Invasion der Barbaren, von Heather
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Invasion der Barbaren

 

Sachbuch


Klett-Cotta

geb. 667 S. € 39.95
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Peter Heather

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Die Entstehung Europas
im ersten Jahrhundert
nach Christus

AUSZÜGE

PROLOG

Im Sommer des Jahres 882 nahmen Zwentibald, Herzog der Mähren, und seine Männer nahe der Großen Ungarischen Tiefebene, wo zwischen Alpen und Karpaten die Donau fließt, Werinher, »den mittleren der drei Söhne des Engischalk, und ihren Verwandten Graf Wezilo gefangen und schnitten ihnen die rechte Hand ab, die Zunge und — schrecklich, dies zu berichten — die Geschlechtsteile, so dass keine Spur mehr von [den Geschlechtsteilen] übrig blieb«. Vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte des 'Jahrtausends n. Chr. sind zwei Aspekte dieses Vorfalls bemerkenswert.

Erstens sprachen die Mähren Slawisch Mähren lag nördlich der Donau etwa im Gebiet der heutigen Slowakei. Aus unserer Sicht scheint nichts Besonderes daran zu sein, dass dieser Teil Mitteleuropas von Slawisch sprechenden Men­schen beherrscht wurde. Das ist schließlich heute noch so. Zu Beginn des 1. Jahrtausends und in den folgenden 500 Jahren jedoch wurden die Slowakei und weite Teile der benachbarten Gebiete von Germanisch sprechenden Men­schen dominiert. Woher also waren die slawischsprachigen Mähren gekommen?

Zweitens ist der Vorfall an sich schon erstaunlich. Trotz der Tatsache, dass ein nichtmährischer, fränkischer Geschichtsschreiber davon erzählt und trotz der entsetzlichen Verstümmelungen äußert sich unsere Quelle nicht unfreundlich über die Slawen. Für die Mähren, so wird berichtet, war diese drastische Maß­nahme Präventivschlag und Racheakt zugleich. Sie rächten sich für die ungerechte Behandlung, die ihnen durch Werinhers Vater Engischalk und seinen Onkel Willihelm widerfahren war, als die beiden auf der fränkischen Seite der Grenze das Kommando führten. Es war aber auch ein Präventivschlag, da die Mähren verhindern wollten, dass Engischalks Söhne das Amt, das ihr Vater innegehabt hatte. einem neuen Bevollmächtigten entrissen. Die Mähren waren grausam, zweifellos, aber sie waren keine blindwütig losschlagenden Barbaren, so dass selbst ein fränkischer Kommentator hinter ihrer Brutalität eine klar umrissene und schlüssige Absicht erkennen konnte. Sie wollten ihren Teil der Grenze ihren Vorstellungen entsprechend verwaltet wissen. Archäologische Funde verdeutlichen, was damit gemeint sein könnte. Ende des 1. Jahrtausends war Mähren das erste slawische Reich von ansehnlicher Größe und Stabilität, und seine materiellen Hinterlassenschaften sind beeindruckend. In der einstigen Hauptstadt MikuMice entdeckte man bei Ausgrabungen massive steinerne Umfassungsmauern und die Überreste einer eindrucksvollen Kathedrale. Mit ihrer Grundfläche von 400 Quadratmetern übertraf sie alles, was zu dieser Zeit anderswo gebaut wurde, selbst in den Regionen Europas, die vermutlich damals technisch fortschrittlicher waren.' Betrachtet man das 1. Jahr­tausend als Ganzes, ist all dies ungeheuer faszinierend. Denn noch zur Zeitenwende dominierten in Mähren germanischsprachige Gruppen, die meist in kleinen Stammesfürstentümern organisiert waren und nie etwas Bedeutenderes errichteten als Holzhütten mittlerer Größe.

Der Vorfall an der mährischen Grenze Ende des 9. Jahrhunderts illustriert somit das Problem, um das es in diesem Buch geht: die grundlegende Transformation des barbarischen Europa im 1. nachchristlichen Jahrtausend. »Barbarisch« wird hier und im Folgenden in einem sehr spezifischen Sinne verwendet, der nur einen Teil der Bedeutung des griechischen barbaros umfasst. Denn für die Griechen und später auch für die Römer war »barbarisch« meist gleichbedeutend mit »minderwertig«, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen, von der Moral bis zu den Tischsitten. »Barbarisch« bedeutete das Entgegengesetzte, das »Andere«, das Gegenbild zum zivilisierten, im Römischen Reich geeinten Mittelmeerraum. Ich verwende den Begriff jedoch nur in einem engeren, von moralischen Konnotationen freien Sinn: das barbarische Europa als die nichtrömische Welt des Ostens und des Nordens. Denn trotz der erstaunlichen Kultiviertheit, die der Mittelmeerraum in allen Bereichen von der Philosophie bis zur Technik entwickelt hatte, war dies auch eine Welt, die nichts dabei fand, rein zur Unterhaltung Menschen von wilden Tieren zerfleischen zu lassen. Daher fiele es mir ohnehin schwer, das römische Europa mit dem nichtrömischen anhand moralischer Kriterien auch nur ansatzweise zu vergleichen.

Die europäische Landschaft bot zur Zeit von Christi Geburt ein Bild extremer Gegensätze. Im Mittelmeerraum, unter der Herrschaft des Römischen Reiches erst kurz zuvor geeint, war eine politisch, wirtschaftlich und kulturell hoch entwickelte Zivilisation entstanden — mit Philosophie, Bankenwesen, Berufsarmeen, Literatur, eindrucksvollen Bauwerken und einem System der Müllentsorgung. Abgesehen von kleineren Gebieten westlich des Rheins und südlich der Donau, wo man allmählich anfing, einen mediterranen Lebensstil zu entwickeln, war das übrige Europa von bäuerlichen Bevölkerungen bewohnt, die Subsistenzwirtschaft betrieben und kleine politische Einheiten datierten. Ein Großteil dieses Europa wurde von germanischsprachigen Gruppen beherrscht, die zwar auch Werkzeuge und Waffen aus Eisen besaßen, das meiste aber aus Holz fertigten, über so gut wie keine Schriftkultur verfügten und nicht in Stein bauten. Je weiter man nach Osten kam, desto primitiver wurde alles: noch weniger Eisenwerkzeuge, eine noch geringere landwirtschaftliche Produktivität und eine noch geringere Bevölkerungsdichte. Die Römer im Mittelmeerraum waren die beherrschende Macht des westlichen Eurasien, die das unentwickelte Hinterland im Norden unter ihrer Kontrolle hatten.

Tausend Jahre später hatte sich diese Welt grundlegend verändert. In einem Großteil des barbarischen Europa dominierten jetzt Slawisch sprechende anstelle von Germanisch sprechenden Menschen, und in anderen Gebieten hatten germanischsprachige Gruppen die Römer und Kelten verdrängt. Aber auch die mediterrane Vorherrschaft war gebrochen. Im einstigen nördlichen Hinterland waren größere und stabilere politische Gemeinwesen entstanden, wie das Beispiel der Mähren zeigt. Doch nicht nur politisch, auch kulturell hatte der Mittelmeerraum seine Vorherrschaft eingebüßt. Bis zum Jahr 1000 hatte sich viel von der mediterranen Kultur — nicht zuletzt das Christentum, die Schriftkultur und die Steinarchitektur — nach Norden und Osten ausgebreitet, was zu einer größeren Homogenität der politischen und kulturellen Strukturen in ganz Europa führte.

Das barbarische Europa war nicht mehr barbarisch.

Die überragende Bedeutung dieser massiven Machtverlagerung manifestiert sich schon darin, dass viele Länder des modernen Europa ihre historischen Wurzeln auf politische Gemeinwesen zurückführen, die irgendwann zwischen Mitte und Ende des I. Jahrtausends entstanden. Diese Herleitung erscheint manchmal allzu gezwungen, doch kaum eine europäische Nation könnte ihren Gründungsmythos in die Zeit von Christi Geburt oder noch weiter zurück datieren. In einem sehr grundsätzlichen Sinn sind die politischen und kulturellen Transformationen des 1. Jahrtausends tatsächlich die Geburtswehen des modernen Europa, denn dieses Europa ist weniger ein geographisches als vielmehr ein kulturelles, wirtschaftliches und politisches Gebilde. Geographisch gesehen ist es bloß der westliche Teil der großen eurasischen Landmasse. Seine eigentliche historische Identität jedoch verdankt Europa der Entstehung von Gesellschaften, die auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene so intensiv miteinander kommunizierten, dass sich signifikante Gemeinsamkeiten entwickeln konnten. Und dass solche Gemeinsamkeiten überhaupt entstehen konnten, war eine unmittelbare Folge der Transformation des barbarischen Europa im 1. Jahrtausend.

Aufgrund seiner überragenden Bedeutung für die Entstehung von Nationen und Regionen hat das 1.Jahrtausend Wissenschaftler seit jeher in seinen Bann gezogen. Es kursieren allerlei Versionen über den Ursprung der verschiedenen Nationen, und seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht gibt es wohl nur wenige Europäer, die nicht zumindest mit den Grundzügen der Sage vom Entstehen ihrer Nation einigermaßen vertraut sind. Doch genau an diesem Punkt wird es problematisch.

Bis vor kurzem neigten Forschung und Öffentlichkeit dazu, den Einwanderern unterschiedlicher Art, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten des 1. Jahrtausends auftauchten, eine Hauptrolle zuzuschreiben. Mitte des 1. Jahrtausends zerstörten germanischsprachige Einwanderer das Römische Reich und gründeten eine Reihe von Nachfolgereichen. Ihnen folgten weitere Germanen und vor allem Slawen, deren Aktivitäten dem Nationenpuzzle Europas weitere Teile hinzufügten. Gegen Ende des Jahrtausends traten dann auch noch Einwanderer aus Skandinavien und der osteuropäischen Steppe auf den Plan. Auch wenn zuweilen erbittert über manche Details gestritten wurde, bezweifelte niemand auch nur ansatzweise, dass die Massenmigration von Männern und Frauen, Alten und Jungen bei der Entstehung Europas eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Seit einer Generation jedoch besteht unter Forschern in diesen Fragen kein Konsens mehr, denn es hat sich gezeigt, dass diese Ansätze allzu vereinfachend sind. Bisher gibt es noch keine neue Überblicksdarstellung, aber in einer Vielzahl von Arbeiten wurde die Bedeutung der Migration für die Herausbildung zumindest einiger Vorläufer der heutigen Nationen Europas entscheidend relativiert. So gehen inzwischen viele Historiker davon aus, dass es überhaupt keine massenhafte Migration gab, sondern dass sich immer nur wenige Menschen auf Wanderung begaben. Während man früher von großen sozialen Gruppen ausging, die zielstrebig durch Europa zogen, sind heute viele Experten überzeugt, dass sich hinter dem kulturellen Banner der Wenigen, die tatsächlich auf Wanderung waren, viele andere sammelten und sich dadurch eine neue Gruppenidentität herausbildete. Wichtiger als jede Migration waren für die Neuordnung des barbarischen Europa in den 1000 Jahren seit Christi Geburt jedoch die inneren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandlungsprozesse. Das versuche ich in diesem Buch zu zeigen.

Invasion der Barbaren möchte die fehlende Überblicksdarstellung zur Entstehung Europas liefern, indem es die positiven Aspekte der revisionistischen Geschichtsschreibung aufnimmt und gleichzeitig deren Fallstricken ausweicht. Wie uns der oben geschilderte Vorfall aus Mähren eindringlich vor Augen führt, spielt die Staatenbildung im bis dahin unentwickelten barbarischen Europa — das Entstehen größerer und kohärenterer politischer Gebilde — in der Geschichte des 1. Jahrtausends n. Chr. eine mindestens ebenso große Rolle wie die Migration. Als in der politischen Landschaft Mittel- und Nordeuropas politische Gebilde wie Mähren entstanden und sich behaupteten, war es dem zum Mittelmeerraum orientierten Römischen Reich nicht mehr möglich, die überregionale Hegemonie auszuüben, die es 1000 Jahre lang praktiziert hatte. Dennoch ist es wichtig, nicht alles über den Haufen zu werfen und von ständig sich wandelnden Identitäten und einer geringen Zahl von Migranten auszugehen. Es geht mir nicht darum, die Bedeutung der Migration von mitunter sogar recht großen Gruppen zu bestreiten, sondern ihre verschiedenen Grundmuster im Zuge der Transformation des barbarischen Europa zu erörtern.

Mein Anliegen erschöpft sich nicht darin, die Bedeutung von Massenmigrationen im Kontext der anderen Phänomene des 1. Jahrtausends hervorzuheben. Vielmehr möchte ich zeigen, dass dem breiten Bild der Transformation des barbarischen Europa so etwas wie eine einheitliche Feldtheorie zugrunde liegt. Beim Prozess der Staatenbildung wie der Migration in all ihren Formen handelt es sich nicht um zwei verschiedene Arten der Transformation, sondern um verschiedene Reaktionen auf ein und dieselben Impulse: die massive Ungleichheit zwischen den mehr und den weniger entwickelten Gebieten Eurpas zu Beginn des 1. Jahrtausends. Meiner Ansicht nach haben Staatenbildung und Migration zur Beseitigung dieser Ungleichheit entscheidend beigetragen. Es sind eng miteinander verwandte Phänomene, die der Dominanz des Mittelmeerraums ein Ende setzten und den Grundstein für die Entstehung des modernen Europa legten.

KAPITEL 1
MIGRANTEN UND BARBAREN

Im April 1994 flohen rund 250 000 Menschen aus Ruanda im östlichen Zentralafrika ins benachbarte Tansania, im Juli suchten eine Million Ruander Schutz in Zaire. Sie alle flüchteten vor einer Welle blutiger Gewalt, ausgelöst durch einen der folgenreichsten Mordanschläge der jüngeren Geschichte. Am 6.April 1994 waren der ruandische Präsident Juvhial Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira ums Leben gekommen, als ihre Maschine beim Landeanflug auf die ruandische Hauptstadt Kigali von zwei Raketen getroffen wurde. Damit waren die beiden wichtigsten modera­ten Politiker in der Region zum Schweigen gebracht worden. Andere Gemä­ßigte in der ruandischen Regierung, Verwaltung und Justiz wurden ebenfalls ausgeschaltet, und in den Städten und auf dem Land begann das Morden. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen kamen allein im April wo 85 000 Menschen gewaltsam ums Leben, insgesamt vermutlich rund eine Million. Männer, Frauen und Kinder retteten nicht mehr als das nackte Leben und standen plötzlich ohne Hab und Gut, ohne Zugang zu Nahrung und sauberem Trink­wasser da. Die Folgen waren vorhersehbar: Im ersten Monat der Massenflucht nach Zaire starben so 50 000, insgesamt fast 100 000 Menschen — ein Zehntel aller Flüchtlinge — an Cholera und Ruhr.

In der jüngeren Geschichte ist Ruanda lediglich das dramatischste Beispiel dafür, wie politische Konflikte Migrationsbewegungen in Gang setzen können. Nicht lange nach dem Blutvergießen in Ruanda flohen 750000 Kosovo-Albaner aus dem ehemaligen Jugoslawien vor der eskalierenden Gewalt in benachbarte Länder. Die Massenflucht vor einer Gefahr ist jedoch nur eine Form der Migration. Weit mehr Menschen kehren ihrer Heimat den Rücken, um in einem »reicheren« Land bessere Lebensbedingungen zu finden. In den 1980er Jahren wanderten 200 000 der rund 3,5 Millionen Iren aus, meist in wirtschaftlich dynamischere Länder Europas. Allerdings kehrten mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Irland viele von ihnen wieder dramatischer ist die wirtschaftlich motivierte Migration aus Ländern mit einem niedrigen Lebensstandard. Arbeitsmigranten aus Schwarzafrika findet man heute weltweit in hoher Zahl- jeweils 15 Millionen im Nahen Osten, in Süd- und Südostasien sowie in Nordamerika, weitere 13 Millionen in Westeuropa. Ursache hierfür ist die eklatante Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums. Das Durchschnittseinkommen in Bangladesch beispielsweise beträgt ein Hunderstel dessen, was in Japan Standard ist. Ein Bangladeschi, der in Japan für die Hälfte des dortigen Durchschnittslohns arbeitet, verdient somit in nur zwei Wochen genauso viel wie in Bangladesch in zwei Jahren. Aufgrund politischer Gewalt und wirtschaftlicher Ungleichheit ist heute die Migration ein weltweites Problem.

In der Vergangenheit war es nicht viel anders. »Die Geschichte der Mensch­heit ist die Geschichte der Migration«' - eine Plattitüde, aber wie die meisten Plattitüden im Großen und Ganzen zutreffend. Nach heutigen Erkenntnissen entwickelten sich dank einer vorteilhaften Umwelt auf dem afrikanischen Kontinent verschiedene Hominidengattungen, die ihre durch höhere Intelligenz erworbene Anpassungsfähigkeit nutzten, um fast sämtliche Landstriche auf unserem Planeten zu besiedeln. Im Grunde ist die ganze Welt mit den Nachkommen von Einwanderern und Asylsuchenden bevölkert.

Auch die Geschichte des vergangenen Jahrtausends ist von zahlreichen Migrationsbewegungen geprägt. Manche sind erstaunlich gut dokumentiert, insbesondere die aus Europa. Ohne Immigranten wären die heutigen Vereinigten Staaten gar nicht vorstellbar. Zwischen 1820 und 1940 wanderten fast 6o Millionen Europäer aus, davon 38 Millionen allein nach Nordamerika. Bis heute wandern vor allem Menschen aus Lateinamerika in die Vereinigten Staaten ein, so dass die Geschichte der US-amerikanischen Immigration noch lange nicht abgeschlossen ist. Im 16. Jahrhundert emigrierten eine viertel Million Spanier in die Neue Welt, weitere 200 000 kamen in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts. Zur selben Zeit überquerten 80 000 bzw. eine halbe Million Briten den Atlantik in Richtung Nordamerika. Für noch frühere Jahrhunderte gibt es zwar nur bruchstückhafte Belege, aber zweifellos war die Migration in allen Epochen ein bedeutsames Phänomen. So zogen im 12. Jahrhundert 200 000 germanischsprachige Bauern über die Elbe nach Osten, um in Holstein, im westlichen Brandenburg und in den sächsischen Marken zu siedeln.

 

Die dreifachen Mauern Konstnatinopels wurden in den 410er Jahren zur Abwehr der Hunnen gebaut, die von nördlich des Schwarzen Meeres in das Herz Mitelleuropas vorstießen.

Beigaben aus dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo, der 1939 entdeckten mutmaßlichen Grablege der Wuffings-Könige von East Anglia aus dem 7. Jh.

 

Schöne neue Welten

Alle diese Migranten bildeten in den von ihnen geschaffenen Nachfolgere chen des Römischen Reiches nur eine Minderheit, in den Reichen, die sie einer langen Wanderung gründeten, sogar eine verschwindend kleine Min derheit. Die Ostgoten waren mehrere zehntausend, aber wohl nie mehr 100 000 Personen stark, sofern man nicht noch eine größere Zahl Sklaven hin zurechnen muss. Die Bevölkerung des spätrömischen Italien wird gewöhn lich auf ein paar Millionen geschätzt. Wenn wir von fünf Millionen ausgehen, dann hätten die eingewanderten Ostgoten nicht mehr als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Fest steht: Durch die ostgotischen Einwanderer erhöhte sich die Gesamtzahl der Bevölkerung im nachrömischen Italien nicht wesentlich. Dasselbe gilt für die Koalition der Vandalen und Alanen sowie für die Burgunder, die, verglichen mit den Ostgoten, politisch von nachgeordneter Bedeutung waren. Aus Sicht der italienischen, nordafrikanischen und gallischen Bevölkerung handelte es sich bei diesen Migrationen allenfalls um eine partielle Verdrängung der bestehenden Elite. In den neuen Königreichen behielten die bisherigen Landbesitzer römischer Herkunft ihre alte Position bei und konnten ihre römische Kultur, ja sogar römische Verwaltungseinrichtungen weitgehend erhalten. Die westgotischen Reiche in Gallien und Spanien fallen gleichfalls in diese Kategorie, auch wenn sie einen anderen Ursprung haben. Als die Goten 418 im Tal der Garonne angesiedelt wurden, bildeten sie wohl einen größeren Anteil an der alteingesessenen Bevölkerung, waren aber gleichwohl eine Minderheit. In dem größeren, im Lauf von Eurichs Feldzügen gegründeten Reich zwischen der Loire und Gibraltar stellten gotische Einwanderer eine noch kleinere Minderheit dar als die amalischen Goten in Italien.
Die Franken im nördlichen und besonders nordöstlichen Gallien sowie die Angelsachsen im späteren England bildeten einen höheren Anteil an der Gesamtbevölkerung, aber wohl kaum mehr als zehn Prozent, mancherorts sehr viel weniger. Zu der neuen landbesitzenden Elite, die hier in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts entstanden war, gehörten, besonders in Gallien, auch Nachkommen der alteingesessenen gallorömischen und romano-britischen Bevölkerungen. Dennoch ist das nordöstliche Gallien und das britische Tiefland ein ganz anderer Fall als Italien, Nordafrika, Spanien und das übrige Gallien. Im alten römischen Nordwesten formierte sich die soziale Elite mit ihren kulturellen Normen zwischen 400 und 600 n. Chr. grundlegend neu, und der Landbesitz, auf den sich ihr Elitestatus gründete, wurde komplett neu verteilt. Während die Goten, Vandalen und Burgunder am Zielort lediglich als Zuwanderer wahrgenommen wurden, die relativ bruchlos einen Teil der alten Elite ersetzten, war der Zug der Franken ins nordöstliche Gallien und der Zug der Angelsachsen ins britische Tiefland eine Massenmigration mit erheblichen sozialen, politischen und kulturellen Folgen. Nimmt man die normannische Eroberung hinzu, bei der die alte Elite komplett verdrängt wurde, so ergeben sich drei Grundmuster: die partielle Verdrängung einer Elite, die Verdrängung einer Elite unter Wahrung der alten sozioökonomischen Strukturen und die Massenmigration der Franken und Angelsachsen.
Aber auch wenn wir lediglich die partielle Verdrängung einer Elite betrachten, gibt es zwischen dem späten 4. und dem frühen 6. Jahrhundert Bevölkerungsbewegungen, die man im Einzelnen und in ihrer Gesamtheit als Massenmigrationen betrachten muss. Da ist zunächst die Tatsache, dass die Zuwanderer die überkommenen Strukturen des Römischen — oder zumindest Weströmischen — Reiches zerstörten. Ein Grundproblem des Römischen Reiches war schon immer gewesen, dass seine wirtschaftlichen, politischen und administrativen Strukturen mit seiner Ausdehnung nicht mithalten konnten. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass es ohne die neuen zentrifugalen Kräfte, die mit der Ankunft großer, bewaffneter Gruppen an den Reichsgrenzen entfesselt wurden, im 5. Jahrhundert so ohne weiteres kollabiert wäre. Es waren die Einwanderer, die der römischen Welt oder zumindest dem römischen Zentralstaat einen gewaltigen politischen Schock versetzten, auch wenn sich einige römische Landbesitzer halten konnten und einige lokale und regionale Institutionen intakt blieben.

Der mächtige Organismus des römischen Staates hatte 800 Jahre lang auf allen Ebenen, von Kultur und Religion bis zu Gerichtsbarkeit und Grundbesitz, das Leben bestimmt. Dieser Aspekt wird leicht übersehen, weil das Römische Reich ein riesiges wackeliges Gebilde war und über wenig entwickelte Verkehrs-, Kommunikations- und Verwaltungstechniken verfügte, was eine umfassende Kontrolle aller Gebiete unmöglich machte. Dennoch waren diese Strukturen ein Rahmen, innerhalb dessen sich für lange Zeit soziale, wirtschaftliche und kulturelle Muster entwickeln konnten. Das wäre Stoff genug für ein eigenes Buch. Die Pax Romana und die vom römischen Staat ausgebaute und unterhaltene Verkehrsinfrastruktur bildeten die Grundlage des wirtschaftlichen Austauschs, die staatliche Rechtsordnung definierte den Besitz von Land und damit den sozialen Status, und auch die Aufstiegsmöglichkeiten einer gebildeten Elite waren genau geregelt. Selbst religiöse Einrichtungen wurden weitgehend vom Staat kontrolliert. Mit dem Aufstieg des Christentums zur Massenreligion im 4. und 5. Jahrhundert verknüpften sich dessen Autoritätsstrukturen mit denen des Römischen Reiches. Der Untergang des Römischen Reiches hatte für Westeuropa also zwangsläufig tiefgreifende soziale und kulturelle Konsequenzen." Vor diesem Hintergrund kann man die Migration der Hunnenzeit im qualitativen Sinn der modernen Migrationsforschung uneingeschränkt als Massenmigration bezeichnen.
Auch die Einwanderung der Franken nach Nordgallien und der Angelsachsen ins britische Tiefland muss als eine - wenngleich lokal begrenzte - Massenmigration im qualitativen Sinn eingeordnet werden. Die Neuverteilung des Landbesitzes unter den eindringenden Eliten führte zu weiteren kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen, was gleichfalls für eine Definition als »Massenmigration« spricht. In den anderen Nachfolgereichen des Römischen Reiches, wo es nur zu einer partiellen Verdrängung der Elite kam, war zwar der Schock geringer, aber auch hier wurden die Vermögenswerte teilweise neu verteilt. In der älteren Forschung herrschte weitgehend Konsens darüber, dass - wie im Fall von Britannien und Nordgallien - dieser Landbesitz von den ehemaligen römischen Eigentümern zumindest auf einige Einwanderer überging. Im Lauf der letzten Forschergeneration vollzog sich hier eine Neubewertung im Einklang mit einer Tendenz, die Bedeutung des Untergangs des Weströmischen Reiches herunterzuspielen. Das Argument lautete, dass zumindest am Anfang die zuströmenden Barbaren nicht mit den Ländereien der römischen Eigentümer, sondern mit Steuereinnahmen aus diesen Besitzungen belohnt wurden, was zunächst zu viel geringeren Spannungen geführt habe." Aus Platzgründen verbietet sich hier eine detaillierte Erörterung, doch meiner Ansicht nach ist das Argument nicht stichhaltig. Es gab wichtige lokale Unterschiede, und manchmal wurden die Steuern und Abgaben neu festgelegt.

Dennoch glaube ich, dass die nunmehr dominierenden Einwanderer vorrangig durch Landbesitz belohnt wurden, was auch von der jüngeren Forschung eigeräumt wird, die den historischen Ablauf neu bewertet.


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