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Nicole und
Philipp
Mein Freund meinte Paare wie Nicole und Philipp, die mich wegen ihrer
Probleme bezüglich des sexuellen Verlangens aufsuchten. Sie hatten
nur noch einmal im Monat Sex. Nicole hatte das schwächere sexuelle
Verlangen. Sie sagte, sie sei nicht an Sex interessiert, wisse aber nicht
warum. Im Grunde fühle sie sich nicht asexuell. Philipp war sicher,
dass er Sex wollte und brauchte; sein Problem war, dass er nicht genug
davon bekommen konnte.
Schon bald offenbarte Nicole, dass ihr die Art, wie ihre sexuellen Begegnungen
abliefen, nicht gefiele. Daraufhin ging Philipp deutlich in die Verteidigungshaltung.
Nicole erklärte, sie empfinde den Sex mit Philipp als langweilig.
Sie würden immer das Gleiche wiederholen. Es sei völlig voraussehbar,
wie die Situationen ablaufen würden. Philipp erreiche zu schnell
den Orgasmus. Der Sex mit ihm sei nicht romantisch und nicht befriedigend,
im Grunde nicht der Mühe wert. Nicole gab zu, dass ein Teil der Schuld
bei ihr liege. Auch sie sei faul. Sie investierte nicht so viel Energie
in den Sex, wie sie es eigentlich tun müsste.
Philipp war es sichtlich unbehaglich, während Nicole erläuterte,
worüber sie unzufrieden war. Es gelang ihm mit Mühe, sich zurückzuhalten.
Um Philipps gespiegeltes Selbstempfinden zu stärken, hätte ich
Nicole fragen können, was ihr am Sex mit Philipp gefalle. Doch vielleicht
wäre ihr nichts eindeutig Positives eingefallen, und ich wollte sie
auch nicht ermutigen, ihn zu unterstützen.
Stattdessen forderte ich sie auf zu beschreiben, welche Art von Sex ihr
gefalle. Mir erschien es im Interesse beider besser, dem Gespräch
diese Wendung zu geben. Nicole zögerte zunächst, beantwortete
dann aber meine Frage. Während sie beschrieb, was sie sich wünschte,
hellte sich ihr Gesicht auf. Ihre Beschreibung war ziemlich detailliert
und anschaulich. Als sie damit fertig war und ihr klar wurde, dass ich
sie anschaute und lächelte, errötete sie.
»Warum lächeln Sie mich an?«, fragte sie grinsend.
»Ficken Sie gerne?«
»Ich ... ich weiß nicht.«
»Das haben Sie gerade beschrieben.«
»Sie meinen, ob ich Sex mag? Ja, ich mag ihn.«
»Nein, ich meine, ob Sie Ficken mögen? Sie haben gerade beschrieben,
wie Sie und Ihr Partner ficken. Zuerst machen Sie es ihm, und dann macht
er es Ihnen. Während des ganzen Vorgangs, den Sie beschrieben haben,
war das, was Sie getan haben, Ficken. Offenbar kennen Sie sich damit aus.«
Nicole nickte. »Offenbar ist das so!« Philipp hatte aufgehört,
sich zu winden. Er verfolgte nun sehr aufmerksam unser Gespräch.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet, und das brauchen Sie auch
nicht. Aber ich frage Sie trotzdem noch einmal: Kennen Sie sich mit Ficken
aus? Wissen Sie, was ich damit meine?«
Nicole warf zuerst Philipp einen Blick zu und dann mir. Dass sie zögerte,
war klar zu erkennen. Schließlich atmete sie tief durch, und dann
lüftete sie ihr Geheimnis. (Es war ohnehin schon gelüftet.)
»... Ja.«
»Woher kennen Sie sich mit Ficken aus? Aufgrund Ihrer Beziehung
mit Philipp?«
»... Nein.« Nicole beobachtete seine Reaktion. Ich hielt inne,
um dem Raum zu geben.
»Ich verstehe, dann befinden Sie sich in einer Falle, aus der man
nur schwer herauskommt. Das gilt besonders für Frauen.«
Nicole beobachtete mich genau. »Was meinen Sie damit?«
»Es klingt, als würden Sie Sex mögen, aber vor Frustration
und Langeweile sterben. Sie wissen, was Sie wollen: Sie wollen ficken.
Aber das können Sie Philipp nicht sagen, weil er Sie dann fragen
würde, woher Sie wissen, dass Sie das mögen. Und dann müssten
Sie ihm sagen, dass Sie das mit jemand anderem herausgefunden haben, und
Sie fürchten, dass er sich dann bedroht fühlen würde. Deshalb
versuchen Sie den Eindruck zu erwecken, Sie seien eine sexuelle Niete,
die nicht weiß, was ihr gefallen würde, und das alles nur,
weil sie verhindern wollen, dass das gespiegelte Selbstempfinden Ihres
Mannes ins Bodenlose abstürzt.«
Nicole wirkte verblüfft. Sie war offensichtlich ziemlich baff. »Woher
wissen Sie das alles?«
»Viele Frauen befinden sich in dieser Falle. Und viele schaffen
es nie, sich dar¬aus zu befreien — stattdessen geben sie den
Sex einfach völlig auf. Oder sie begin¬nen Affären.«
»Ich glaube, ich bin mit Philipp dem Ficken ein- oder zweimal ziemlich
nahe gekommen.« Offensichtlich versuchte sie, einen unterstützenden
und optimisti¬schen Eindruck zu erwecken, doch was sie sagte, klang
hohl.
»Vielleicht war das wirklich so. Aber Sie haben immer noch nicht
verraten, ob das, was ich beschrieben habe, auf Sie zutrifft.«
»Dass ich in einer Falle sitze?« Nicole verfolgte genau, was
in Philipp vor sich ging.
»Ja.«
»... Ja. Ich bin in dieser Falle.«
Philipp schüttelte ungläubig den Kopf. »Als Nicole zu
reden anfing, dachte ich, ich bin ein Dummfick. Jetzt merke ich, dass
ich nicht einmal das bin.»
Ich sagte: »Wenn Sie Ihre Karten richtig ausspielen würden,
könnten Sie zu einem Superficker werden.«
Nach einigen Sekunden nickte Philipp. »Also gut. Ich bin bereit,
es zu lernen.«
Verborgene Talente
Schon zu Beginn ihrer Beziehung mit Philipp war Nicole beim Sex klar gewor¬den,
dass er sie nicht richtig fickte. Anfangs hatte sie dies dem Mangel an
Erfah¬rung zugeschrieben. Sie war bereit, geduldig zu sein. Sie nahm
an, es werde sich allmählich ergeben, so wie sie es bei früheren
Partnern erlebt hatte. Doch dazu kam es nicht. Nicole bemühte sich
vorsichtig, Philipp zu ermutigen, aber er wollte sich offenbar nicht darauf
einlassen.
Nicole versuchte herauszufinden, weshalb Philipp vor dem Nehmen und dem
Genommenwerden zurückscheute. Allmählich wurde ihr klar, dass
das bei ihm nicht nur etwas mit Naivität zu tun hatte. Wenn Nicole
manchmal das Gefühl hatte, die Situation entwickle sich in die richtige
Richtung, tat Philipp etwas, wo¬durch das aufflammende Feuer gleich
wieder abgekühlt wurde. Zuerst konnte sie sich keinen Reim auf dieses
Verhalten machen. Sie nahm an, jeder Mensch wolle ficken, weil es sich
so wunderbar anfühlte.
Dann kam sie auf den
Gedanken, Philipp halte sich vielleicht zurück, um seiner Neigung,
schnell zum Orgasmus zu kommen, entgegenzuwirken und so die sexuellen
Begegnungen zu verlängern. Dies hatte sie ziemlich lange geglaubt.
Doch nach vielen sexuellen Situationen, die sie mit ihm erlebt hatte,
wurde Nicole klar, dass da noch etwas anderes war: Philipp zog sich zurück,
weil er sich vor seiner eigenen Aggression fürchtete. Sie versuchte,
ihn zu ermutigen, indem sie sagte, sie sei nicht besonders empfindlich
und könne einiges vertragen, doch ohne jeden Erfolg. Als Nicole dann
Philipps Vater kennenlernte, der völlig unkontrolliert war, konnte
sie zwei und zwei zusammenzählen.
Im dritten Ehejahr gab Nicole auf. Sie verkehrte zwar immer noch sexuell
mit Philipp, aber das war für sie ziemlich öde. Meist fand sie
sich einfach mit dem ab, was Philipp wollte. Oft rang sie mit dem Impuls,
eine Affäre zu beginnen.
In vielerlei Hinsicht entsprach Nicole einem sehr verbreiteten Typus von
verlangensschwachem Partner: einer feurigen Mutti, die sexuell desinteressiert
wirkt, aber in Wahrheit frustriert und wütend ist und gern genommen
werden würde. Nicole wollte von Philipp genommen werden, und sie
wollte auch damit experimentieren, ihn zu nehmen. Sie wünschte sich,
dass Philipp die Art von Mann wäre, den sie gerne nehmen würde.
Sein Körper gefiel ihr, einmal abgesehen von ein paar überflüssigen
Pfunden. Die entscheidende Frage war: Würde er sich ficken lassen?
Wie viele Männer hatte Philipp große Angst vor weiblicher Sexualität.
Seinen ersten Geschlechtsverkehr hatte er auf Initiative einer Highschool-Freundin
erlebt. Er reagierte zögerlich, als er später von anderen Frauen
dazu aufgefordert wurde. Mit einer sexhungrigen (und vermutlich sexuell
erfahrenen) Frau zusammen zu sein, wirkte auf ihn beängstigend. Die
wenigen Male, die Nicole versuchte hatte, ihn zu nehmen, war er auch nervös
geworden. Philipp wusste, dass allgemein, auch von seiten Nicoles, erwartet
wurde, dass er als Mann der Partner mit dem stärkeren Verlangen sei.
Doch er glaubte nicht, die hohe Erwartung von Frauen, die Sex wirklich
gern mochten, erfüllen zu können.
Überreste der weiblichen »Brunst«
Vielleicht liegt es an der Eigenart der weiblichen Anatomie, dass es im
Grunde keine Begriffe gibt, welche die sexuelle Kraft von Frauen beschreiben.
In dieser Tatsache spiegelt sich, wie die westliche Zivilisation die Sinnlichkeit
von Frauen herunterspielt.' Doch zahllose Generationen wussten, dass sie
existiert. Indizien für die sexuelle Macht unserer Urmütter
sind über die Jahrhunderte zu uns durchgedrungen. Philipp war nicht
klar, dass seine Furcht vor weiblicher Sexualität teilweise ein Relikt
von Millionen von Jahren menschlicher Fortpflanzung war.
Einem verbreiteten Stereotyp zufolge geht es Männern mehr um das
Ficken, während Frauen es vorziehen, »Liebe zu machen«.
Auch ich würde dies vermutlich glauben, hätte meine Arbeit mich
nicht eines Besseren belehrt. Da ich jedoch zahlreichen Klientinnen geholfen
habe, haben sie mir gezeigt, wie sie wirklich sind. Und da ich mit ziemlich
vielen Frauen auf diese Weise gearbeitet habe, bin ich mir sicher, dass
das obige Klischee nicht zutrifft.
Auf der ganzen Welt sind Frauen an Sex mindestens so stark interessiert
wie Männer. Die Anthropologin Helen Fisher weist darauf hin, dass
ungeachtet der sehr verbreiteten Ansicht, Männer sollten beim Sex
die Initiative ergreifen, eine in den 1970er Jahren durchgeführte
Untersuchung, in die 93 Gesellschaften einbezogen wurden, ergab, dass
Männer und Frauen in 72 dieser Gesellschaften der Auffassung waren,
der Sexualtrieb sei bei den Geschlechtern in etwa gleich stark.
Aufgrund meiner therapeutischen Erfahrung bin ich sogar davon überzeugt,
dass Frauen stärker an Sex interessiert sind als Männer —
vorausgesetzt, es ist guter Sex. Frauen geht es mehr um die Qualität
von Sex als Männern. Viele sind an Sex interessierter als ihre Männer
und verfügen über umfassendere Kenntnisse auf diesem Gebiet.
Ein Aspekt von Sex ist seine Stärke und die Qualität der sexuellen
Absicht. Absicht ist Verlangen. Sie ist entscheidend, wenn Sie jemanden
umwerben und es sich um Ihre ersten sexuellen Erfahrungen handelt. Ebenso
wichtig ist die Intention, wenn Sie mit Ihrem Partner in einer jahrzehntelangen
Beziehung sexuell verkehren. Und wenn Sie jemanden ficken, spielen Ihre
fokussierten fleischlichen Intentionen eine wichtige Rolle.
Männer und Frauen schauen sich Fotos mit Darstellungen sexueller
Aktivi¬täten unterschiedlich an. Männer betrachten zuerst
die Gesichter, Frauen mit einem normalen Monatszyklus (die nicht regelmäßig
Verhütungsmittel einneh¬men) zuerst die Genitalien und Frauen,
die orale Verhütungsmittel einnehmen, zuerst die nichtsexuellen Aspekte
des Kontexts.3
Studien über Hinweise auf die Absicht (intention cues) (eine von
fünf für die Werbungsphase wichtigen Verhaltensweisen) deuten
darauf hin, dass Frauen ihre Intention in stärkerem Maße erkennen
lassen: Gewöhnlich ergreifen sie die Initiative, indem sie den Körper
des Bewerbers berühren. Aus Untersuchungen, die in Single-Bars durchgeführt
wurden, geht hervor, dass Frauen in zwei Dritteln aller Fälle den
Kontakt knüpfen. Frauen auf der ganzen Welt initiieren häufig
aktiv ihre sexuellen Begegnungen.
Eine Spruchweisheit unserer Zeit lautet: »Gute Mädchen machen
Liebe, böse Mädchen ficken.«
Viele Frauen schimpfen über die darin zum Ausdruck kommende Doppelmoral.
Die Vorstellung, dass Frauen nicht ficken sollten, erscheint als besonders
merkwürdig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Interesse
der Frauen am Ficken auf ihre Urmütter zurückgeht, die ebenso
brünstig wurden wie alle anderen Primaten.
Alle weiblichen Primaten haben eine Brunstzeit, wobei Menschenfrauen die
einzige Ausnahme zu bilden scheinen. Weibliche Affen haben monatliche
Menstruationszyklen wie Menschenfrauen, werden aber außerdem in
der Mitte jedes Monatszyklus brünstig. Die meisten Kopulationen finden
bei ihnen in dieser Zeit statt. Wird der Menstruationszyklus der Affenweibchen
unterbrochen, weil sie ihre Jungen stillen, sind unsere Affenbrüder
sexuell weniger »munter«. (Das Gleiche passiert, wenn menschliche
Paare ein Baby bekommen, mit dem einzigen Unterschied, dass das gespiegelte
Selbstempfinden des Mannes geschwächt wird, weil er mit weniger Aufmerksamkeit
bedacht wird. Männliche Orang-Utans werden offenbar besser mit diesem
Problem fertig, weil sie kein so manifestes Selbstempfinden haben.)
Jeden Monat erreicht das sexuelle Verlangen einer Frau zu einem bestimmten
Zeitpunkt ihres Menstruationszyklus einen Gipfelpunkt. Möglicherweise
sind dies Relikte der Brunst unserer prähistorischen Großmütter.
Doch das ererbte sexuelle Verlangen der Frauen ist nicht ausschließlich
von sich wiederholenden hormonellen Spitzenpegeln abhängig: Aufgrund
der vorgeprägten neuronalen Verbindungen in ihren Gehirnen können
sie Sex zur sozialen Regulation von Angst nutzen. Dies gilt mit Sicherheit
für die Bonobos, die Primatenart, die dem Menschen am ähnlichsten
ist.' Wie Menschen trennen Bonobos Sex und Fortpflanzung. Sexuelle Kontakte
beschränken sich bei ihnen nicht auf die Zeit der Brunst.
Weibliche Bonobos kopulieren die meiste Zeit des Jahres, weil sie während
drei Vierteln ihres Menstruationszyklus brünstig sind. Doch es gibt
bei ihnen noch einen anderen wichtigen Grund für Sex: Bonobo-Weibchen
pflegen täglich sexuelle Kontakte, um Spannung abzubauen, Freundschaften
zu stärken und Stress in der Gruppe zu verringern. Außerdem
setzen sie Sex ein, um ihre männlichen und weiblichen Freunde zu
bestechen, damit diese ihnen Nahrung abgeben. Sexualität ist das
wichtigste Mittel der weiblichen Bonobos und der Menschenfrauen, zur Welt
in Beziehung zu treten.
Das sexuelle Verlangen der Menschenfrauen wurzelt in der Entwicklung des
Menschen. Dieses Verlangen wäre äußerst stark, wenn Bonobos
und Menschen einander in sexueller Hinsicht ähnelten. Doch die Ähnlichkeit
hält sich aufgrund einer Merkwürdigkeit der menschlichen Entwicklung
in Grenzen:
Wir sind die einzigen Primaten, deren Weibchen nicht mehr brünstig
werden!
Wie konnte es dazu kommen? Warum haben Menschenfrauen ihre Brunst verloren?
Könnte die Brunst der Frauen die Männer verängstigt haben?
Oder könnten die Männer die Brunst aus den Frauen »herausgezüchtet«
haben? Möglicherweise entsprach dies einer Forderung des sich herausbildenden
gespiegelten Selbstempfindens. Vielleicht wollten die Männer nicht,
dass die Frauen ihnen ständig das Gefühl sexueller Unzulänglichkeit
vermittelten.
Die Fähigkeit von Frauen zu multiplen Orgasmen könnte ein Relikt
der Brunst sein. Doch vielleicht haben die Männer den Frauen diese
Fähigkeit auch »angezüchtet«. Vielleicht wirkten
die multiplen Orgasmen der Frauen auf die prähistorischen Männer
ichstärkender als brunstgesteuerte sexuelle Aggressivität. Vielleicht
gefiel es den Männern, wenn sich die Frauen in orgasmischer Verzückung
wanden, während sie ihren riesigen Phallus in die Vagina stießen.
Und vielleicht zogen sie es vor, dieses »Drama« mit Frauen
aufzuführen, denen es leicht fiel, zum Orgasmus zu kommen, und die
dies viele Male in Folge konnten. Hätten Männer Frauen im Laufe
von Millionen von Jahren die Fähigkeit zu multiplen Orgasmen »anzüchten«
können? Und können deshalb heute 3o Prozent der Frauen beim
Koitus zum Orgasmus kommen? Niemand vermag diese Fragen zu beantworten.
Menschen ficken nicht mit ihrem Unterstützungssystem.
Es gibt bei Menschen noch eine andere interessante sexuelle Eigenart:
Die meisten Menschen, die in längerfristigen Partnerschaften leben,
ficken nicht mit ihrem Partner. Warum ist das wichtig? Weil Mutter Natur
nicht Millionen von Jahren damit verbracht hat, eine Fähigkeit in
das menschliche Gehirn einzubauen und den Menschen dann zu empfehlen,
diese Fähigkeit nicht zu nutzen. Ficken, Nehmen und Genommenwerden
beinhalten, dass Ihre tierische Primatennatur mit den am höchsten
entwickelten Fähigkeiten Ihres Gehirns kollidiert. . . . .
Intimität
und Verlangen
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Wollen,
nicht Wollen wollen und die Qual der Wahl
Bisher ging es
darum, weshalb normale gesunde Menschen Probleme mit dem sexuellen
Verlangen haben und wie diese zum Ausdruck kommen. Es handelt sich
dabei um universelle Probleme, die zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit
beitragen können. (Sie werden in diesem Kapitel noch einige andere
Probleme dieser Art kennenlernen.)
In Teil III geht es darum, wie sich das, was Sie in der Vergangenheit
erlebt haben, auf Ihr sexuelles Verlangen auswirkt. Wir haben uns
schon mit dem Beziehungskontext befasst, mit jener Wechselbeziehung,
in der wir spezifische Erlebnisse haben. Die Kombination normaler
Beziehungsprozesse, besonderer persönlicher Erlebnisse und unserer
Reaktion auf sie prägt unser Leben und unser Verlangen. Wir erleben
Probleme, die unser sexuelles Verlangen betreffen, vor dem Hintergrund
unseres früheren und gegenwärtigen Lebens. Unsere Erlebnisse
können Probleme bezüglich des sexuellen Verlangens wahrscheinlicher
machen, ihre Lösung erschweren und ihre Wirkung auf unser Leben
verstärken.
Wie kommt es dazu? Auf dieselbe Weise, wie unsere Sexualität
einen sehr individuellen Charakter annimmt. Was unterscheidet das
menschliche Verlangen vom Verlangen aller übrigen Arten? Was
macht unser sexuelles Verlangen zu etwas einzigartig Menschlichem?
Was unterscheidet unseren Sex von der tierischen Rammelei auf dem
Bauernhof? Die Antwort auf alle diese Fragen lautet: dass wir aufgrund
der Evolution des menschlichen Gehirns Sex mit Bedeutungen verbin¬den
könnten. Diese Bedeutungen können unsere sexuellen Beziehungen
stark erweitern oder einschränken.
Doch wie werden diese Bedeutungen gefunden? Damit meine ich nicht
Ihre sexuellen Wertvorstellungen oder Ihre intellektuellen Erklärungen.
Ich meine, wie Sex, Verlangen und Intimität emotional und physisch
in Ihrem Gehirn verankert werden. Die Themen, die Ihre Beziehungen
und Ihr Sexualleben dominieren, bilden Ihre sexuelle Dynamik —
das, was Ihr Verhalten bestimmt. Dies wird großenteils erlernt.
Erlebnisse mit anderen Menschen prägen die Bedeutung Ihrer Sexualität
— im guten wie im schlechten Sinne. Wenn Sie sich nicht od nur
wenig mit negativen Lebenserfahrungen auseinandergesetzt haben, ist
Il Wissen darüber, wie solche Erfahrungen die Bedeutungen beeinflussen,
die Sie mit Sex verbinden, entsprechend gering, und dies wiederum
kann bewirker dass Sie keinerlei Einfluss darauf haben.
Verlangen können
Sie entwickeln
Aus Teil Il wissen wir, dass die Ehe ein Entwicklungsprozess ist.
In Teil III werden wir dieses Wissen auf Sie selbst anwenden und Ihnen
helfen, ein stärkeres Verlangen zu entwickeln. Verlangen ist
eine Fähigkeit, die Sie entwickeln können, also nicht einfach
nur ein biologischer Trieb. Es ist jedoch nicht damit getan, dass
Sie Ihre sexuellen Probleme beseitigen oder Ihre Libido stärken.
Es geht um die Stärkung Ihrer Fähigkeit.
Wir Menschen sind zu einem wesentlich stärkeren und bedeutungsvolleren
Verlangen fähig, als uns möglicherweise klar ist. Insbesondere
wenn wir älter werden, entwickelt sich unsere Fähigkeit
zu sexuellem Verlangen. Manche Paare lösen später im Leben
sexuelle Probleme, mit denen sie in jüngeren Jahren nicht fertiggeworden
sind. Es besteht sogar eine starke reale Korrelation zwischen dem
Älterwerden und dem sexuellen Potential.
Diese Art der Annäherung an das Verlangen könnte Ihnen merkwürdig
erscheinen, wenn Sie nicht bereits wüssten, dass Liebesbeziehungen
die persönliche Entwicklung von Partnern fördern. Außerdem
verändert sich auf diese Weise die Natur Ihres Verlangens.
Wenn hier von der Stärkung des sexuellen Verlangens die Rede
ist, geht es nicht nur darum, Sex zu wollen. Das sexuelle Verlangen
des Menschen ist Verlangen nach dem Partner, nicht nur Verlangen nach
Sex an und für sich.
Sie können Verlangen nach Ihrem Partner verspüren und trotzdem
keinen Sex wollen. Sie können aber auch Verlangen nach Sex haben,
ohne Verlangen nach Ihrem Partner zu verspüren. Dies gilt zumindest
für viele Menschen, und es ist häufig die Ursache für
schwaches Verlangen in einer Ehe. Manchmal spiegeln sich in Ihrem
schwachen Verlangen die verlangensschwächenden Eigenschaften
Ihres Partners. Doch Sie müssen sich damit auseinandersetzen:
Spiegelt sich darin Ihre eigene begrenzte Fähigkeit, sich um
eine andere Person zu kümmern und sie zu wollen?
Stellen Sie sich Verlangen als Wollen vor
Verlangen ist kein biologischer Trieb, der Sie ins Bett zieht, ob
Sie wollen oder nicht. Das menschliche Verlangen ist aktiver. Stellen
Sie sich Verlangen als Wollen vor.
Hungern Sie nach Intimität, Liebe und einer tiefen Vereinigung?
Schmachten Sie auf eine Weise nach sexuellem Einssein, die an spirituelle
Sehnsucht grenzt? Wenn ja, dann versetzt die Weiterentwicklung der
Vier Aspekte Sie in die Lage, in einem tieferen Sinne zu wollen. Menschen,
denen es schwerfällt, ihren Geist und ihre Gefühle zu beruhigen
oder mit schwierigen Situationen fertigzuwer¬den, sind nicht besonders
gut im Wollen. Einige empfinden das Unbehagen, das Wollen hervorruft,
als so unerträglich, dass sie sich nicht zugestehen, Sex oder
ihren Partner zu wollen.
Verlangen ist kompliziert. Der Ausgangspunkt Ihres Wollens kann das
Gute und Starke oder das Schlechte und Schwache sein. Bei einigen
Menschen ist das mutmaßlich starke Verlangen nichts anderes
als das gespiegelte Selbstempfin¬den, das nach einer Emotionstransfusion
schmachtet. Wollen aus Bedürftigkeit ist ein ziemlich automatischer
Prozess (sofern Sie überhaupt zulassen, dass Sie etwas wollen).
Geht das Wollen von einem stabilen und flexiblen Selbst aus, liegt
ihm eine persönliche Entwicklung zugrunde.
Tom und
Helen
Helen und Tom waren ein Paar in den Dreißigern. Als sie das
erste Mal zu mir kamen, lebten sie schon einige Jahre zusammen, waren
aber nicht verheiratet. Beide hatten schon eine Ehe hinter sich. Sie
stritten darüber, wie häufig sie Sex haben sollten, und
darüber, ob sie heiraten sollten oder nicht.
Tom war in diesem Fall der Partner mit dem schwächeren Verlangen,
Helens Verlangen war das stärkere. Die Qualität ihres Sexuallebens
bezeichneten beide als sehr gut. Sie lebten jedoch mittlerweile seit
vier Jahren zusammen, und die Zahl der sexuellen Begegnungen war auf
weniger als eine im Monat zurückge¬gangen. Tom erklärte,
Sex interessiere ihn nicht, weil sie ständig darüber stritten,
ob sie heiraten sollten. Helen hielt dagegen, die jetzige Frequenz
habe sich schon vor knapp einem Jahr eingespielt, und damals sei von
einer Ehe noch keine Rede gewesen.
Tom sagte, er wolle nach seiner ersten Ehe nicht schon wieder einen
Fehler machen. Seine Eltern seien für ihn schlechte Vorbilder
gewesen, denn sie hätten sich scheiden lassen, als er 13 Jahre
alt gewesen sei. Er wolle sich vor einer zweiten Ehe seiner Gefühle
absolut sicher sein.
Helen
hatte für Toms Empfindungen Verständnis, weil auch sie nicht
noch einmal einen Fehler machen wollte. Allerdings hatte sie Tom im
Laufe des vergangenen Jahres immer wieder gebeten, sich zu entscheiden.
Wollte er Sex? Wollte er heiraten? Helen liebte Tom, aber sie war auch
bereit, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen, nachdem sie
sich drei Jahre lang mit diesen Fragen auseinandergesetzt hatte und
kein Ende absehbar war.
Helen fühlte sich durch Toms Unentschlossenheit behindert. Er setzte
sich mit solchen Fragen einfach nicht auseinander, wenn sie ihn nicht
immer wieder dazu drängte. Und wenn sie dies tat, beklagte er sich
darüber. Wenn sie zu ihm sagte, sie verliere allmählich die
Hoffnung, hielt Tom ihr vor, sie gebe die Beziehung verfrüht auf.
Weshalb sie ihm nicht noch ein wenig Zeit lasse?
Tom sagte, er wisse zumindest, was er nicht wolle: Er wolle keinen Sex,
er wolle nicht heiraten und sich dann später wieder scheiden lassen,
und er wolle Helen nicht aufgeben.
Die Stärke
zu wollen
Verlangen hat eine verlockende Qualität: Es beinhaltet eine ungeheuer
starke Motivation. Verlangen mobilisiert uns. Es treibt uns dazu, uns
zumindest einen Teil von dem, was uns fehlt, zu verschaffen. Es kann
uns dazu bringen, Berge zu versetzen, um etwas zu bekommen, das wir
wirklich haben wollen.
Doch Wollen kostet Energie. Man muss sich anstrengen, um zu bekommen,
was man will. Und nichts garantiert, dass die Bemühungen tatsächlich
zum Erfolg führen. Sie müssen zuerst wollen — die Auswirkungen
Ihrer Bemühungen sehen Sie immer erst später. In dieser Hinsicht
unterscheidet sich Sex nicht von der Ehe, der Elternschaft oder der
beruflichen Karriere. Im Raum des Wollens entfalten sich unsere höchsten
Bestrebungen.
Ein wichtiger Aspekt des Wollens — derjenige, den Menschen in
der Regel zu vermeiden versuchen — ist Entbehrung. Verlangen ist
mit einem Zustand des Unbefriedigtseins verbunden. Das Wollen selbst
erzeugt einen Zustand der Entbehrung. Es versetzt in den Zustand des
Ohne-Seins. In einem älteren Sinne bedeutet wollen so viel wie
»Mangel an etwas leiden«, »etwas nicht haben«.
Wollen birgt in sich das Herbeiwünschen eines anderen Menschen,
das Lechzen nach ihm, die Sehnsucht nach jemandem oder etwas. Wollen
hat also etwas mit Sehnen zu tun, und Sehnsucht verursacht Schmerzen.
Sich-Sehnen ist das ständige Verlangen nach etwas oder jemandem,
das oder der dauerhaft unerreichbar oder in der Ferne ist. Wenn Sie
Ihren Partner wollen und wenn Sie Sex wollen, haben Sie eine starke
sexuelle Motivation. Doch dazu brauchen Sie die Stärke zu wollen.
Das Wollen unterscheidet Ihr menschliches sexuelles Verlangen vom sexuellen
Verlangen anderer Spezies. Es erhebt Ihr sexuelles Verlangen über
den reinen Hormonansturm oder den Fortpflanzungstrieb.' Abgesehen von
Wollust, Verliebtheit und Bindungsbedürfnissen verfügen Menschen
auch über die Fähigkeit, einen anderen Menschen liebevoll
zu umsorgen. Dies bedeutet, dass sie bei ihren Handlungen stets das
Wohl des anderen im Auge behalten, selbst wenn dies auf ihre Kosten
geht, weil sie das Beste für diesen anderen Menschen wollen. An
früherer Stelle habe ich bereits gesagt, dass Verlangen nicht unbedingt
immer den besten inneren Regungen entspringt. Verwechseln Sie also Wollen
nicht mit einem der folgenden vier Dinge:
1. Wollen ist nicht gleichbedeutend mit Verlangen danach, dass Ihr Partner
etwas für Sie tut. Es ist nicht identisch damit, dass Sie sich
seine Aufmerksamkeit sichern, oder mit der Hoffnung, dass er Ihnen das
Gefühl gibt, in Sicherheit und für ihn begehrenswert zu sein.
2. Wollen macht Ihren Partner nicht zu einem Kriminellen, einer Art
flüchtigem Straftäter, der polizeilich gesucht wird. Wollen
erlaubt Ihnen nicht, Ihren Partner zu einem Gefangenen zu machen.
3. Wollen ist mehr als der Drang, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen.
Wenn Sie Ihre Partnerin wollen, verspüren Sie ein Verlangen nach
ihr. Es ma¬nifestiert sich als Anteilnahme an ihren besonderen Interessen,
selbst wenn diese nicht Ihren eigenen entsprechen. Das Wollen verpflichtet
Sie dazu, im wohlverstandenen Interesse Ihrer Partnerin zu handeln,
weil ihr Wohl und ihr Glück Ihnen wichtig sind.
4. Wollen bedeutet nicht, begehrlich, besitz ergreifend oder eifersüchtig
zu sein. Besitzgier und Eifersucht verkleiden sich als tiefes Verlangen,
doch sie resul¬tieren aus Schwäche. Echtes Wollen stärkt
und erweitert die Vier Aspekte der Balance.2
Toms und Helens Lebenshintergrund
Wie ich bereits erklärt habe, ist Verlangen eine Fähigkeit,
die Sie entwickeln können, indem Sie Tiefe und Umfang der für
Sie mit dem Verlangen verbundenen Bedeutungen erweitern. Bei Tom ließ
sich die Bedeutung in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wenn du mich
lieben würdest, würdest du ... Nach der Scheidung seiner Eltern
lebte Tom mit seiner Mutter zusammen. Dies war für beide eine schwierige
Zeit. Der Mutter gelang es mit Mühe, sich selbst und ihren Sohn
zu ernähren und ihnen beiden ein Dach über dem Kopf zu sichern.
Sie arbeitete schwer und erwartete, dass Tom ihr bei der Hausarbeit
half. Doch wegen ihrer großen Arbeitsbelastung erwartete sie auch,
dass er ihr das Leben leichter machte. Dem Heranwachsenden sagte seine
Mutter fast täglich: »Wenn du mich lieb hast, tust du jetzt
dies oder jenes für mich. Schau dir doch an, wie viel ich für
dich tue!«
Tom hasste solche Äußerungen. Als er noch jünger gewesen
war, hatte er sich große Mühe gegeben, es seiner Mutter stets
recht zu machen. Später ging er regelmäßig aus dem Haus,
wenn sie mit ihren Predigten anfing. Alles, was sie sagte, hatte er
schon tausendmal gehört. Er entwickelte allmählich immer stärkeren
Widerstand gegen Äußerungen seiner Mutter, die mit »Wenn
du mich lieb hättest, würdest du . . .« begannen.
So wurde Tom zu einem jungen Mann, der nicht wollen wollte. Wollen rief
bei ihm Empfindungen hervor, mit denen er nicht gut umgehen konnte.
Seine Mutter hatte seine Bemühungen, ihr gefällig zu sein,
gegen seine Interessen benutzt. Dies hatte ihn anfällig für
Manipulationen gemacht. Im Laufe der Zeit war aus seinem Wunsch (seinem
Wollen), sie glücklich zu sehen, der Zwang geworden, zu tun, was
immer sie sich wünschte.
In unserer ersten gemeinsamen Sitzung sagte Tom: »Ich glaube,
das hat mich gegenüber Frauen misstrauisch gemacht. Meine Mutter
war ziemlich kontrollbesessen und manipulativ. Das musste sie auch sein.
Schließlich musste sie für sich und mich sorgen. Mein Vater
hat ihr dabei überhaupt nicht geholfen. Vielleicht zögere
ich, zu heiraten — und vielleicht will ich auch keinen Sex —,
weil ich fürchte, dass sich Helen dann in meine Mutter verwandeln
würde.« Tom glaubte, sich auf sicheren Boden gerettet zu
haben.
Ich fragte ihn: »Haben Sie Helen deshalb noch nicht gewählt?«
Tom schaute mich überrascht an. »Auf die Idee, dass ich Helen
noch nicht gewählt habe, bin ich bisher nicht gekommen. Vielleicht
habe ich sie ja deshalb noch nicht gebeten, mich zu heiraten.«
Den Partner wählen:
Ein Teil des Wollens besteht darin zu wählen. Wählen bedeutet,
sich für eine Person unter den vielen, die Sie wollen könnten,
zu entscheiden. Zu wählen erfordert, eine (hoffentlich wohlerwogene)
Entscheidung zu treffen . . .
»Blow
Your Mind«
Vor
einiger Zeit war ich mit einem der nettesten Menschen, die ich kenne,
zum Lunch verabredet, einem Mann, den ich sehr schätze. Er ist
von so untadeliger Integrität, dass es sich verbietet, seinen Namen
zu nennen. Er war einmal mein Therapeut, und er ist mir zum Freund geworden.
Er ist einer der besten Therapeuten, die ich je kennen gelernt habe.
Mittlerweile war er erheblich älter geworden, und ich besuchte
ihn als Kollege. Wir verbrachten den Nachmittag in einem Restaurant
und sprachen sehr offen über unsere berufliche Arbeit, unser Leben
und uns selbst. Im Laufe dieses Gesprächs fragte mein Freund mich
irgendwann: »Fickst du eigentlich noch?«
Ich bekam einen fürchterlichen Lachanfall und wäre fast von
meinem Stuhl gefallen. Ich konnte kaum noch atmen! Nach einigen Minuten
fand ich schließlich die Fassung wieder, und ich antwortete: »Ja.
Und wie steht es mit dir?«
»Nein«, antwortete mein Freund. »Jedenfalls nicht
mehr so wie früher. Ich nehme zu viele Medikamente. Meine gesundheitlichen
Probleme haben ihren Tribut gefordert, und ich werde allmählich
alt. Aber ich kann dir sagen, ich vermisse es! Du solltest noch ein
Buch schreiben, eines über das Ficken. Das ist der Punkt, an dem
so viele Paare Hilfe brauchen.«
Diese ganze Szene erschien mir als so kurios und komisch, dass ich einfach
nicht aufhören konnte zu lachen. »Ich bin mir nicht sicher,
ob ich ein ganzes Buch über das Ficken schreiben kann, aber ich
schreibe gerade etwas Neues, und vielleicht kann ich ein Kapitel über
dieses Thema verfassen.«
»Tu' das«, sagte er und lächelte. »Es gibt so
viele Menschen, die nicht wissen, was sie verpassen. Ich weiß
es!«
Dies war ein kleiner Teil einer wunderbaren Begegnung beim Lunch, eines
Gesprächs mit vielen wichtigen und auch komischen Aspekten. Als
wir uns schließlich verabschiedeten, kam mein Freund noch einmal
auf das Thema zurück. Mit großem Ernst flehte er mich an:
»Schreibe über das Ficken. Schreibe es für junge Paare.
Sie verlieren so viel Zeit!« Wieder
musste ich lachen. Doch diesmal blieb mein Freund ernst. »Dir
ist es ernst«, stellte ich fest.
»Ganz bestimmt«, antwortete er unverblümt.
Daraufhin wurde auch ich ernst: »Könntest du etwas genauer
erklären, was du meinst? Meinst du, ich soll über Sex schreiben,
also über Liebemachen, oder meinst du wirklich Ficken?«
»Ich meine Ficken! Das habe ich doch gesagt. Ficken. Das vermisse
ich heute. Es ist einfach zu wichtig, um es sang-und-klanglos verschwinden
zu lassen.« »Okay, ich schau mal, was sich machen lässt.«
Wir wussten beide, dass dies vielleicht unsere letzte Begegnung sein
würde — und so war es dann auch tatsächlich. Wir brachten
einander unsere Liebe zum Ausdruck. Er küsste meinen Kopf. Seine
letzten Worte beim Abschied waren: »Paare verlieren so viel Zeit.
Bringe ihnen bei zu ficken. Das wird vielen Ehen ungeheuer viel Kummer
ersparen!«
Dieses Kapitel habe ich ihm zu Ehren geschrieben.
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