Im Sommer
des Jahres 882 nahmen Zwentibald, Herzog der Mähren, und seine Männer
nahe der Großen Ungarischen Tiefebene, wo zwischen Alpen und
Karpaten die Donau fließt, Werinher, »den mittleren der drei Söhne
des Engischalk, und ihren Verwandten Graf Wezilo gefangen und schnitten ihnen
die rechte Hand ab, die Zunge und — schrecklich, dies zu berichten —
die Geschlechtsteile, so dass keine Spur mehr von [den Geschlechtsteilen]
übrig blieb«. Vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte
des 'Jahrtausends n. Chr. sind zwei Aspekte dieses Vorfalls bemerkenswert.
Erstens sprachen
die Mähren Slawisch Mähren lag nördlich der Donau etwa im Gebiet
der heutigen Slowakei. Aus unserer Sicht scheint nichts Besonderes daran zu
sein, dass dieser Teil Mitteleuropas von Slawisch sprechenden Menschen
beherrscht wurde. Das ist schließlich heute noch so. Zu Beginn des 1.
Jahrtausends und in den folgenden 500 Jahren jedoch wurden die Slowakei und
weite Teile der benachbarten Gebiete von Germanisch sprechenden Menschen
dominiert. Woher also waren die slawischsprachigen Mähren gekommen?
Zweitens
ist der Vorfall an sich schon erstaunlich. Trotz der Tatsache, dass ein nichtmährischer,
fränkischer Geschichtsschreiber davon erzählt und trotz der entsetzlichen
Verstümmelungen äußert sich unsere Quelle nicht unfreundlich
über die Slawen. Für die Mähren, so wird berichtet, war diese
drastische Maßnahme Präventivschlag und Racheakt zugleich.
Sie rächten sich für die ungerechte Behandlung, die ihnen durch
Werinhers Vater Engischalk und seinen Onkel Willihelm widerfahren war, als
die beiden auf der fränkischen Seite der Grenze das Kommando führten.
Es war aber auch ein Präventivschlag, da die Mähren verhindern wollten,
dass Engischalks Söhne das Amt, das ihr Vater innegehabt hatte. einem
neuen Bevollmächtigten entrissen. Die Mähren waren grausam, zweifellos,
aber sie waren keine blindwütig losschlagenden Barbaren, so dass selbst
ein fränkischer Kommentator hinter ihrer Brutalität eine klar umrissene
und schlüssige Absicht erkennen konnte. Sie wollten ihren Teil der Grenze
ihren Vorstellungen entsprechend verwaltet wissen. Archäologische Funde
verdeutlichen, was damit gemeint sein könnte. Ende des 1. Jahrtausends
war Mähren das erste slawische Reich von ansehnlicher Größe
und Stabilität, und seine materiellen Hinterlassenschaften sind beeindruckend.
In der einstigen Hauptstadt MikuMice entdeckte man bei Ausgrabungen massive
steinerne Umfassungsmauern und die Überreste einer eindrucksvollen Kathedrale.
Mit ihrer Grundfläche von 400 Quadratmetern übertraf sie alles,
was zu dieser Zeit anderswo gebaut wurde, selbst in den Regionen Europas,
die vermutlich damals technisch fortschrittlicher waren.' Betrachtet man das
1. Jahrtausend als Ganzes, ist all dies ungeheuer faszinierend. Denn
noch zur Zeitenwende dominierten in Mähren germanischsprachige Gruppen,
die meist in kleinen Stammesfürstentümern organisiert waren und
nie etwas Bedeutenderes errichteten als Holzhütten mittlerer Größe.
Der Vorfall
an der mährischen Grenze Ende des 9. Jahrhunderts illustriert somit das
Problem, um das es in diesem Buch geht: die grundlegende Transformation des
barbarischen Europa im 1. nachchristlichen Jahrtausend. »Barbarisch«
wird hier und im Folgenden in einem sehr spezifischen Sinne verwendet, der
nur einen Teil der Bedeutung des griechischen barbaros umfasst. Denn für
die Griechen und später auch für die Römer war »barbarisch«
meist gleichbedeutend mit »minderwertig«, und zwar in sämtlichen
Lebensbereichen, von der Moral bis zu den Tischsitten. »Barbarisch«
bedeutete das Entgegengesetzte, das »Andere«, das Gegenbild zum
zivilisierten, im Römischen Reich geeinten Mittelmeerraum. Ich verwende
den Begriff jedoch nur in einem engeren, von moralischen Konnotationen freien
Sinn: das barbarische Europa als die nichtrömische Welt des Ostens und
des Nordens. Denn trotz der erstaunlichen Kultiviertheit, die der Mittelmeerraum
in allen Bereichen von der Philosophie bis zur Technik entwickelt hatte, war
dies auch eine Welt, die nichts dabei fand, rein zur Unterhaltung Menschen
von wilden Tieren zerfleischen zu lassen. Daher fiele es mir ohnehin schwer,
das römische Europa mit dem nichtrömischen anhand moralischer Kriterien
auch nur ansatzweise zu vergleichen.
Die europäische
Landschaft bot zur Zeit von Christi Geburt ein Bild extremer Gegensätze.
Im Mittelmeerraum, unter der Herrschaft des Römischen Reiches erst kurz
zuvor geeint, war eine politisch, wirtschaftlich und kulturell hoch entwickelte
Zivilisation entstanden — mit Philosophie, Bankenwesen, Berufsarmeen,
Literatur, eindrucksvollen Bauwerken und einem System der Müllentsorgung.
Abgesehen von kleineren Gebieten westlich des Rheins und südlich der
Donau, wo man allmählich anfing, einen mediterranen Lebensstil zu entwickeln,
war das übrige Europa von bäuerlichen Bevölkerungen bewohnt,
die Subsistenzwirtschaft betrieben und kleine politische Einheiten datierten.
Ein Großteil dieses Europa wurde von germanischsprachigen Gruppen beherrscht,
die zwar auch Werkzeuge und Waffen aus Eisen besaßen, das meiste aber
aus Holz fertigten, über so gut wie keine Schriftkultur verfügten
und nicht in Stein bauten. Je weiter man nach Osten kam, desto primitiver
wurde alles: noch weniger Eisenwerkzeuge, eine noch geringere landwirtschaftliche
Produktivität und eine noch geringere Bevölkerungsdichte. Die Römer
im Mittelmeerraum waren die beherrschende Macht des westlichen Eurasien, die
das unentwickelte Hinterland im Norden unter ihrer Kontrolle hatten.
Tausend Jahre
später hatte sich diese Welt grundlegend verändert. In einem Großteil
des barbarischen Europa dominierten jetzt Slawisch sprechende anstelle von
Germanisch sprechenden Menschen, und in anderen Gebieten hatten germanischsprachige
Gruppen die Römer und Kelten verdrängt. Aber auch die mediterrane
Vorherrschaft war gebrochen. Im einstigen nördlichen Hinterland waren
größere und stabilere politische Gemeinwesen entstanden, wie das
Beispiel der Mähren zeigt. Doch nicht nur politisch, auch kulturell hatte
der Mittelmeerraum seine Vorherrschaft eingebüßt. Bis zum Jahr
1000 hatte sich viel von der mediterranen Kultur — nicht zuletzt das
Christentum, die Schriftkultur und die Steinarchitektur — nach Norden
und Osten ausgebreitet, was zu einer größeren Homogenität
der politischen und kulturellen Strukturen in ganz Europa führte.
Das barbarische
Europa war nicht mehr barbarisch.
Die überragende
Bedeutung dieser massiven Machtverlagerung manifestiert sich schon darin,
dass viele Länder des modernen Europa ihre historischen Wurzeln auf politische
Gemeinwesen zurückführen, die irgendwann zwischen Mitte und Ende
des I. Jahrtausends entstanden. Diese Herleitung erscheint manchmal allzu
gezwungen, doch kaum eine europäische Nation könnte ihren Gründungsmythos
in die Zeit von Christi Geburt oder noch weiter zurück datieren. In einem
sehr grundsätzlichen Sinn sind die politischen und kulturellen Transformationen
des 1. Jahrtausends tatsächlich die Geburtswehen des modernen Europa,
denn dieses Europa ist weniger ein geographisches als vielmehr ein kulturelles,
wirtschaftliches und politisches Gebilde. Geographisch gesehen ist es bloß
der westliche Teil der großen eurasischen Landmasse. Seine eigentliche
historische Identität jedoch verdankt Europa der Entstehung von Gesellschaften,
die auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene so intensiv miteinander
kommunizierten, dass sich signifikante Gemeinsamkeiten entwickeln konnten.
Und dass solche Gemeinsamkeiten überhaupt entstehen konnten, war eine
unmittelbare Folge der Transformation des barbarischen Europa im 1. Jahrtausend.
Aufgrund
seiner überragenden Bedeutung für die Entstehung von Nationen und
Regionen hat das 1.Jahrtausend Wissenschaftler seit jeher in seinen Bann gezogen.
Es kursieren allerlei Versionen über den Ursprung der verschiedenen Nationen,
und seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht gibt es wohl nur wenige
Europäer, die nicht zumindest mit den Grundzügen der Sage vom Entstehen
ihrer Nation einigermaßen vertraut sind. Doch genau an diesem Punkt
wird es problematisch.
Bis vor kurzem
neigten Forschung und Öffentlichkeit dazu, den Einwanderern unterschiedlicher
Art, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten des 1. Jahrtausends
auftauchten, eine Hauptrolle zuzuschreiben. Mitte des 1. Jahrtausends zerstörten
germanischsprachige Einwanderer das Römische Reich und gründeten
eine Reihe von Nachfolgereichen. Ihnen folgten weitere Germanen und vor allem
Slawen, deren Aktivitäten dem Nationenpuzzle Europas weitere Teile hinzufügten.
Gegen Ende des Jahrtausends traten dann auch noch Einwanderer aus Skandinavien
und der osteuropäischen Steppe auf den Plan. Auch wenn zuweilen erbittert
über manche Details gestritten wurde, bezweifelte niemand auch nur ansatzweise,
dass die Massenmigration von Männern und Frauen, Alten und Jungen bei
der Entstehung Europas eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Seit einer
Generation jedoch besteht unter Forschern in diesen Fragen kein Konsens mehr,
denn es hat sich gezeigt, dass diese Ansätze allzu vereinfachend sind.
Bisher gibt es noch keine neue Überblicksdarstellung, aber in einer Vielzahl
von Arbeiten wurde die Bedeutung der Migration für die Herausbildung
zumindest einiger Vorläufer der heutigen Nationen Europas entscheidend
relativiert. So gehen inzwischen viele Historiker davon aus, dass es überhaupt
keine massenhafte Migration gab, sondern dass sich immer nur wenige Menschen
auf Wanderung begaben. Während man früher von großen sozialen
Gruppen ausging, die zielstrebig durch Europa zogen, sind heute viele Experten
überzeugt, dass sich hinter dem kulturellen Banner der Wenigen, die tatsächlich
auf Wanderung waren, viele andere sammelten und sich dadurch eine neue Gruppenidentität
herausbildete. Wichtiger als jede Migration waren für die Neuordnung
des barbarischen Europa in den 1000 Jahren seit Christi Geburt jedoch die
inneren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandlungsprozesse. Das
versuche ich in diesem Buch zu zeigen.
Invasion
der Barbaren möchte die fehlende Überblicksdarstellung zur Entstehung
Europas liefern, indem es die positiven Aspekte der revisionistischen Geschichtsschreibung
aufnimmt und gleichzeitig deren Fallstricken ausweicht. Wie uns der oben geschilderte
Vorfall aus Mähren eindringlich vor Augen führt, spielt die Staatenbildung
im bis dahin unentwickelten barbarischen Europa — das Entstehen größerer
und kohärenterer politischer Gebilde — in der Geschichte des 1.
Jahrtausends n. Chr. eine mindestens ebenso große Rolle wie die Migration.
Als in der politischen Landschaft Mittel- und Nordeuropas politische Gebilde
wie Mähren entstanden und sich behaupteten, war es dem zum Mittelmeerraum
orientierten Römischen Reich nicht mehr möglich, die überregionale
Hegemonie auszuüben, die es 1000 Jahre lang praktiziert hatte. Dennoch
ist es wichtig, nicht alles über den Haufen zu werfen und von ständig
sich wandelnden Identitäten und einer geringen Zahl von Migranten auszugehen.
Es geht mir nicht darum, die Bedeutung der Migration von mitunter sogar recht
großen Gruppen zu bestreiten, sondern ihre verschiedenen Grundmuster
im Zuge der Transformation des barbarischen Europa zu erörtern.
Mein Anliegen
erschöpft sich nicht darin, die Bedeutung von Massenmigrationen im Kontext
der anderen Phänomene des 1. Jahrtausends hervorzuheben. Vielmehr möchte
ich zeigen, dass dem breiten Bild der Transformation des barbarischen Europa
so etwas wie eine einheitliche Feldtheorie zugrunde liegt. Beim Prozess der
Staatenbildung wie der Migration in all ihren Formen handelt es sich nicht
um zwei verschiedene Arten der Transformation, sondern um verschiedene Reaktionen
auf ein und dieselben Impulse: die massive Ungleichheit zwischen den mehr
und den weniger entwickelten Gebieten Eurpas zu Beginn des 1. Jahrtausends.
Meiner Ansicht nach haben Staatenbildung und Migration zur Beseitigung dieser
Ungleichheit entscheidend beigetragen. Es sind eng miteinander verwandte Phänomene,
die der Dominanz des Mittelmeerraums ein Ende setzten und den Grundstein für
die Entstehung des modernen Europa legten.
KAPITEL 1
MIGRANTEN UND BARBAREN
Im April
1994 flohen rund 250 000 Menschen aus Ruanda im östlichen Zentralafrika
ins benachbarte Tansania, im Juli suchten eine Million Ruander Schutz in Zaire.
Sie alle flüchteten vor einer Welle blutiger Gewalt, ausgelöst durch
einen der folgenreichsten Mordanschläge der jüngeren Geschichte.
Am 6.April 1994 waren der ruandische Präsident Juvhial Habyarimana und
sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira ums Leben gekommen, als ihre
Maschine beim Landeanflug auf die ruandische Hauptstadt Kigali von zwei Raketen
getroffen wurde. Damit waren die beiden wichtigsten moderaten Politiker
in der Region zum Schweigen gebracht worden. Andere Gemäßigte
in der ruandischen Regierung, Verwaltung und Justiz wurden ebenfalls ausgeschaltet,
und in den Städten und auf dem Land begann das Morden. Nach einer Schätzung
der Vereinten Nationen kamen allein im April wo 85 000 Menschen gewaltsam
ums Leben, insgesamt vermutlich rund eine Million. Männer, Frauen und
Kinder retteten nicht mehr als das nackte Leben und standen plötzlich
ohne Hab und Gut, ohne Zugang zu Nahrung und sauberem Trinkwasser da.
Die Folgen waren vorhersehbar: Im ersten Monat der Massenflucht nach Zaire
starben so 50 000, insgesamt fast 100 000 Menschen — ein Zehntel aller
Flüchtlinge — an Cholera und Ruhr.
In der jüngeren
Geschichte ist Ruanda lediglich das dramatischste Beispiel dafür, wie
politische Konflikte Migrationsbewegungen in Gang setzen können. Nicht
lange nach dem Blutvergießen in Ruanda flohen 750000 Kosovo-Albaner
aus dem ehemaligen Jugoslawien vor der eskalierenden Gewalt in benachbarte
Länder. Die Massenflucht vor einer Gefahr ist jedoch nur eine Form der
Migration. Weit mehr Menschen kehren ihrer Heimat den Rücken, um in einem
»reicheren« Land bessere Lebensbedingungen zu finden. In den 1980er
Jahren wanderten 200 000 der rund 3,5 Millionen Iren aus, meist in wirtschaftlich
dynamischere Länder Europas. Allerdings kehrten mit dem wirtschaftlichen
Aufschwung in Irland viele von ihnen wieder dramatischer ist die wirtschaftlich
motivierte Migration aus Ländern mit einem niedrigen Lebensstandard.
Arbeitsmigranten aus Schwarzafrika findet man heute weltweit in hoher Zahl-
jeweils 15 Millionen im Nahen Osten, in Süd- und Südostasien sowie
in Nordamerika, weitere 13 Millionen in Westeuropa. Ursache hierfür ist
die eklatante Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums. Das Durchschnittseinkommen
in Bangladesch beispielsweise beträgt ein Hunderstel dessen, was in Japan
Standard ist. Ein Bangladeschi, der in Japan für die Hälfte des
dortigen Durchschnittslohns arbeitet, verdient somit in nur zwei Wochen genauso
viel wie in Bangladesch in zwei Jahren. Aufgrund politischer Gewalt und wirtschaftlicher
Ungleichheit ist heute die Migration ein weltweites Problem.
In der Vergangenheit
war es nicht viel anders. »Die Geschichte der Menschheit ist die
Geschichte der Migration«' - eine Plattitüde, aber wie die meisten
Plattitüden im Großen und Ganzen zutreffend. Nach heutigen Erkenntnissen
entwickelten sich dank einer vorteilhaften Umwelt auf dem afrikanischen Kontinent
verschiedene Hominidengattungen, die ihre durch höhere Intelligenz erworbene
Anpassungsfähigkeit nutzten, um fast sämtliche Landstriche auf unserem
Planeten zu besiedeln. Im Grunde ist die ganze Welt mit den Nachkommen von
Einwanderern und Asylsuchenden bevölkert.
Auch die
Geschichte des vergangenen Jahrtausends ist von zahlreichen Migrationsbewegungen
geprägt. Manche sind erstaunlich gut dokumentiert, insbesondere die aus
Europa. Ohne Immigranten wären die heutigen Vereinigten Staaten gar nicht
vorstellbar. Zwischen 1820 und 1940 wanderten fast 6o Millionen Europäer
aus, davon 38 Millionen allein nach Nordamerika. Bis heute wandern vor allem
Menschen aus Lateinamerika in die Vereinigten Staaten ein, so dass die Geschichte
der US-amerikanischen Immigration noch lange nicht abgeschlossen ist. Im 16.
Jahrhundert emigrierten eine viertel Million Spanier in die Neue Welt, weitere
200 000 kamen in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts. Zur selben Zeit
überquerten 80 000 bzw. eine halbe Million Briten den Atlantik in Richtung
Nordamerika. Für noch frühere Jahrhunderte gibt es zwar nur bruchstückhafte
Belege, aber zweifellos war die Migration in allen Epochen ein bedeutsames
Phänomen. So zogen im 12. Jahrhundert 200 000 germanischsprachige Bauern
über die Elbe nach Osten, um in Holstein, im westlichen Brandenburg und
in den sächsischen Marken zu siedeln.

Die
dreifachen Mauern Konstnatinopels wurden in den 410er Jahren
zur Abwehr der Hunnen gebaut, die von nördlich des Schwarzen
Meeres in das Herz Mitelleuropas vorstießen.

Beigaben
aus dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo, der 1939
entdeckten mutmaßlichen Grablege der Wuffings-Könige
von East Anglia aus dem 7. Jh.
Schöne
neue Welten
Alle diese
Migranten bildeten in den von ihnen geschaffenen Nachfolgere chen des Römischen
Reiches nur eine Minderheit, in den Reichen, die sie einer langen Wanderung
gründeten, sogar eine verschwindend kleine Min derheit. Die Ostgoten
waren mehrere zehntausend, aber wohl nie mehr 100 000 Personen stark, sofern
man nicht noch eine größere Zahl Sklaven hin zurechnen muss. Die
Bevölkerung des spätrömischen Italien wird gewöhn lich
auf ein paar Millionen geschätzt. Wenn wir von fünf Millionen ausgehen,
dann hätten die eingewanderten Ostgoten nicht mehr als zwei Prozent der
Gesamtbevölkerung ausgemacht. Fest steht: Durch die ostgotischen Einwanderer
erhöhte sich die Gesamtzahl der Bevölkerung im nachrömischen
Italien nicht wesentlich. Dasselbe gilt für die Koalition der Vandalen
und Alanen sowie für die Burgunder, die, verglichen mit den Ostgoten,
politisch von nachgeordneter Bedeutung waren. Aus Sicht der italienischen,
nordafrikanischen und gallischen Bevölkerung handelte es sich bei diesen
Migrationen allenfalls um eine partielle Verdrängung der bestehenden
Elite. In den neuen Königreichen behielten die bisherigen Landbesitzer
römischer Herkunft ihre alte Position bei und konnten ihre römische
Kultur, ja sogar römische Verwaltungseinrichtungen weitgehend erhalten.
Die westgotischen Reiche in Gallien und Spanien fallen gleichfalls in diese
Kategorie, auch wenn sie einen anderen Ursprung haben. Als die Goten 418 im
Tal der Garonne angesiedelt wurden, bildeten sie wohl einen größeren
Anteil an der alteingesessenen Bevölkerung, waren aber gleichwohl eine
Minderheit. In dem größeren, im Lauf von Eurichs Feldzügen
gegründeten Reich zwischen der Loire und Gibraltar stellten gotische
Einwanderer eine noch kleinere Minderheit dar als die amalischen Goten in
Italien.
Die Franken im nördlichen und besonders nordöstlichen Gallien sowie
die Angelsachsen im späteren England bildeten einen höheren Anteil
an der Gesamtbevölkerung, aber wohl kaum mehr als zehn Prozent, mancherorts
sehr viel weniger. Zu der neuen landbesitzenden Elite, die hier in der zweiten
Hälfte des 6. Jahrhunderts entstanden war, gehörten, besonders in
Gallien, auch Nachkommen der alteingesessenen gallorömischen und romano-britischen
Bevölkerungen. Dennoch ist das nordöstliche Gallien und das britische
Tiefland ein ganz anderer Fall als Italien, Nordafrika, Spanien und das übrige
Gallien. Im alten römischen Nordwesten formierte sich die soziale Elite
mit ihren kulturellen Normen zwischen 400 und 600 n. Chr. grundlegend neu,
und der Landbesitz, auf den sich ihr Elitestatus gründete, wurde komplett
neu verteilt. Während die Goten, Vandalen und Burgunder am Zielort lediglich
als Zuwanderer wahrgenommen wurden, die relativ bruchlos einen Teil der alten
Elite ersetzten, war der Zug der Franken ins nordöstliche Gallien und
der Zug der Angelsachsen ins britische Tiefland eine Massenmigration mit erheblichen
sozialen, politischen und kulturellen Folgen. Nimmt man die normannische Eroberung
hinzu, bei der die alte Elite komplett verdrängt wurde, so ergeben sich
drei Grundmuster: die partielle Verdrängung einer Elite, die Verdrängung
einer Elite unter Wahrung der alten sozioökonomischen Strukturen und
die Massenmigration der Franken und Angelsachsen.
Aber auch wenn wir lediglich die partielle Verdrängung einer Elite betrachten,
gibt es zwischen dem späten 4. und dem frühen 6. Jahrhundert Bevölkerungsbewegungen,
die man im Einzelnen und in ihrer Gesamtheit als Massenmigrationen betrachten
muss. Da ist zunächst die Tatsache, dass die Zuwanderer die überkommenen
Strukturen des Römischen — oder zumindest Weströmischen —
Reiches zerstörten. Ein Grundproblem des Römischen Reiches war schon
immer gewesen, dass seine wirtschaftlichen, politischen und administrativen
Strukturen mit seiner Ausdehnung nicht mithalten konnten. Nichts deutet jedoch
darauf hin, dass es ohne die neuen zentrifugalen Kräfte, die mit der
Ankunft großer, bewaffneter Gruppen an den Reichsgrenzen entfesselt
wurden, im 5. Jahrhundert so ohne weiteres kollabiert wäre. Es waren
die Einwanderer, die der römischen Welt oder zumindest dem römischen
Zentralstaat einen gewaltigen politischen Schock versetzten, auch wenn sich
einige römische Landbesitzer halten konnten und einige lokale und regionale
Institutionen intakt blieben.
Der mächtige
Organismus des römischen Staates hatte 800 Jahre lang auf allen Ebenen,
von Kultur und Religion bis zu Gerichtsbarkeit und Grundbesitz, das Leben
bestimmt. Dieser Aspekt wird leicht übersehen, weil das Römische
Reich ein riesiges wackeliges Gebilde war und über wenig entwickelte
Verkehrs-, Kommunikations- und Verwaltungstechniken verfügte, was eine
umfassende Kontrolle aller Gebiete unmöglich machte. Dennoch waren diese
Strukturen ein Rahmen, innerhalb dessen sich für lange Zeit soziale,
wirtschaftliche und kulturelle Muster entwickeln konnten. Das wäre Stoff
genug für ein eigenes Buch. Die Pax Romana und die vom römischen
Staat ausgebaute und unterhaltene Verkehrsinfrastruktur bildeten die Grundlage
des wirtschaftlichen Austauschs, die staatliche Rechtsordnung definierte den
Besitz von Land und damit den sozialen Status, und auch die Aufstiegsmöglichkeiten
einer gebildeten Elite waren genau geregelt. Selbst religiöse Einrichtungen
wurden weitgehend vom Staat kontrolliert. Mit dem Aufstieg des Christentums
zur Massenreligion im 4. und 5. Jahrhundert verknüpften sich dessen Autoritätsstrukturen
mit denen des Römischen Reiches. Der Untergang des Römischen Reiches
hatte für Westeuropa also zwangsläufig tiefgreifende soziale und
kulturelle Konsequenzen." Vor diesem Hintergrund kann man die Migration
der Hunnenzeit im qualitativen Sinn der modernen Migrationsforschung uneingeschränkt
als Massenmigration bezeichnen.
Auch die Einwanderung der Franken nach Nordgallien und der Angelsachsen ins
britische Tiefland muss als eine - wenngleich lokal begrenzte - Massenmigration
im qualitativen Sinn eingeordnet werden. Die Neuverteilung des Landbesitzes
unter den eindringenden Eliten führte zu weiteren kulturellen, wirtschaftlichen
und politischen Umwälzungen, was gleichfalls für eine Definition
als »Massenmigration« spricht. In den anderen Nachfolgereichen
des Römischen Reiches, wo es nur zu einer partiellen Verdrängung
der Elite kam, war zwar der Schock geringer, aber auch hier wurden die Vermögenswerte
teilweise neu verteilt. In der älteren Forschung herrschte weitgehend
Konsens darüber, dass - wie im Fall von Britannien und Nordgallien -
dieser Landbesitz von den ehemaligen römischen Eigentümern zumindest
auf einige Einwanderer überging. Im Lauf der letzten Forschergeneration
vollzog sich hier eine Neubewertung im Einklang mit einer Tendenz, die Bedeutung
des Untergangs des Weströmischen Reiches herunterzuspielen. Das Argument
lautete, dass zumindest am Anfang die zuströmenden Barbaren nicht mit
den Ländereien der römischen Eigentümer, sondern mit Steuereinnahmen
aus diesen Besitzungen belohnt wurden, was zunächst zu viel geringeren
Spannungen geführt habe." Aus Platzgründen verbietet sich hier
eine detaillierte Erörterung, doch meiner Ansicht nach ist das Argument
nicht stichhaltig. Es gab wichtige lokale Unterschiede, und manchmal wurden
die Steuern und Abgaben neu festgelegt.
Dennoch
glaube ich, dass die nunmehr dominierenden Einwanderer vorrangig durch Landbesitz
belohnt wurden, was auch von der jüngeren Forschung eigeräumt wird,
die den historischen Ablauf neu bewertet.