Intimitaet und Verlangen, Sexuelle Leidenschaft wieder erwecken
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Intimitaet und Verlangen

Intimitaet und Verlangen, Schnarch
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Intimität und Verlangen



Sachbuch


Kett-Cotta

487 S. geb.
€ (D) 29,95
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David Schnarch

Sexuelle Leidenschaft
wieder wecken

Auszüge



Nicole und Philipp

Mein Freund meinte Paare wie Nicole und Philipp, die mich wegen ihrer Probleme bezüglich des sexuellen Verlangens aufsuchten. Sie hatten nur noch einmal im Monat Sex. Nicole hatte das schwächere sexuelle Verlangen. Sie sagte, sie sei nicht an Sex interessiert, wisse aber nicht warum. Im Grunde fühle sie sich nicht asexuell. Philipp war sicher, dass er Sex wollte und brauchte; sein Problem war, dass er nicht genug davon bekommen konnte.
Schon bald offenbarte Nicole, dass ihr die Art, wie ihre sexuellen Begegnungen abliefen, nicht gefiele. Daraufhin ging Philipp deutlich in die Verteidigungshaltung. Nicole erklärte, sie empfinde den Sex mit Philipp als langweilig. Sie würden immer das Gleiche wiederholen. Es sei völlig voraussehbar, wie die Situationen ablaufen würden. Philipp erreiche zu schnell den Orgasmus. Der Sex mit ihm sei nicht romantisch und nicht befriedigend, im Grunde nicht der Mühe wert. Nicole gab zu, dass ein Teil der Schuld bei ihr liege. Auch sie sei faul. Sie investierte nicht so viel Energie in den Sex, wie sie es eigentlich tun müsste.
Philipp war es sichtlich unbehaglich, während Nicole erläuterte, worüber sie unzufrieden war. Es gelang ihm mit Mühe, sich zurückzuhalten. Um Philipps gespiegeltes Selbstempfinden zu stärken, hätte ich Nicole fragen können, was ihr am Sex mit Philipp gefalle. Doch vielleicht wäre ihr nichts eindeutig Positives eingefallen, und ich wollte sie auch nicht ermutigen, ihn zu unterstützen.
Stattdessen forderte ich sie auf zu beschreiben, welche Art von Sex ihr gefalle. Mir erschien es im Interesse beider besser, dem Gespräch diese Wendung zu geben. Nicole zögerte zunächst, beantwortete dann aber meine Frage. Während sie beschrieb, was sie sich wünschte, hellte sich ihr Gesicht auf. Ihre Beschreibung war ziemlich detailliert und anschaulich. Als sie damit fertig war und ihr klar wurde, dass ich sie anschaute und lächelte, errötete sie.
»Warum lächeln Sie mich an?«, fragte sie grinsend.
»Ficken Sie gerne?«
»Ich ... ich weiß nicht.«
»Das haben Sie gerade beschrieben.«
»Sie meinen, ob ich Sex mag? Ja, ich mag ihn.«
»Nein, ich meine, ob Sie Ficken mögen? Sie haben gerade beschrieben, wie Sie und Ihr Partner ficken. Zuerst machen Sie es ihm, und dann macht er es Ihnen. Während des ganzen Vorgangs, den Sie beschrieben haben, war das, was Sie getan haben, Ficken. Offenbar kennen Sie sich damit aus.«
Nicole nickte. »Offenbar ist das so!« Philipp hatte aufgehört, sich zu winden. Er verfolgte nun sehr aufmerksam unser Gespräch.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet, und das brauchen Sie auch nicht. Aber ich frage Sie trotzdem noch einmal: Kennen Sie sich mit Ficken aus? Wissen Sie, was ich damit meine?«
Nicole warf zuerst Philipp einen Blick zu und dann mir. Dass sie zögerte, war klar zu erkennen. Schließlich atmete sie tief durch, und dann lüftete sie ihr Geheimnis. (Es war ohnehin schon gelüftet.) »... Ja.«
»Woher kennen Sie sich mit Ficken aus? Aufgrund Ihrer Beziehung mit Philipp?«
»... Nein.« Nicole beobachtete seine Reaktion. Ich hielt inne, um dem Raum zu geben.
»Ich verstehe, dann befinden Sie sich in einer Falle, aus der man nur schwer herauskommt. Das gilt besonders für Frauen.«
Nicole beobachtete mich genau. »Was meinen Sie damit?«
»Es klingt, als würden Sie Sex mögen, aber vor Frustration und Langeweile sterben. Sie wissen, was Sie wollen: Sie wollen ficken. Aber das können Sie Philipp nicht sagen, weil er Sie dann fragen würde, woher Sie wissen, dass Sie das mögen. Und dann müssten Sie ihm sagen, dass Sie das mit jemand anderem herausgefunden haben, und Sie fürchten, dass er sich dann bedroht fühlen würde. Deshalb versuchen Sie den Eindruck zu erwecken, Sie seien eine sexuelle Niete, die nicht weiß, was ihr gefallen würde, und das alles nur, weil sie verhindern wollen, dass das gespiegelte Selbstempfinden Ihres Mannes ins Bodenlose abstürzt.«
Nicole wirkte verblüfft. Sie war offensichtlich ziemlich baff. »Woher wissen Sie das alles?«
»Viele Frauen befinden sich in dieser Falle. Und viele schaffen es nie, sich dar¬aus zu befreien — stattdessen geben sie den Sex einfach völlig auf. Oder sie begin¬nen Affären.«
»Ich glaube, ich bin mit Philipp dem Ficken ein- oder zweimal ziemlich nahe gekommen.« Offensichtlich versuchte sie, einen unterstützenden und optimisti¬schen Eindruck zu erwecken, doch was sie sagte, klang hohl.
»Vielleicht war das wirklich so. Aber Sie haben immer noch nicht verraten, ob das, was ich beschrieben habe, auf Sie zutrifft.«
»Dass ich in einer Falle sitze?« Nicole verfolgte genau, was in Philipp vor sich ging.
»Ja.«
»... Ja. Ich bin in dieser Falle.«
Philipp schüttelte ungläubig den Kopf. »Als Nicole zu reden anfing, dachte ich, ich bin ein Dummfick. Jetzt merke ich, dass ich nicht einmal das bin.»
Ich sagte: »Wenn Sie Ihre Karten richtig ausspielen würden, könnten Sie zu einem Superficker werden.«
Nach einigen Sekunden nickte Philipp. »Also gut. Ich bin bereit, es zu lernen.«
Verborgene Talente
Schon zu Beginn ihrer Beziehung mit Philipp war Nicole beim Sex klar gewor¬den, dass er sie nicht richtig fickte. Anfangs hatte sie dies dem Mangel an Erfah¬rung zugeschrieben. Sie war bereit, geduldig zu sein. Sie nahm an, es werde sich allmählich ergeben, so wie sie es bei früheren Partnern erlebt hatte. Doch dazu kam es nicht. Nicole bemühte sich vorsichtig, Philipp zu ermutigen, aber er wollte sich offenbar nicht darauf einlassen.
Nicole versuchte herauszufinden, weshalb Philipp vor dem Nehmen und dem Genommenwerden zurückscheute. Allmählich wurde ihr klar, dass das bei ihm nicht nur etwas mit Naivität zu tun hatte. Wenn Nicole manchmal das Gefühl hatte, die Situation entwickle sich in die richtige Richtung, tat Philipp etwas, wo¬durch das aufflammende Feuer gleich wieder abgekühlt wurde. Zuerst konnte sie sich keinen Reim auf dieses Verhalten machen. Sie nahm an, jeder Mensch wolle ficken, weil es sich so wunderbar anfühlte.

Dann kam sie auf den Gedanken, Philipp halte sich vielleicht zurück, um seiner Neigung, schnell zum Orgasmus zu kommen, entgegenzuwirken und so die sexuellen Begegnungen zu verlängern. Dies hatte sie ziemlich lange geglaubt. Doch nach vielen sexuellen Situationen, die sie mit ihm erlebt hatte, wurde Nicole klar, dass da noch etwas anderes war: Philipp zog sich zurück, weil er sich vor seiner eigenen Aggression fürchtete. Sie versuchte, ihn zu ermutigen, indem sie sagte, sie sei nicht besonders empfindlich und könne einiges vertragen, doch ohne jeden Erfolg. Als Nicole dann Philipps Vater kennenlernte, der völlig unkontrolliert war, konnte sie zwei und zwei zusammenzählen.
Im dritten Ehejahr gab Nicole auf. Sie verkehrte zwar immer noch sexuell mit Philipp, aber das war für sie ziemlich öde. Meist fand sie sich einfach mit dem ab, was Philipp wollte. Oft rang sie mit dem Impuls, eine Affäre zu beginnen.
In vielerlei Hinsicht entsprach Nicole einem sehr verbreiteten Typus von verlangensschwachem Partner: einer feurigen Mutti, die sexuell desinteressiert wirkt, aber in Wahrheit frustriert und wütend ist und gern genommen werden würde. Nicole wollte von Philipp genommen werden, und sie wollte auch damit experimentieren, ihn zu nehmen. Sie wünschte sich, dass Philipp die Art von Mann wäre, den sie gerne nehmen würde. Sein Körper gefiel ihr, einmal abgesehen von ein paar überflüssigen Pfunden. Die entscheidende Frage war: Würde er sich ficken lassen?
Wie viele Männer hatte Philipp große Angst vor weiblicher Sexualität. Seinen ersten Geschlechtsverkehr hatte er auf Initiative einer Highschool-Freundin erlebt. Er reagierte zögerlich, als er später von anderen Frauen dazu aufgefordert wurde. Mit einer sexhungrigen (und vermutlich sexuell erfahrenen) Frau zusammen zu sein, wirkte auf ihn beängstigend. Die wenigen Male, die Nicole versuchte hatte, ihn zu nehmen, war er auch nervös geworden. Philipp wusste, dass allgemein, auch von seiten Nicoles, erwartet wurde, dass er als Mann der Partner mit dem stärkeren Verlangen sei. Doch er glaubte nicht, die hohe Erwartung von Frauen, die Sex wirklich gern mochten, erfüllen zu können.
Überreste der weiblichen »Brunst«
Vielleicht liegt es an der Eigenart der weiblichen Anatomie, dass es im Grunde keine Begriffe gibt, welche die sexuelle Kraft von Frauen beschreiben. In dieser Tatsache spiegelt sich, wie die westliche Zivilisation die Sinnlichkeit von Frauen herunterspielt.' Doch zahllose Generationen wussten, dass sie existiert. Indizien für die sexuelle Macht unserer Urmütter sind über die Jahrhunderte zu uns durchgedrungen. Philipp war nicht klar, dass seine Furcht vor weiblicher Sexualität teilweise ein Relikt von Millionen von Jahren menschlicher Fortpflanzung war.
Einem verbreiteten Stereotyp zufolge geht es Männern mehr um das Ficken, während Frauen es vorziehen, »Liebe zu machen«. Auch ich würde dies vermutlich glauben, hätte meine Arbeit mich nicht eines Besseren belehrt. Da ich jedoch zahlreichen Klientinnen geholfen habe, haben sie mir gezeigt, wie sie wirklich sind. Und da ich mit ziemlich vielen Frauen auf diese Weise gearbeitet habe, bin ich mir sicher, dass das obige Klischee nicht zutrifft.

Auf der ganzen Welt sind Frauen an Sex mindestens so stark interessiert wie Männer. Die Anthropologin Helen Fisher weist darauf hin, dass ungeachtet der sehr verbreiteten Ansicht, Männer sollten beim Sex die Initiative ergreifen, eine in den 1970er Jahren durchgeführte Untersuchung, in die 93 Gesellschaften einbezogen wurden, ergab, dass Männer und Frauen in 72 dieser Gesellschaften der Auffassung waren, der Sexualtrieb sei bei den Geschlechtern in etwa gleich stark.
Aufgrund meiner therapeutischen Erfahrung bin ich sogar davon überzeugt, dass Frauen stärker an Sex interessiert sind als Männer — vorausgesetzt, es ist guter Sex. Frauen geht es mehr um die Qualität von Sex als Männern. Viele sind an Sex interessierter als ihre Männer und verfügen über umfassendere Kenntnisse auf diesem Gebiet.
Ein Aspekt von Sex ist seine Stärke und die Qualität der sexuellen Absicht. Absicht ist Verlangen. Sie ist entscheidend, wenn Sie jemanden umwerben und es sich um Ihre ersten sexuellen Erfahrungen handelt. Ebenso wichtig ist die Intention, wenn Sie mit Ihrem Partner in einer jahrzehntelangen Beziehung sexuell verkehren. Und wenn Sie jemanden ficken, spielen Ihre fokussierten fleischlichen Intentionen eine wichtige Rolle.
Männer und Frauen schauen sich Fotos mit Darstellungen sexueller Aktivi¬täten unterschiedlich an. Männer betrachten zuerst die Gesichter, Frauen mit einem normalen Monatszyklus (die nicht regelmäßig Verhütungsmittel einneh¬men) zuerst die Genitalien und Frauen, die orale Verhütungsmittel einnehmen, zuerst die nichtsexuellen Aspekte des Kontexts.3
Studien über Hinweise auf die Absicht (intention cues) (eine von fünf für die Werbungsphase wichtigen Verhaltensweisen) deuten darauf hin, dass Frauen ihre Intention in stärkerem Maße erkennen lassen: Gewöhnlich ergreifen sie die Initiative, indem sie den Körper des Bewerbers berühren. Aus Untersuchungen, die in Single-Bars durchgeführt wurden, geht hervor, dass Frauen in zwei Dritteln aller Fälle den Kontakt knüpfen. Frauen auf der ganzen Welt initiieren häufig aktiv ihre sexuellen Begegnungen.
Eine Spruchweisheit unserer Zeit lautet: »Gute Mädchen machen Liebe, böse Mädchen ficken.«
Viele Frauen schimpfen über die darin zum Ausdruck kommende Doppelmoral. Die Vorstellung, dass Frauen nicht ficken sollten, erscheint als besonders merkwürdig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Interesse der Frauen am Ficken auf ihre Urmütter zurückgeht, die ebenso brünstig wurden wie alle anderen Primaten.

Alle weiblichen Primaten haben eine Brunstzeit, wobei Menschenfrauen die einzige Ausnahme zu bilden scheinen. Weibliche Affen haben monatliche Menstruationszyklen wie Menschenfrauen, werden aber außerdem in der Mitte jedes Monatszyklus brünstig. Die meisten Kopulationen finden bei ihnen in dieser Zeit statt. Wird der Menstruationszyklus der Affenweibchen unterbrochen, weil sie ihre Jungen stillen, sind unsere Affenbrüder sexuell weniger »munter«. (Das Gleiche passiert, wenn menschliche Paare ein Baby bekommen, mit dem einzigen Unterschied, dass das gespiegelte Selbstempfinden des Mannes geschwächt wird, weil er mit weniger Aufmerksamkeit bedacht wird. Männliche Orang-Utans werden offenbar besser mit diesem Problem fertig, weil sie kein so manifestes Selbstempfinden haben.)
Jeden Monat erreicht das sexuelle Verlangen einer Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Menstruationszyklus einen Gipfelpunkt. Möglicherweise sind dies Relikte der Brunst unserer prähistorischen Großmütter. Doch das ererbte sexuelle Verlangen der Frauen ist nicht ausschließlich von sich wiederholenden hormonellen Spitzenpegeln abhängig: Aufgrund der vorgeprägten neuronalen Verbindungen in ihren Gehirnen können sie Sex zur sozialen Regulation von Angst nutzen. Dies gilt mit Sicherheit für die Bonobos, die Primatenart, die dem Menschen am ähnlichsten ist.' Wie Menschen trennen Bonobos Sex und Fortpflanzung. Sexuelle Kontakte beschränken sich bei ihnen nicht auf die Zeit der Brunst.
Weibliche Bonobos kopulieren die meiste Zeit des Jahres, weil sie während drei Vierteln ihres Menstruationszyklus brünstig sind. Doch es gibt bei ihnen noch einen anderen wichtigen Grund für Sex: Bonobo-Weibchen pflegen täglich sexuelle Kontakte, um Spannung abzubauen, Freundschaften zu stärken und Stress in der Gruppe zu verringern. Außerdem setzen sie Sex ein, um ihre männlichen und weiblichen Freunde zu bestechen, damit diese ihnen Nahrung abgeben. Sexualität ist das wichtigste Mittel der weiblichen Bonobos und der Menschenfrauen, zur Welt in Beziehung zu treten.
Das sexuelle Verlangen der Menschenfrauen wurzelt in der Entwicklung des Menschen. Dieses Verlangen wäre äußerst stark, wenn Bonobos und Menschen einander in sexueller Hinsicht ähnelten. Doch die Ähnlichkeit hält sich aufgrund einer Merkwürdigkeit der menschlichen Entwicklung in Grenzen:

Wir sind die einzigen Primaten, deren Weibchen nicht mehr brünstig werden!
Wie konnte es dazu kommen? Warum haben Menschenfrauen ihre Brunst verloren?
Könnte die Brunst der Frauen die Männer verängstigt haben? Oder könnten die Männer die Brunst aus den Frauen »herausgezüchtet« haben? Möglicherweise entsprach dies einer Forderung des sich herausbildenden gespiegelten Selbstempfindens. Vielleicht wollten die Männer nicht, dass die Frauen ihnen ständig das Gefühl sexueller Unzulänglichkeit vermittelten.
Die Fähigkeit von Frauen zu multiplen Orgasmen könnte ein Relikt der Brunst sein. Doch vielleicht haben die Männer den Frauen diese Fähigkeit auch »angezüchtet«. Vielleicht wirkten die multiplen Orgasmen der Frauen auf die prähistorischen Männer ichstärkender als brunstgesteuerte sexuelle Aggressivität. Vielleicht gefiel es den Männern, wenn sich die Frauen in orgasmischer Verzückung wanden, während sie ihren riesigen Phallus in die Vagina stießen. Und vielleicht zogen sie es vor, dieses »Drama« mit Frauen aufzuführen, denen es leicht fiel, zum Orgasmus zu kommen, und die dies viele Male in Folge konnten. Hätten Männer Frauen im Laufe von Millionen von Jahren die Fähigkeit zu multiplen Orgasmen »anzüchten« können? Und können deshalb heute 3o Prozent der Frauen beim Koitus zum Orgasmus kommen? Niemand vermag diese Fragen zu beantworten.
Menschen ficken nicht mit ihrem Unterstützungssystem.
Es gibt bei Menschen noch eine andere interessante sexuelle Eigenart: Die meisten Menschen, die in längerfristigen Partnerschaften leben, ficken nicht mit ihrem Partner. Warum ist das wichtig? Weil Mutter Natur nicht Millionen von Jahren damit verbracht hat, eine Fähigkeit in das menschliche Gehirn einzubauen und den Menschen dann zu empfehlen, diese Fähigkeit nicht zu nutzen. Ficken, Nehmen und Genommenwerden beinhalten, dass Ihre tierische Primatennatur mit den am höchsten entwickelten Fähigkeiten Ihres Gehirns kollidiert. . . . .


Intimität und Verlangen
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Wollen, nicht Wollen wollen und die Qual der Wahl

Bisher ging es darum, weshalb normale gesunde Menschen Probleme mit dem sexuellen Verlangen haben und wie diese zum Ausdruck kommen. Es handelt sich dabei um universelle Probleme, die zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit beitragen können. (Sie werden in diesem Kapitel noch einige andere Probleme dieser Art kennenlernen.)
In Teil III geht es darum, wie sich das, was Sie in der Vergangenheit erlebt haben, auf Ihr sexuelles Verlangen auswirkt. Wir haben uns schon mit dem Beziehungskontext befasst, mit jener Wechselbeziehung, in der wir spezifische Erlebnisse haben. Die Kombination normaler Beziehungsprozesse, besonderer persönlicher Erlebnisse und unserer Reaktion auf sie prägt unser Leben und unser Verlangen. Wir erleben Probleme, die unser sexuelles Verlangen betreffen, vor dem Hintergrund unseres früheren und gegenwärtigen Lebens. Unsere Erlebnisse können Probleme bezüglich des sexuellen Verlangens wahrscheinlicher machen, ihre Lösung erschweren und ihre Wirkung auf unser Leben verstärken.
Wie kommt es dazu? Auf dieselbe Weise, wie unsere Sexualität einen sehr individuellen Charakter annimmt. Was unterscheidet das menschliche Verlangen vom Verlangen aller übrigen Arten? Was macht unser sexuelles Verlangen zu etwas einzigartig Menschlichem? Was unterscheidet unseren Sex von der tierischen Rammelei auf dem Bauernhof? Die Antwort auf alle diese Fragen lautet: dass wir aufgrund der Evolution des menschlichen Gehirns Sex mit Bedeutungen verbin¬den könnten. Diese Bedeutungen können unsere sexuellen Beziehungen stark erweitern oder einschränken.
Doch wie werden diese Bedeutungen gefunden? Damit meine ich nicht Ihre sexuellen Wertvorstellungen oder Ihre intellektuellen Erklärungen. Ich meine, wie Sex, Verlangen und Intimität emotional und physisch in Ihrem Gehirn verankert werden. Die Themen, die Ihre Beziehungen und Ihr Sexualleben dominieren, bilden Ihre sexuelle Dynamik — das, was Ihr Verhalten bestimmt. Dies wird großenteils erlernt. Erlebnisse mit anderen Menschen prägen die Bedeutung Ihrer Sexualität — im guten wie im schlechten Sinne. Wenn Sie sich nicht od nur wenig mit negativen Lebenserfahrungen auseinandergesetzt haben, ist Il Wissen darüber, wie solche Erfahrungen die Bedeutungen beeinflussen, die Sie mit Sex verbinden, entsprechend gering, und dies wiederum kann bewirker dass Sie keinerlei Einfluss darauf haben.

Verlangen können Sie entwickeln

Aus Teil Il wissen wir, dass die Ehe ein Entwicklungsprozess ist. In Teil III werden wir dieses Wissen auf Sie selbst anwenden und Ihnen helfen, ein stärkeres Verlangen zu entwickeln. Verlangen ist eine Fähigkeit, die Sie entwickeln können, also nicht einfach nur ein biologischer Trieb. Es ist jedoch nicht damit getan, dass Sie Ihre sexuellen Probleme beseitigen oder Ihre Libido stärken. Es geht um die Stärkung Ihrer Fähigkeit.
Wir Menschen sind zu einem wesentlich stärkeren und bedeutungsvolleren Verlangen fähig, als uns möglicherweise klar ist. Insbesondere wenn wir älter werden, entwickelt sich unsere Fähigkeit zu sexuellem Verlangen. Manche Paare lösen später im Leben sexuelle Probleme, mit denen sie in jüngeren Jahren nicht fertiggeworden sind. Es besteht sogar eine starke reale Korrelation zwischen dem Älterwerden und dem sexuellen Potential.
Diese Art der Annäherung an das Verlangen könnte Ihnen merkwürdig erscheinen, wenn Sie nicht bereits wüssten, dass Liebesbeziehungen die persönliche Entwicklung von Partnern fördern. Außerdem verändert sich auf diese Weise die Natur Ihres Verlangens.
Wenn hier von der Stärkung des sexuellen Verlangens die Rede ist, geht es nicht nur darum, Sex zu wollen. Das sexuelle Verlangen des Menschen ist Verlangen nach dem Partner, nicht nur Verlangen nach Sex an und für sich.
Sie können Verlangen nach Ihrem Partner verspüren und trotzdem keinen Sex wollen. Sie können aber auch Verlangen nach Sex haben, ohne Verlangen nach Ihrem Partner zu verspüren. Dies gilt zumindest für viele Menschen, und es ist häufig die Ursache für schwaches Verlangen in einer Ehe. Manchmal spiegeln sich in Ihrem schwachen Verlangen die verlangensschwächenden Eigenschaften Ihres Partners. Doch Sie müssen sich damit auseinandersetzen: Spiegelt sich darin Ihre eigene begrenzte Fähigkeit, sich um eine andere Person zu kümmern und sie zu wollen?

Stellen Sie sich Verlangen als Wollen vor
Verlangen ist kein biologischer Trieb, der Sie ins Bett zieht, ob Sie wollen oder nicht. Das menschliche Verlangen ist aktiver. Stellen Sie sich Verlangen als Wollen vor.
Hungern Sie nach Intimität, Liebe und einer tiefen Vereinigung? Schmachten Sie auf eine Weise nach sexuellem Einssein, die an spirituelle Sehnsucht grenzt? Wenn ja, dann versetzt die Weiterentwicklung der Vier Aspekte Sie in die Lage, in einem tieferen Sinne zu wollen. Menschen, denen es schwerfällt, ihren Geist und ihre Gefühle zu beruhigen oder mit schwierigen Situationen fertigzuwer¬den, sind nicht besonders gut im Wollen. Einige empfinden das Unbehagen, das Wollen hervorruft, als so unerträglich, dass sie sich nicht zugestehen, Sex oder ihren Partner zu wollen.
Verlangen ist kompliziert. Der Ausgangspunkt Ihres Wollens kann das Gute und Starke oder das Schlechte und Schwache sein. Bei einigen Menschen ist das mutmaßlich starke Verlangen nichts anderes als das gespiegelte Selbstempfin¬den, das nach einer Emotionstransfusion schmachtet. Wollen aus Bedürftigkeit ist ein ziemlich automatischer Prozess (sofern Sie überhaupt zulassen, dass Sie etwas wollen). Geht das Wollen von einem stabilen und flexiblen Selbst aus, liegt ihm eine persönliche Entwicklung zugrunde.

Tom und Helen
Helen und Tom waren ein Paar in den Dreißigern. Als sie das erste Mal zu mir kamen, lebten sie schon einige Jahre zusammen, waren aber nicht verheiratet. Beide hatten schon eine Ehe hinter sich. Sie stritten darüber, wie häufig sie Sex haben sollten, und darüber, ob sie heiraten sollten oder nicht.
Tom war in diesem Fall der Partner mit dem schwächeren Verlangen, Helens Verlangen war das stärkere. Die Qualität ihres Sexuallebens bezeichneten beide als sehr gut. Sie lebten jedoch mittlerweile seit vier Jahren zusammen, und die Zahl der sexuellen Begegnungen war auf weniger als eine im Monat zurückge¬gangen. Tom erklärte, Sex interessiere ihn nicht, weil sie ständig darüber stritten, ob sie heiraten sollten. Helen hielt dagegen, die jetzige Frequenz habe sich schon vor knapp einem Jahr eingespielt, und damals sei von einer Ehe noch keine Rede gewesen.
Tom sagte, er wolle nach seiner ersten Ehe nicht schon wieder einen Fehler machen. Seine Eltern seien für ihn schlechte Vorbilder gewesen, denn sie hätten sich scheiden lassen, als er 13 Jahre alt gewesen sei. Er wolle sich vor einer zweiten Ehe seiner Gefühle absolut sicher sein.

Helen hatte für Toms Empfindungen Verständnis, weil auch sie nicht noch einmal einen Fehler machen wollte. Allerdings hatte sie Tom im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder gebeten, sich zu entscheiden. Wollte er Sex? Wollte er heiraten? Helen liebte Tom, aber sie war auch bereit, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen, nachdem sie sich drei Jahre lang mit diesen Fragen auseinandergesetzt hatte und kein Ende absehbar war.
Helen fühlte sich durch Toms Unentschlossenheit behindert. Er setzte sich mit solchen Fragen einfach nicht auseinander, wenn sie ihn nicht immer wieder dazu drängte. Und wenn sie dies tat, beklagte er sich darüber. Wenn sie zu ihm sagte, sie verliere allmählich die Hoffnung, hielt Tom ihr vor, sie gebe die Beziehung verfrüht auf. Weshalb sie ihm nicht noch ein wenig Zeit lasse?
Tom sagte, er wisse zumindest, was er nicht wolle: Er wolle keinen Sex, er wolle nicht heiraten und sich dann später wieder scheiden lassen, und er wolle Helen nicht aufgeben.

Die Stärke zu wollen
Verlangen hat eine verlockende Qualität: Es beinhaltet eine ungeheuer starke Motivation. Verlangen mobilisiert uns. Es treibt uns dazu, uns zumindest einen Teil von dem, was uns fehlt, zu verschaffen. Es kann uns dazu bringen, Berge zu versetzen, um etwas zu bekommen, das wir wirklich haben wollen.
Doch Wollen kostet Energie. Man muss sich anstrengen, um zu bekommen, was man will. Und nichts garantiert, dass die Bemühungen tatsächlich zum Erfolg führen. Sie müssen zuerst wollen — die Auswirkungen Ihrer Bemühungen sehen Sie immer erst später. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Sex nicht von der Ehe, der Elternschaft oder der beruflichen Karriere. Im Raum des Wollens entfalten sich unsere höchsten Bestrebungen.
Ein wichtiger Aspekt des Wollens — derjenige, den Menschen in der Regel zu vermeiden versuchen — ist Entbehrung. Verlangen ist mit einem Zustand des Unbefriedigtseins verbunden. Das Wollen selbst erzeugt einen Zustand der Entbehrung. Es versetzt in den Zustand des Ohne-Seins. In einem älteren Sinne bedeutet wollen so viel wie »Mangel an etwas leiden«, »etwas nicht haben«.
Wollen birgt in sich das Herbeiwünschen eines anderen Menschen, das Lechzen nach ihm, die Sehnsucht nach jemandem oder etwas. Wollen hat also etwas mit Sehnen zu tun, und Sehnsucht verursacht Schmerzen. Sich-Sehnen ist das ständige Verlangen nach etwas oder jemandem, das oder der dauerhaft unerreichbar oder in der Ferne ist. Wenn Sie Ihren Partner wollen und wenn Sie Sex wollen, haben Sie eine starke sexuelle Motivation. Doch dazu brauchen Sie die Stärke zu wollen.
Das Wollen unterscheidet Ihr menschliches sexuelles Verlangen vom sexuellen Verlangen anderer Spezies. Es erhebt Ihr sexuelles Verlangen über den reinen Hormonansturm oder den Fortpflanzungstrieb.' Abgesehen von Wollust, Verliebtheit und Bindungsbedürfnissen verfügen Menschen auch über die Fähigkeit, einen anderen Menschen liebevoll zu umsorgen. Dies bedeutet, dass sie bei ihren Handlungen stets das Wohl des anderen im Auge behalten, selbst wenn dies auf ihre Kosten geht, weil sie das Beste für diesen anderen Menschen wollen. An früherer Stelle habe ich bereits gesagt, dass Verlangen nicht unbedingt immer den besten inneren Regungen entspringt. Verwechseln Sie also Wollen nicht mit einem der folgenden vier Dinge:
1. Wollen ist nicht gleichbedeutend mit Verlangen danach, dass Ihr Partner etwas für Sie tut. Es ist nicht identisch damit, dass Sie sich seine Aufmerksamkeit sichern, oder mit der Hoffnung, dass er Ihnen das Gefühl gibt, in Sicherheit und für ihn begehrenswert zu sein.
2. Wollen macht Ihren Partner nicht zu einem Kriminellen, einer Art flüchtigem Straftäter, der polizeilich gesucht wird. Wollen erlaubt Ihnen nicht, Ihren Partner zu einem Gefangenen zu machen.
3. Wollen ist mehr als der Drang, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen. Wenn Sie Ihre Partnerin wollen, verspüren Sie ein Verlangen nach ihr. Es ma¬nifestiert sich als Anteilnahme an ihren besonderen Interessen, selbst wenn diese nicht Ihren eigenen entsprechen. Das Wollen verpflichtet Sie dazu, im wohlverstandenen Interesse Ihrer Partnerin zu handeln, weil ihr Wohl und ihr Glück Ihnen wichtig sind.
4. Wollen bedeutet nicht, begehrlich, besitz ergreifend oder eifersüchtig zu sein. Besitzgier und Eifersucht verkleiden sich als tiefes Verlangen, doch sie resul¬tieren aus Schwäche. Echtes Wollen stärkt und erweitert die Vier Aspekte der Balance.2
Toms und Helens Lebenshintergrund
Wie ich bereits erklärt habe, ist Verlangen eine Fähigkeit, die Sie entwickeln können, indem Sie Tiefe und Umfang der für Sie mit dem Verlangen verbundenen Bedeutungen erweitern. Bei Tom ließ sich die Bedeutung in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wenn du mich lieben würdest, würdest du ... Nach der Scheidung seiner Eltern lebte Tom mit seiner Mutter zusammen. Dies war für beide eine schwierige Zeit. Der Mutter gelang es mit Mühe, sich selbst und ihren Sohn zu ernähren und ihnen beiden ein Dach über dem Kopf zu sichern. Sie arbeitete schwer und erwartete, dass Tom ihr bei der Hausarbeit half. Doch wegen ihrer großen Arbeitsbelastung erwartete sie auch, dass er ihr das Leben leichter machte. Dem Heranwachsenden sagte seine Mutter fast täglich: »Wenn du mich lieb hast, tust du jetzt dies oder jenes für mich. Schau dir doch an, wie viel ich für dich tue!«
Tom hasste solche Äußerungen. Als er noch jünger gewesen war, hatte er sich große Mühe gegeben, es seiner Mutter stets recht zu machen. Später ging er regelmäßig aus dem Haus, wenn sie mit ihren Predigten anfing. Alles, was sie sagte, hatte er schon tausendmal gehört. Er entwickelte allmählich immer stärkeren Widerstand gegen Äußerungen seiner Mutter, die mit »Wenn du mich lieb hättest, würdest du . . .« begannen.
So wurde Tom zu einem jungen Mann, der nicht wollen wollte. Wollen rief bei ihm Empfindungen hervor, mit denen er nicht gut umgehen konnte. Seine Mutter hatte seine Bemühungen, ihr gefällig zu sein, gegen seine Interessen benutzt. Dies hatte ihn anfällig für Manipulationen gemacht. Im Laufe der Zeit war aus seinem Wunsch (seinem Wollen), sie glücklich zu sehen, der Zwang geworden, zu tun, was immer sie sich wünschte.
In unserer ersten gemeinsamen Sitzung sagte Tom: »Ich glaube, das hat mich gegenüber Frauen misstrauisch gemacht. Meine Mutter war ziemlich kontrollbesessen und manipulativ. Das musste sie auch sein. Schließlich musste sie für sich und mich sorgen. Mein Vater hat ihr dabei überhaupt nicht geholfen. Vielleicht zögere ich, zu heiraten — und vielleicht will ich auch keinen Sex —, weil ich fürchte, dass sich Helen dann in meine Mutter verwandeln würde.« Tom glaubte, sich auf sicheren Boden gerettet zu haben.
Ich fragte ihn: »Haben Sie Helen deshalb noch nicht gewählt?«
Tom schaute mich überrascht an. »Auf die Idee, dass ich Helen noch nicht gewählt habe, bin ich bisher nicht gekommen. Vielleicht habe ich sie ja deshalb noch nicht gebeten, mich zu heiraten.«
Den Partner wählen:
Ein Teil des Wollens besteht darin zu wählen. Wählen bedeutet, sich für eine Person unter den vielen, die Sie wollen könnten, zu entscheiden. Zu wählen erfordert, eine (hoffentlich wohlerwogene) Entscheidung zu treffen . . .


»Blow Your Mind«

Vor einiger Zeit war ich mit einem der nettesten Menschen, die ich kenne, zum Lunch verabredet, einem Mann, den ich sehr schätze. Er ist von so untadeliger Integrität, dass es sich verbietet, seinen Namen zu nennen. Er war einmal mein Therapeut, und er ist mir zum Freund geworden. Er ist einer der besten Therapeuten, die ich je kennen gelernt habe.
Mittlerweile war er erheblich älter geworden, und ich besuchte ihn als Kollege. Wir verbrachten den Nachmittag in einem Restaurant und sprachen sehr offen über unsere berufliche Arbeit, unser Leben und uns selbst. Im Laufe dieses Gesprächs fragte mein Freund mich irgendwann: »Fickst du eigentlich noch?«
Ich bekam einen fürchterlichen Lachanfall und wäre fast von meinem Stuhl gefallen. Ich konnte kaum noch atmen! Nach einigen Minuten fand ich schließlich die Fassung wieder, und ich antwortete: »Ja. Und wie steht es mit dir?«
»Nein«, antwortete mein Freund. »Jedenfalls nicht mehr so wie früher. Ich nehme zu viele Medikamente. Meine gesundheitlichen Probleme haben ihren Tribut gefordert, und ich werde allmählich alt. Aber ich kann dir sagen, ich vermisse es! Du solltest noch ein Buch schreiben, eines über das Ficken. Das ist der Punkt, an dem so viele Paare Hilfe brauchen.«
Diese ganze Szene erschien mir als so kurios und komisch, dass ich einfach nicht aufhören konnte zu lachen. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein ganzes Buch über das Ficken schreiben kann, aber ich schreibe gerade etwas Neues, und vielleicht kann ich ein Kapitel über dieses Thema verfassen.«
»Tu' das«, sagte er und lächelte. »Es gibt so viele Menschen, die nicht wissen, was sie verpassen. Ich weiß es!«
Dies war ein kleiner Teil einer wunderbaren Begegnung beim Lunch, eines Gesprächs mit vielen wichtigen und auch komischen Aspekten. Als wir uns schließlich verabschiedeten, kam mein Freund noch einmal auf das Thema zurück. Mit großem Ernst flehte er mich an: »Schreibe über das Ficken. Schreibe es für junge Paare. Sie verlieren so viel Zeit!«
Wieder musste ich lachen. Doch diesmal blieb mein Freund ernst. »Dir ist es ernst«, stellte ich fest.
»Ganz bestimmt«, antwortete er unverblümt.
Daraufhin wurde auch ich ernst: »Könntest du etwas genauer erklären, was du meinst? Meinst du, ich soll über Sex schreiben, also über Liebemachen, oder meinst du wirklich Ficken?«
»Ich meine Ficken! Das habe ich doch gesagt. Ficken. Das vermisse ich heute. Es ist einfach zu wichtig, um es sang-und-klanglos verschwinden zu lassen.« »Okay, ich schau mal, was sich machen lässt.«
Wir wussten beide, dass dies vielleicht unsere letzte Begegnung sein würde — und so war es dann auch tatsächlich. Wir brachten einander unsere Liebe zum Ausdruck. Er küsste meinen Kopf. Seine letzten Worte beim Abschied waren: »Paare verlieren so viel Zeit. Bringe ihnen bei zu ficken. Das wird vielen Ehen ungeheuer viel Kummer ersparen!«

Dieses Kapitel habe ich ihm zu Ehren geschrieben.