an die Sie sich selbst nicht mehr erinnern?
dass es sogenannten Selbstverständlichkeiten mit kritischer Skepsis begegnet
und nach Erklärungen verlangt?
dass es an sich und andere hohe Ansprüche stellt und gute Leistungen
erwartet?
dass es Sachen bohrend auf den Grund gehen will und immer noch Warum- Fragen
stellt, auch wenn die Eltern sich schon leer gefragt fühlen?
dass es bereits vor der Schule Interesse an Zahlen zeigt und gut mit Zahlen
umgehen kann?
dass es immer sich selbst bestimmen will und Dinge auf eigene Art ausprobiert,
um herauszufinden, wie sie funktionieren und was dahinter steckt?
dass es durch logisches Denken und Herstellen von Beziehungen bestimmte Sachverhalte
durchschaut und eigene Schlüsse daraus zieht?
dass es viel malt und zeichnet, Zeichnungen und Bilder mit genauen Details
erstellt und sich in künstlerische Phasen vertieft?
dass es bei Routine- und Alltagsaufgaben schnell ermüdet und Langeweile
zeigt?
dass es ihm nie an stichhaltigen Argumenten mangelt, wenn es in eine Diskussion
geht, und es dann immer noch eine letzte Antwort findet?
dass in ihm viel Energie zur Selbstverwirklichung steckt und es sich eigene
Wege sucht, um ans Ziel zu gelangen?
Das alles sind typische Verhaltensweisen besonders begabter Kinder. Solche
Kinder können für Eltern und Umgebung anstrengend sein. Aber die
Eltern sind natürlich in erster Linie froh und stolz, ein gesundes und
begabtes Kind zu haben.
Dass besonders begabte Kinder oft auch eine besondere Herausforderung sind,
sehen Sie an den folgenden Fallbeispielen von Kindern, die in unserer Praxis
als „hoch begabt" getestet worden sind.
Typisch hoch begabt:
Das Kind, auf das man stolz sein kann
Julian (elf Jahre alt):
„Endlich wird nicht mehr so viel erklärt"
Julian ist ein blonder, immer gut gelaunter Junge, der sich gern spielerisch
mit Zahlen beschäftigt. „ Was ist die größte Zahl, die
es gibt?" fragte er kürzlich. Als er erfährt, dass nach Billion
und Billarde die Trillion mit 18 Nullen und die Trillarde mit 21 Nullen kommt,
zählt er auf einem karierten Block, wie viele Nullen er in die Kästchen
eines Blattes schreiben könnte. Innerhalb von fünf Minuten hat er
dann eine Liste gemacht, wobei er Abkürzungen erfindet, damit man nicht
so viele Nullen schreiben muss. Julian ist jetzt nach vier Grundschuljahren
endlich in der Klasse 5 der Orientierungsstufe der weiterführenden Schule.
„Immer will er sofort loslegen", erzählen die Eltern. „Endlich
wird nicht mehr so viel erklärt." erzählt er selbst: „Nur
noch, wenn alle was nicht verstehen." • „Jetzt langweile
ich mich nicht mehr so."
Jetzt —
in Erwartung des ersten Zeugnisses in der weiterführenden Schule —
fragt er seine Eltern nach seinen Zeugnissen der Grundschule. Als er die dann
durchliest, schmunzelt er: „Da merkt man, dass ich Mathe lieber als
Deutsch hab'." Dann fährt er fort: „Bei manchen Fächern
könnt' ich mich auch noch verbessern." Schließlich sagt er
leise: „Super! Wäre schön, wenn die Noten jetzt in der Klasse
5 auch so wären."
Er ist im Nachhinein ziemlich erstaunt über sich selbst und seine guten
Zeugnisse aus der Grundschule. Seine Eltern erzählen: „Er hat das
alles mit links gemacht."
Als Julian in die Schule kam, konnte er zunächst nur ein paar Wörter
wie „Mama" und „Papa" lesen. Aber schon gegen Ende des
ersten Jahres las er „ohne Ende" und „ überall und zu
jeder Zeit". „Morgens durfte zu Hause nichts Lesbares rumliegen.
Dann war es mit dem Anziehen erst mal vorbei. Sofort war er am Lesen, und
das Frühstücksbrot wurde zwischendurch reingeschoben", berichten
die Eltern. Damals hatte er nur einen Wunsch: „Dass die Schule Spaß
macht und ich nicht so strenge Lehrer bekomme."
In der Grundschule war Julian bei allen beliebt, besonders weil er so gut
Fu߬ball spielen konnte. Auf die Frage, ob es in der Grundschule
schön gewesen sei, kommt sofort: „Nein danke! Weil die da so viel
erklärt haben."
Sofie (vier Jahre alt):
„Mama, Du kannst jetzt gehen"
• Sofie geht seit ihrem 3. Geburtstag in den Kindergarten. Vorher hatte
sie mehrmals zur Probe teilgenommen. An ihrem ersten regulären Kindergar¬ten-Tag
sagte sie zu ihrer Mutter: „Mama, du kannst jetzt gehen".
Im Kindergarten malt sie am liebsten. Sie macht Sachen, die nicht „alters¬gerecht"
sind. Intellektuell kann man sie nicht überfordern. Sie wird „in¬tensiv
und nervig", wenn sie nicht ausgelastet ist, und fordert viel von den
Eltern.
Seit sie 13 Monate ist, schläft sie mittags nicht mehr, braucht keine
Ruhepause. Sie weiß genau, was sie kann. Sie kann genau beobachten und
kommt dann zum eigenen Schluss. Texte, zum Beispiel von Liedern, behält
sie, wenn sie sie einmal gehört hat. Sie liebt alles, was sie geistig
und körperlich fordert, ist aber auch technisch sehr interessiert, wobei
sie einen hohen Anspruch an sich selbst hat.
Sofie ist aufgeweckt, geradlinig und dabei ziemlich kompromisslos. Sie ist
schon eine richtige kleine Persönlichkeit. Eine andere Mutter hat mal
gesagt: „Haben Sie aber ein trotziges Kind", worauf Sofies Mutter
entgegnete:
„Nein ich habe ein selbständiges Kind."
Sofie spricht sehr flüssig im Vergleich zu Gleichaltrigen, fast ohne
grammatikalische Fehler. Man ist erstaunt, welche Wörter sie schon kennt
und im Sinnzusammenhang richtig anwendet. Sie ist nicht leichtsinnig. Wenn
sie sich im Freien bewegt, schätzt sie zum Beispiel ab, von welcher Mauer
sie runterspringen kann.
Insgesamt ist sie ein fröhliches Kind — vor allem, wenn sie sich
gefordert fühlt. Der Vater berichtet: „Sie macht keinen ,Babyunsinn`,
sondern überprüft alles, was sie tut. Im Alltag ist sie sehr selbständig."
Ihm als Computerspezialisten gefällt, dass sie beispielsweise Computerspiele,
die für Vierjährige sind, schon mit 21/2 spielen konnte. Zu Hause
verfolgt sie oft eigene Interessen, blättert in Büchern mit vielen
Bildern. Gerade Sachbücher interessieren sie besonders. Dann schaut sie
die Bilder an, als wolle sie sie mit den Augen fotografieren und abspeichern.
„Leider kann ich noch nicht lesen" war kürzlich ihr Schluss-Satz,
bevor sie das Buch zuklappte.
Inzwischen, nach gut einem Jahr Kindergartenbesuch, sind ihr manche Kindergartenspiele
— manchmal auch Spiele für Sechsjährige — eher langweilig.
Auch andere Kinder empfindet sie leider manchmal als wenig anregend. Aber
in bestimmten Situationen hält sie sich bewusst zurück, als wenn
sie im Kindergarten noch dazugehören wolle. Gegenüber Fremden, zum
Beispiel im Supermarkt, ist Sofie ohne soziale Ängstlichkeit und Scheu.
Sonntagskinder
und andere Mythen
Haben Sie nicht auch schon davon gehört, dass hoch begabte Kinder grundsätzlich
wenig schlafen? Dass sie sich von selbst das Lesen und Rechnen beibringen?
Können Sie sich nicht auch vorstellen, dass hochbegabte zu charismatischen
Persönlichkeiten heranreifen? Oder dass sie sehr sensibel und empathisch
sind?
Persönlichkeit und Verhalten entwickeln sich aus dem Zusammenspiel von
dem, was in unseren Genen steckt, und dem, was uns umgibt. Wir haben es also
mit einem Wechselspiel aus individuellen Anlagen und Einflüssen der Umwelt
zu tun. Für ein hoch begabtes Kind müssen wir grundsätzlich
feststellen, dass es als besondere Anlage eine hohe Intelligenz mitbringt.
Das ist sicher kein Nachteil. Denn bei jedem Menschen trägt die Intelligenz
einen wichtigen Teil zur persönlichen Entwicklung bei. Immerhin hilft
sie uns, Probleme des Alltags zu erkennen und zu meistern. Sie durchdringt
viele Bereiche, in denen wir agieren. Ob es
sich um das Schütteln der Babyrassel, eine Mathematikarbeit, die Überquerung
einer dicht befahrenen Straße oder das Erzählen eines Witzes handelt
— ein Stückchen Intelligenz ist immer dabei.
Für die alltäglichen Aufgaben, die uns das Leben in der Familie,
in der Freizeit und in der Schule stellt, sind aber neben der Intelligenz
auch weitere Persönlichkeits-Faktoren
einflussreich. Wir können nicht behaupten, dass allein die Intelligenz
die psychische, emotionale und soziale Reifung eines Kindes
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beeinflusst. Die Reduktion
einer Persönlichkeit auf ihre Intelligenz ist unangemessen. Denn Persönlichkeit
und Intelligenz sind nicht gleichbedeutend. In die Entwicklung einer Persönlichkeit
fließen auch lerngeschichtliche Erfahrungen ein, die nur bedingt begabungsabhängig
sind.
Entsprechend schwierig ist es, die Einflussgröße der Intelligenz
zu bestimmen. Wie können wir da eine Hochbegabung erkennen?
Wie
alle Menschen sind auch die Hochbegabten Individuen — mit unterschiedlichen
Lebensgeschichten und Persönlichkeits-Merkmalen, die neben der Intelligenz
eine entscheidende Rolle spielen. Deshalb kann man keine pauschalen Urteile
über die Persönlichkeit hoch begabter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener
fällen.
Wenn es sich um die Persönlichkeit von hoch begabten Menschen dreht,
dann begegnen uns häufig zwei Pauschalurteile, die sich als allgemeingültige
Aussagen etabliert haben. Wir bezeichnen sie als Mythen, weil sie einfach
nicht haltbar sind und sich gegenseitig ausschließen.
Mythos 1: Sonntagskind
Jeder Hochbegabte hat es im Leben leicht, ist glücklich und hat keine
Probleme. Bereits mit 25 verfügt er über ein sechsstelliges Einkommen,
wird niemals krank und strotzt vor seelischer Gesundheit.
Mythos 2: Fachidiot
Alle Hochbegabten sind blattschlaue Fachidioten, die im realen Leben keinen
Fuß auf den Boden kriegen. Sie können sich nur mit Theorien beschäftigen,
schweben auf den Wolken ihrer eigenen Welten und sind nicht in der Lage, den
Alltag des Lebens zu bewältigen.
Vorsicht, Mythos
Mythos 1:
Das hoch begabte Sonntagskind
Intelligenz hilft uns bei der Bewäl¬tigung von Lebens-Aufgaben und
-Problemen. Sie macht das Leben einfacher. Deshalb denkt man, dass gerade
Hochbegabte mehr Lebenserfolg haben als gut oder durchschnittlich Begabte.
Denken Sie an den cleveren jungen Rechtsanwalt, den Informatiker oder den
Piloten, denen es rundum gut geht. Die Allgemeinheit denkt schnell:
„Das sind alles Hochbegabte — und alle Hochbegabten haben Supererfolg."
Wissenschaftliche Studien, die zum Beispiel die intellektuelle Begabung von
Abiturienten untersuchen, dokumentieren allerdings klar, dass die besten Abiturienten
sicher gut begabt, aber nicht unbedingt hoch begabt sind. Die hoch begabten
Schüler erreichen meist Abschlussnoten im guten Durchschnitt. Der Mythos
vom hoch begabten Sonntagskind stimmt also nicht. Außerdem garantiert
das beste Abitur noch lange keinen Lebenserfolg.
Mythos 2:
Der blattschlaue Fachidiot
Den einen oder anderen „zerstreuten Professor" haben Deutschlands
Universitäten vielleicht. Das heißt aber nicht, dass er wirklich
alltagsuntauglich ist und erst recht nicht, dass das auf eine hohe Begabung
zurückzuführen sei. Sie kennen ja Aussagen wie: „Noch nicht
mal 'ne Suppe kriegt der gekocht." • „ Wenn seine Frau ihm
nicht die Klamotten rauslegte, wäre er verloren."
• Johannes ist 13 Jahre alt, besucht das Gymnasium und ist hoch begabt.
Er ist sehr an den Naturwissenschaften interessiert. Besonders hat es ihm
die Astronomie angetan. In der Schule geben das auch seine Leistungen wieder,
wie seine Mutter erzählt: „In den meisten sprachlichen Fächern
schlägt er sich so durch, während er in Mathematik, Biologie und
Physik sehr gut ist. Sein Abendessen nimmt er sich meist mit aufs Zimmer,
wo er die Sterne beobachtet. Aber er rührt es nicht an. Es bleibt liegen,
bis auf dem Teller Schimmelpilze wachsen. Er hat einfach kein Gespür
dafür. Ständig bin ich hinter ihm her, damit er sein Geschirr wieder
nach unten bringt. Er sieht das aber nicht ein und erzählt immer wieder
was von seinen Forschungen." Johannes stellt im Gespräch mit dem
Psychologen klar, dass er das „Geschirr-Problem" aus Sicht seiner
Mutter versteht. „Ich brauche aber Zeit, um die Sterne zu beobachten.
Wussten Sie denn nicht, dass ein Stern, den wir jetzt gerade sehen, vielleicht
schon längst erloschen ist? Als Forscher muss ich immer bereit sein."
Wie ist es erklärbar, dass — bei hoher Intelligenz — jemand
anscheinend sein Leben nicht regeln kann, wenn doch Intelligenz das ist, was
das Leben einfa¬cher machen soll? Die einfache Antwort ist: Solche Menschen
setzen ihre gan¬ze Intelligenz für das ein, was sie wirklich interessiert.
Was darüber hinaus um sie herum vorgeht, scheint ihnen egal zu sein.
So entsteht für die Außenste¬henden der Eindruck des „zerstreuten
Professors", den man „durchs Leben tra¬gen" m Damit haben
aber eher die Außenstehenden ein Problem. In diesem Fall hat nicht Johannes
das Problem, sondern seine Mutter. Johannes hat ja sein Leben prima geregelt.
Obwohl er abends nichts isst, ist er bisher noch nicht verhun¬gert. Vielleicht
sollte er einfach abends kein Essen mehr mit aufs Zimmer neh¬men. Dann
hätte auch seine Mutter kein Problem mehr.
Eins allerdings ist klar: Das, was gemeinhin als Lebenstüchtigkeit bezeichnet
wird, hat nicht unbedingt etwas mit Begabungs-Potenzial zu tun.
Die typische hoch begabte Persönlichkeit ist noch nicht gefunden
Typische Persönlichkeits-Merkmale, die nichts mit Intelligenz zu tun
haben und hoch begabten Kindern und Jugendlichen zugeschrieben werden, sind
wissenschaftlich nicht belegbar und deshalb auch umstritten. Dazu könnten
zum Beispiel auch Ehrgeiz oder Ängstlichkeit gehören. Grundsätzlich
ähneln sich hoch begabte und anders begabte Kinder und Jugendliche in
den Strukturen ihrer Persönlichkeit. In allen Gruppen finden sich unterschiedliche
Akzentuierungen — natürlich auch bei den Hochbegabten.
Viele Versuche der Wissenschaft, eine typische hoch begabte Persönlichkeit
zu erfassen, scheitern an der Verschiedenheit auch unter den Hochbegabten.
Es ist also derzeit nicht möglich, dass wir auf eine hohe Begabung schließen
können, weil ein Kind besonders stolz, ängstlich oder faul ist —
oder weil ganz besondere Interessen vorliegen. Aber es gibt Unterschiede zwischen
Hochbegabten und normal Begabten, auf die wir später noch eingehen wollen.
Kognitive Leistungen
Julian, Sofie, Jannik, Fabio, Michael, Kevin, Max und Anna aus Kapitel 1 sind
zwar sehr unterschiedlich, haben aber eins gemeinsam: Sie sind alle hoch begabt.
Wenn wir genauer hinschauen, werden wir trotz aller Verschiedenheiten eine
ganze Reihe von Gemeinsamkeiten feststellen.
Das „Elefanten-Gedächtnis"
Auffallend bei allen hoch begabten Kindern ist das gute Gedächtnis, das
in vielen Fällen zu einem breiten Allgemeinwissen in vielen Bereichen
führt. Die Detailfreude bei Sachen und Aktivitäten, die ihnen Spaß
machen und die sie interessieren, ist oft beeindruckend. Mit Bewunderung sehen
wir häufig, dass hoch begabte Kinder über eine hervorragende Merkfähigkeit
und ein gutes Gedächtnis verfügen.
• Auch Anna-Sophie, eine 14-jährige hoch begabte Schülerin,
hat beachtliche Gedächtnis-Fähigkeiten. Sie ist die älteste
von vier Geschwistern. Sie geht in die 8. Klasse und ist eine gute Schülerin,
die nur im Rechtschreiben eine Schwäche hat. Ansonsten liegen ihre schulischen
Leistungen alle im Bereich einer guten 2.
Anna-Sophies Mutter erzählt: „ Wenn wir sie nicht hätten,
dann brauchten wir viele Merkzettel, auf die wir Namen, Telefonnummern und
andere Sachen schreiben müssten. Sie kennt in der Tat alle Telefonnummern
ihrer Freundinnen auswendig, hat sogar die Telefonnummern ihrer Lehrer immer
im Kopf und kann mir sofort die Nummer unseres Haus- und unseres Zahnarztes
geben. Sie ist ein richtiges Telefonbuch. Und noch besser ist: Sie hat auch
die ganzen Termine, die wir für ihre Geschwister und sie ausmachen, abgespeichert.
Wenn ich auch nur in meinen Kalender schauen will, sagt Anna-Sophie mir gleich,
was ich wissen will. Sämtliche Passwörter hat sie im Kopf kennt
die Nummernschilder der Nachbarn auswendig die meisten Adressen unserer Verwandten
und Freunde sagen. Das Verrückte daran ist, dass sie das alles nicht
lernt oder ständig nutzt. Sie braucht eben nur ein oder zwei Male —
dann hat sie alles im Kopf. Manchmal bin ich etwas unsicher, ob das so gut
ist."
Viele hoch begabte Kinder haben ein sehr gutes Detailwissen. Sie können
sich ohne großen Lernaufwand Kleinigkeiten merken. Diese Fähigkeiten
kann man mit einem „Elefanten-Gedächtnis" vergleichen. Denn
nichts geht verloren — vor allem nicht die Details. Sie schenken Sachen
ihre Aufmerksamkeit, die wir gar nicht so wichtig finden. Dabei kann es sich
um einzelne Namen und Adressen handeln, aber auch Wegbeschreibungen oder Ereignisse.
Sie können sich oft daran erinnern, welche Straße sie entlang gegangen
sind, welche Häuser sie dabei gesehen haben und was gleich hinter der
nächsten Kreuzung kommt. Dabei ist nicht entscheidend, wie viel Zeit
seitdem vergangen ist.
Der Vater von Thomas, einem zwölfjährigen hoch begabten Jungen,
erzählt:
„Als Thomas gerade in die erste Klasse gekommen war, haben wir eine
Tour durch die Vogesen und das Elsass gemacht. Damals waren wir einen Tag
lang in Straßburg und haben uns die ganz Stadt angeschaut. Einmal mussten
wir zur Toilette. Da haben wir ein Café gesucht und sind dort hinein.
Das war vor fünf Jahren. Jetzt waren wir wieder in Straßburg. Plötzlich
deutet Thomas auf eine Straße: Wenn wir hier lang gehen und dann da
vorn rechts laufen, kommt an der Ecke das Café, wo wir beim letzten
Mal auf der Toilette waren.' Wir haben's ausprobiert — und er hat Recht
gehabt."
Geballte Ladung Logik
Eine wichtige Fähigkeit des hoch begabten Kindes ist das schlussfolgernde
Denken: Aus dem Erkennen von Beziehungen schafft es Systematiken, die es nutzen
kann, um Aufgaben zu lösen und Probleme aus der Welt zu schaffen. Das
gelingt hoch begabten Kindern oft leicht und auch sehr früh. Sie können
im Alltag, im Kindergarten und in der Schule in sich stimmige Abläufe
erkennen und eine nachvollziehbare Ordnung schaffen. Dabei decken sie Beziehungen
und Sachzusammenhänge auf und können sie auf andere Situationen
beziehen.
Diese Transfer-Leistungen sind oft so beachtlich, dass wir uns nur wundern
und den Kopf schütteln können, wie es zu diesem Gedanken oder zu
jener Handlung gekommen ist. Was Sie zu Hause manches Mal erleben können,
wenn die Diskussion über die Hausaufgaben, das Zubettgehen oder den Fernsehkonsum
losgeht, ist strategische Kriegsführung par excellence. Logisches Argumentieren
ist eine Stärke hoch begabter Kinder, die natürlich auf ihrer starken
Denkfähigkeit beruht.
„Cogito, ergo sum"-
Hoch begabte Kinder denken nach.
„Cogito, ergo sum" sagte
der Philosoph Rene Descartes im 17. Jahrhundert. „Ich denke, also bin
ich." Viele hoch begabte Kinder sind bereits im jungen Alter dazu in
der Lage, über sich selbst, über andere und über Geschehnisse
im nahen Umfeld oder in der fernen Welt nachzudenken. Sie haben die Fä¬higkeit
zur Reflexion und können ihre eigene Perspektive verlassen, um sich und
andere mal von außen zu betrachten. Das kann dazu führen, dass
sie sich gut in andere Menschen oder Tiere und deren Bedürfnisse und
Nöte hinein¬versetzen können. Sie können sich in andere
hineindenken, aus deren Blick¬winkel schauen und dadurch das, was die
anderen tun, besser verstehen. Vie¬le hoch begabte Kinder — besonders
Mädchen — sind sehr empathisch ( bereit und fähig, sich in
andere Menschen einzufühlen) und nehmen Anteil am Schicksal anderer.
Ein bisschen Theorie
Die Wissenschaftler gingen noch in den 1970er Jahren davon aus, dass Kinder
gleichsam als „Tabula rasa", als „unbeschriebenes Blatt"
auf die Welt kämen und dass die Erziehung darin bestehe, dieses Blatt
zu beschreiben. Das ist falsch.
Jedes Kind bringt von Geburt an ein ganzes „Paket" an Entwicklungs-Möglichkeiten
mit, wie die Hirnforschung nach W. Singer (Leiter des Max-Planck-¬Instituts
für Hirnforschung in Frankfurt a. M.) heute weiß. Diese Entwicklung
-Möglichkeiten sind immer individuell ausgeprägt. Sie bedeuten für
jedes Kind eine persönliche Chance, die genutzt werden sollte, die genutzt
werden muss. Das ist die eine wichtige Erkenntnis der Hirnforschung. Die zweite
ist die, die Singer mit „Zeitfenster" beschreibt. Danach ist der
Mensch in zeitlich begrenzten „sensiblen Perioden" besonders in
der Lage, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln und Fertigkeiten zu erlangen.
Das hängt mit der Reifung und Entwicklung des Gehirns zusammen. Bestimmte
Hirnareale und -strukturen reifen früh und stabilisieren sich dann, während
andere später reifen und für diesen Prozess auch wesentlich länger
brauchen. Ist ein „Zeitfenster" offen, ist die Möglichkeit
der Einwirkung und damit der Entwicklung in diesem bestimmten Bereich größer.
Diese Zeitfenster sind oft kombiniert mit einem enormen Wissensdurst und hoher
Motivation: Lernfreude pur! Ist eine solche Periode vorbei, ist zwar nicht
alles verpasst, aber der Aufwand, das Versäumte nachzuholen, ist höher.
Zu den grundlegenden Entwicklungsprozessen gehören sprachliche Fähigkeiten
genauso wie Fähigkeiten der nonverbalen Kommunikation, die gerade für
soziale Kompetenz enorm wichtig sind. Unsere Hauptebene des Austauschs mit
Kindern ist meist sprachlich, obwohl das der kindlichen Entwicklung nicht
angemessen ist. Kinder brauchen „emotionale Sprache", die zum Beispiel
über Mimik und Gestik transportiert wird. Werden innerhalb der frühen
Jahre die „Zeitfenster" für die nonverbale Kommunikationsfähigkeit
verpasst, dann sind Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion bis hin zum
autistisch gestörten Kind denkbar.
Außerdem müssen
wir in der Kindergartenzeit auf die Grundprozesse der motorischen Entwicklung
achten, wie Sie selbst vielleicht leidvoll beim letzten Ski-Urlaub feststellen
mussten. Ihr Kind hat sich mühelos auf die Bretter gestellt und ist losgefahren,
während Sie sich von Hang zu Hang gekämpft haben. Auch das ist in
der Hirnentwicklung begründet: Während wir Erwachsene bestimmte
motorische Abläufe mit viel Mühe und Energie lernen (uns vielmehr
erarbeiten) müssen, erfassen Kinder diese Abläufe so, als geschehe
es nebenbei. Die Zeitfenster der Kinder sind geöffnet!
Ein wichtiger Grundprozess besteht in der kognitiven Entwicklung, die sich
i Wahrnehmen, Erkennen und gedanklichen Handeln zeigt. Kinder, denen wenig
bis keine Umwelt-Anregungen für ihre kognitive Weiterentwicklung gegeben
wurden, zeigen in vielen Bereichen ihrer Entwicklung enorme Defizite: Sie
verstehen Zusammenhänge wesentlich schlechter als andere Kinder, sie
sprechen wenig oder können sich nicht gut ausdrücken und reagieren
bei emotionalen oder sozialen Signalen nicht oder nicht angemessen. Fähigkeiten
des Wahrnehmens, Erkennens und Denkens haben eine übergeordnete Bedeutung:
Sie sind für alle Bereiche der Entwicklung von enormer Wichtigkeit.
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