Die Götter
wollten ursprünglich die Welt nicht so erschaffen, daß sie über
all auf gleicher Höhe lag, sondern verteilten sie auf zwei Ebenen.
So wenigstens erschien es den Menschen, die auf den Höhen der Bergkette
des Zagros lebten, welche die Niederungen Mesopotamiens vom Hochland des
Iran trennt. Aber diese Berge waren trotz all ihrer Wildheit nicht völlig
unüberwindlich. Eine einzige Straße schlängelte sich über
sie hinweg. Das war die berühmteste Straße der Welt, die Straße
der Region von Chorassan, die von der äußersten Grenze im Osten
bis zu der im Westen führte und die aufgehende und die untergehende
Sonne miteinander verband. Stellenweise, wenn sie durch das Zagrosgebirge
steil in die Höhe führte, sich an Flüssen entlangwand oder
sich zwischen zerklüfteten Felsen und durch enge Schluchten hindurchzwängte,
war sie vielleicht nur wenig mehr als ein Pfad — aber selbst das war
für alle, die den Weg beschritten, noch ein rechtes Wunder.
Nach allgemeiner Überzeugung konnte nur ein wohlwollender Gott je etwas
so Erstaunliches vollbracht haben. Wer das wirklich war und wann er das
tat, das wußte niemand so genau, aber der Weg war ganz sicher sehr
alt — vielleicht sogar, wie einige sagten, so alt wie die Zeit selbst.
Über die Jahrtausende war die Straße von Chorassan von unzähligen
Reisenden, Nomaden und Karawanen beschritten worden, und natürlich
von den Heeren vieler Könige auf ihren Eroberungszügen. Besonders
die Heere eines Reichs, dessen Name jahrhundertelang für grausame und
rücksichtslose Kriegsführung und Unbesiegbarkeit stand, waren
immer wieder in die Berglandschaft vorgedrungen, und sie hatten die Gipfel,
wie sie sich hemmungslos brüsteten, »wie Wolle rot mit Blut gefärbt«.
Das waren die Assyrer, in der Region des heutigen nördlichen Irak ansässig.
Sie lebten in Städten und waren Bewohner der flachen Schwemmebene Mesopotamiens.
Doch für ihre Könige, die als Kriegsherren Schrecken und Tod bis
nach Ägypten trugen, bedeutete der Zagros weniger ein Hindernis als
eine Herausforderung. Als Herrscher über eine stolze Hochkultur mit
ihren prachtvollen Palästen, Gärten und Kanälen hielten es
die Könige von Assyrien immer für ihre Pflicht, jeden Widerstand
in der Wildnis jenseits der Grenzen ihres Reichs niederzuschlagen. So wie
diese Wildnis beschaffen war, hatte sich das Vorhaben als nie endend erwiesen.
Selbst mit ihrer beispiellosen Kriegsmaschinerie konnten die Assyrer nicht
alle Bergstämme befrieden. Einige von ihnen, die im Zagros lebten,
klebten an den Gipfeln wie Vögel oder lauerten in den Tiefen dichter
Wälder. Sie waren so rückständig, daß sie ausschließlich
von Eicheln lebten, und so wild, daß sie kaum die Aufmerksamkeit des
Königs verdienten. Aber auch ihnen konnte man durch regelmäßige
Einmärsche in ihr Gebiet beibringen, den Namen Assyriens zu fürchten,
und die Assyrer konnten sich dabei mit der Beute an Menschen versorgen,
von denen die Größe ihres Reichs zunehmend abhing. Immer wieder
kehrten sie in der folgenden Zeit nach Strafexpeditionen in ihre heimatlichen
Ebenen und die heiligen Städte Assur, Nimrud und Ninive zurück,
und dabei folgten ihnen stolpernd lange Reihen aneinandergefesselter nackter
Gefangener. In immer größerem Ausmaß waren die Assyrer
in die Gewohnheit verfallen, die Bevölkerung ganzer Regionen umzusiedeln,
sie in ihrem Reich hin- und herzuschieben und einen besiegten Feind ins
Land eines anderen zu verpflanzen. Dort wohnten die Menschen dann in den
Häusern anderer auf ähnliche Weise Deportierter; sie mußten
die Trümmer vom Unkraut befreien oder die verlassenen, verbrannten
Felder bestellen.
Diese Taktik trug am Ende ihre Früchte.
Im späten 8. Jahrhundert v. Chr. waren die Landstriche an der Straße
von Chorassan offiziell ins Assyrische Reich eingegliedert und unterstanden
der Oberhoheit eines assyrischen Statthalters. »Unterwürfig kamen
sie angekrochen und flehten mich an, ihr Leben zu schützen«,
prahlte der mächtigste unter den Königen Assyriens, Sargon II.
»Sie wußten, daß ich sonst ihre Mauern zerstören
würde; sie fielen vor mir nieder und küßten mir die Füße.«
Gefangene waren allerdings nicht die einzige Quelle des Reichtums, die man
im Zagros-Gebirge finden konnte. Auch wenn die Berge wild und dicht bewaldet
waren und die Winter oft bitterkalt, waren die Täler doch wegen ihres
Reichtums an Klee als Weideflächen berühmt. Über die Jahrhunderte
hatten sie in zunehmender Zahl Stämme angelockt, die sich selbst »Arier«
nannten, pferdezüchtende Nomaden von den weiter im Osten gelegenen
Hochebenen. Auch als diese Zuwanderer dort seßhaft wurden, bewahrten
sie viele angestammte Lebensgewohnheiten ihrer Vorfahren: Sie nutzten die
Täler ihrer neuen Heimat zur Aufzucht großer Rinderherden und
zogen überall, wo es möglich war, ein Leben im Sattel vor. Die
Assyrer selbst betrieben keine Pferdezucht, und sie sprachen mit Bewunderung
von den Gestüten am Zagros mit ihren »zahllosen Pferden«.
Es war relativ leicht für das assyrische Heer, sich die besten Pferde
als Tribut auszusuchen, denn nach allgemein anerkanntem Urteil waren das
Tiere, die von den Medern gezüchtet wurden, und die Meder waren eine
lose Gruppierung von arischen Stämmen, die zweckmäßigerweise
dicht an der Straße von Chorassan siedelten. Nicht ohne Grund schätzten
die Assyrer diese Region so hoch. Als Herrscher über Medien konnten
sie frei über die wichtigste Handelsstraße der Welt verfügen,
die auch ihrer Armee erlaubte, ein ganz neues, mörderisches Tempo vorzulegen.
Im Verlauf des 8. Jahrhunderts
v. Chr. trug die Reiterei entscheidend zum Erhalt der militärischen
Übermacht der Assyrer bei. Der Pferdetribut von den Bergen war zum
Lebenselixier des assyrischen Großreichs geworden. Auch die ergiebigsten
Silberminen konnten für die Assyrer nicht kostbarer sein als die Gestüte
am Zagros.
Und dennoch
lag in der Überlegenheit des assyrischen Reichs auch der Keim für
seinen Niedergang. In den Bergen lebte ein Gemenge verschiedenster Volksstämme
arischen und lokalen Ursprungs, und allein schon die Meder wurden von einer
zerstrittenen Vielzahl kleiner Stammesfürsten beherrscht. Als aber
eine fremde Macht die Region besetzte und eine einheitliche Unterordnung
erzwang, entwickelte sich erstmals ein Zusammenhalt unter den zersplitterten
Stämmen.
Um 670 v. Chr. wurde die unbestrittene Herrschaft der Assyrer über
den Zagros durch den erst undeutlich erkennbaren Anführer eines offiziellen
medischen Bundes bedroht und sehr bald gefährlich geschwächt.
Die Tributzahlungen gingen zurück, weil es immer schwieriger wurde,
sie einzutreiben. Offener Widerstand flammte auf und breitete sich aus.
In den folgenden Jahrzehnten erwähnten die Schreiber der assyrischen
Könige, deren Aufgabe es war, über die Siege ihrer Herren Buch
zu führen, die Region Medien überhaupt nicht mehr.
Hinter diesem Schweigen verbarg sich eine bedrohliche Entwicklung. Im Jahr
615 v. Chr. schloß ein König namens Kyaxares, der die Oberhoheit
über alle Stammesführer der Meder für sich beanspruchte,
ein Bündnis mit allen übrigen aufständischen Untertanen des
Reichs und führte seine Truppen von ihren festen Sitzen aus gegen die
Ostflanke der Assyrer. Die Auswirkungen dieses plötzlichen Ausbruchs
von Widerstand bei den Bergvölkern waren verheerend. Nach nur drei
Jahren Krieg geschah das Unvorstellbare: Ninive, das größte aller
Bollwerke der assyrischen Macht, wurde eingenommen und zerstört. Zum
Erstaunen und zur Freude der unterworfenen Völker des Reichs verfiel
die »verfluchte Stadt« unter den Hufen der medischen Reiter
zu Staub. »Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern
und blitzenden Spießen. Da liegen viel Erschlagene und große
Haufen Leichname, daß ihrer keine Zahl ist und man über die Leichname
fallen muß.«
Vier Jahre später war jede Spur des gewaltigen assyrischen Reichs,
das den Vorderen Orient so lange überschattet hatte, vom Erdboden getilgt.
Den Siegern waren natürlich die Reste zur Beute gefallen. Medien, das
so unvermittelt in den Rang einer Großmacht aufgestiegen war, behielt
ein großes Gebiet des besiegten Reichs im Norden für sich. Seine
Könige, inzwischen keine kleinen Stammesfürsten mehr, konnten
sich nun solchen Aufgaben zuwenden, die zu ihrem neu erworbenen Status paßten.
Sie konnten sich als große Herren aufspielen und mit den anderen Großmächten
streiten.
Im Jahr 610 v. Chr. fielen die Meder in Syrien ein und brandschatzten und
plünderten alles, was an ihrer Marschroute lag. Danach, 585 v. Chr.,
griffen sie das Volk der Lyder an, das im Westen der heutigen Türkei
siedelte, und nur eine Sonnenfinsternis, die sich während der Schlacht
ereignete, veranlaßte beide Gegner schließlich, sich aus dem
Kampf zurückzuziehen. Nach den Bestimmungen eines schnell und flüchtig
geschlossenen Vertrags wurde der Fluß Halys, der ungefähr in
der Mitte zwischen Medien und Lydien lag, als die Grenze zwischen den beiden
Reichen festgelegt, und für die nächsten 30 Jahre blieben der
Friede und das Gleichgewicht der Mächte im Vorderen Orient erhalten.'
Astyages,
der neue König von Medien, hatte allerdings keineswegs die Absicht,
seinen Sattel an die Wand zu hängen. Als er nicht mehr durch den Krieg
mit anderen, größeren Reichen abgelenkt war, wandte er seine
Aufmerksamkeit nun den unerschlossenen Gebieten nördlich und östlich
seines Königreichs zu, die weit vom wichtigen Kriegsschauplatz im Fruchtbaren
Halbmond entfernt lagen. An der Spitze eines Heerzugs in die unfruchtbaren
Regionen Armeniens und in das Gebiet des heutigen Aserbeidschan folgte er
den Spuren der assyrischen Könige und lehrte die Wilden jenseits der
Grenzen seines Reichs, sich vor seinen königlichen Namen zu fürchten.
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Der
König des Erdkreises
Astyages
wurde trotz aller Zeichen seiner Größe von düsteren Vorahnungen
des nahenden Untergangs heimgesucht. Sonderbare Träume quälten
ihn, die ihn vor seinem Sturz und dem Ruin seines Königreichs warnten.
Die Meder schrieben diesen Visionen eine so hohe Bedeutung zu, daß
eine ganze Volksgruppe, die Mager, ihren Sinn deutete. Diese Spezialisten
des Rituals waren geschult, das Dunkel nach allen Regeln ihrer Kunst zu
besiegen, und vermittelten ihren Landsleuten damit die lebensnotwendige
Sicherheit. Für die Meder, ein den Göttern ergebenes und sittenstrenges
Volk, galt es als ausgemacht, daß auch hinter dem hellsten Licht ein
Schatten lauerte. Die ganze Welt schien den Magern von dieser Wahrheit Zeugnis
abzulegen. Man konnte ein Feuer so schüren, daß es auf ewig brannte,
aber es gab doch keinen Ort, wo es nicht vom Unreinen bedroht war —
neben der kühlsten Quelle nicht noch auf dem höchsten Gipfel der
Berge. Die Schöpfung barg sowohl nächtliches Dunkel als auch das
Tageslicht in sich. Skorpione und Spinnen, Eidechsen, Schlangen und Ameisen
krochen und vegetierten alle auf dem Erdboden als sichtbarer Ausbund eines
Weltschattens. So wie es die Pflicht eines jeden Magers war, solche Lebewesen
zu töten, wo immer er sie fand, so mußte man sich vor Schatten
hüten, wenn sie die Träume der Menschen verdunkelten. Das galt
ganz besonders für die Alpträume eines Königs. »Denn
sie sagen, daß die ganze Luft voller Geister ist, die durch Ausdünstung
in Fluß kommen und vor das Gesicht der Menschen mit Scharfblick treten.«
Wie das Feuer, so mußte auch die Macht mit aller Sorgfalt umhegt werden.
Daß ein so mächtiges Königreich wie Medien schon weniger
als ein Jahrhundert nach seinem ersten Aufstieg zu Unabhängigkeit und
Größe von neuem niedergestreckt und von einer fremden Macht unterworfen
werden könnte, mußte vielen eher unwahrscheinlich vorkommen.
Aber wie die Meder nur zu gut wußten, war das doch seit eh und je
der unheilvolle Rhythmus im Spiel der Mächte in dieser Region, daß
große und mächtige Reiche ihren Aufstieg und ihren Untergang
erlebten. Kein Königreich, nicht einmal Assyrien, hatte je alle Gegner
besiegt, die seine Zerstörung herbeisehnten. Im Vorderen Orient lauerten
lauerten überall räuberische Eroberer, die nach Schwächen
Ausschau hielten und auf ihre Chance zuzuschlagen warteten. Alte Staaten
würden verschwinden und neue ihren Platz einnehmen, und die Chronisten,
die den Sturz gefeierter Königreiche aufzeichneten, konnten sich vor
die Aufgabe gestellt sehen, fremdartige und bislang unbekannte Völker
zu beschreiben.
Viele von ihnen waren, wie die Meder selbst, indoeuropäische Arier
und Nomaden, die nur geringe Spuren ihrer Wanderschaft in den zeitgenössischen
Berichten hinterließen. Im Jahr 834 v. Chr. zum Beispiel kämpften
die Assyrer in den Bergen im Norden ihres Reichs gegen einen Stamm, den
sie »Parsua« nannten. Zwei Jahrhunderte später hatte sich
ein Volk mit einem ganz ähnlichen Namen sehr viel weiter südlich
zwischen den Ausläufern des Zagros und den vor Hitze glühenden
Küstenstrichen am Golf auf den Trümmern des altehrwürdigen
Königreichs Anshan angesiedelt. Aber kein Chronist konnte ganz genau
wissen, ob es sich bei ihnen um ein und dasselbe Volk handelte. Erst als
die Neuankömmlinge Wurzeln schlugen und sich einiges von der Kultur
der Völker aneigneten, die sie vertrieben hatten, waren sie schließlich
in der Lage, sich bei ihren seßhafteren Nachbarn bemerkbar zu machen.
Letzteren widerstrebte es, jahrhundertealte Gewohnheiten zu ändern,
und sie nannten die Region weiterhin genauso wie bisher. Dagegen zogen es
die Eindringlinge natürlich vor, ihre neue Heimat, wenn sie von ihr
sprachen, nach ihrem eigenen Namen zu benennen. So kam es, daß die
Gegend, die einst Anshan hieß, allmählich unter einem anderen
Namen bekannt wurde: Paarsa oder Persien, das Land der Perser.
Im Jahr 559
v. Chr., noch zur Regierungszeit des Astyages in Medien, kam ein junger
Mann auf den Thron dieses aufstrebenden Königreichs. Sein Name war
Kyros, und seine besonderen Kennzeichen waren eine Hakennase, unermeßlicher
Ehrgeiz und fast grenzenlose Fähigkeiten. Schon vor seiner Geburt war
er, wie es schien, zur Größe bestimmt, denn nach den Prophezeiungen
sollte er — falls man den Berichten Glauben schenkt — der medischen
Macht das Verderben bringen. Astyages hatte angeblich dies alles im Traum
vorhergesehen: Er hatte eine Vision seiner Tochter Mandane, die ihren Harn
abließ, und der goldene Strom floß ohne Unterlaß, bis
zuletzt ganz Medien überflutet war. Als der König am nächsten
Morgen von seinem Traum berichtete, wurden die Mager, seine Traumdeuter,
blaß und warnten ihn, daß ein eventueller Sohn der Mandane dazu
bestimmt sei, den medischen Thron in Gefahr zu bringen. In aller Eile verheiratete
Astyages daraufhin seine Tochter mit einem Perser und Vasallenkönig
eines abgelegenen und unbedeutenden Fürstentums, und hoffte, das böse
Omen damit abzuwenden. Aber als Mandane schwanger wurde, hatte Astyages
einen zweiten Traum: Diesmal sah er einen Weinstock zwischen den Beinen
seiner Tochter hervorsprießen, und der hörte nicht auf zu wachsen,
bis er ganz Asien überschattete. Angstbebend erwartete Astyages daraufhin
die Geburt seines Enkels, um dann sofort Befehl zu geben, daß man
den Jungen töten solle. Das in dieser Art von Erzählungen Unvermeidliche
geschah: Man befolgte seinen Befehl nicht. Der Säugling war in den
Bergen ausgesetzt worden, aber er wurde dort von einem Hirten entdeckt und
aufgezogen; manche Berichte sprachen auch von einem Räuber oder sogar
von einer Wölfin, die gerade reichlich Milch hatte und geben konnte.
Wie immer auch die Einzelheiten waren, das Wunder einer solchen Rettung
blieb doch deutlicher Hinweis auf eine gottgleiche Zukunft des Findlings,
und das bewahrheitete sich in der Tat.
Kyros hatte überlebt und war gesund herangewachsen. Sobald er ein stattlicher
junger Mann war, trug der natürliche Adel seines Charakters dazu bei,
daß er den persischen Thron für sich errang. Damit waren alle
Mühen des Astyages vergeblich und das Reich der Meder dem Untergang
geweiht.
So wenigstens
berichtete die Legende. Bei bedeutenden und berühmten Männern
liegt es nahe, daß man gern ungewöhnliche Geschichten von ihnen
erzählt, und es ist durchaus möglich, daß die ersten Zeichen
der künftigen Bestimmung des Kyros nicht ganz so deutlich waren, wie
die Perser dies später behaupteten. Nichtsdestoweniger und unbeschadet
der Frage, ob es tatsächlich Prophezeiungen gab oder nicht, waren seine
Möglichkeiten und Fähigkeiten doch offenbar hinreichend groß,
um Astyages in Panik zu versetzen. Der medische König und oberste Herr
über den Zagros achtete sehr genau auf zu ehrgeizige Vasallen und beschloß,
nachdem er das Verhalten seines Enkels auf dem persischen Thron sechs Jahre
lang beobachtet hatte, daß Kyros allzu begabt und gefährlich
war, um ihn so lange an seinem Platz zu belassen. Also versammelte Astyages
im Jahr 553 v. Chr. seine gefürchtete Reiterei und rückte nach
Süden zum Angriff vor. Die viel kleinere Armee der Perser leistete
heftigsten Widerstand. Als die Niederlage nahe schien, begaben sich sogar
die Frauen auf das Schlachtfeld, um Kyros und seine Mitkämpfer zur
Fortsetzung des Kampfes zu ermutigen. Drei Jahre lang erschütterte
die Auseinandersetzung den Zagros, und dann, 550 v. Chr., fand sie ein plötzliches
Ende. Selbst die Götter waren überrascht, wie es schien. Sie begannen,
den benachbarten Herrschern im Traum zu erscheinen, und verkündeten
die verblüffende Neuigkeit: »Kyros hat die großen Heere
der Meder mit seinem kleinen Heer vertrieben. Und er hat Astyages, den König
der Meder, gefangengenommen. Und er hat ihn als Gefangenen in sein Land
gebracht.« Seit dem Untergang des assyrischen Reichs hatte sich kein
so gewaltiger Umsturz ereignet.
Wie war es dazu gekommen? Gewiß, Kyros hatte sich als harter und unnachgiebiger
Gegner erwiesen. Das galt auch für seine persischen Untertanen. Sie
waren von der Armut so gestählt, daß sie klaglos die größten
Entbehrungen auf sich nahmen und bekanntlich sogar so weit gingen, Hosen
aus Leder zu tragen. Dennoch hätte Astyages mit allen Ressourcen seines
mächtigen Reichs hinter sich wohl mit Sicherheit den Sieg davongetragen,
wäre ihm nicht ein schwerer Dolchstoß in den Rücken versetzt
worden. Die Geschichte des Verrats, der ihm widerfuhr, klang höchst
sonderbar, und im Lauf der Jahre wurden die Berichte über den Vorfall
immer fantastischer und grotesker. Die schlichten Tatsachen konnten nicht
bezweifelt werden: Harpagos, ein Befehlshaber des medischen Heeres und der
mächtigste der Stammesfürsten, hatte mitten in der Schlacht einen
Aufstand angezettelt, Astyages gefangengenommen und war zu Kyros übergelaufen.
Aber warum dieser Verrat? Der Grund war nach den Erzählungen, daß
Harpagos zwar mit Astyages verwandt, aber zugleich durch die furchtbarsten
Bande der Schuld mit dem König der Perser verknüpft war. Nach
Bekunden der Meder war eben dieser Harpagos mit dem Mord an dem Kind Kyros
beauftragt worden, und er behauptete dann fälschlich, den Befehl ausgeführt
zu haben. Viele Jahre später, als die Wahrheit schließlich ans
Licht kam, übte Astyages angeblich blutige Rache, indem er Harpagos'
Sohn abschlachten und seinen Körper zerstückeln ließ, um
ihn dem ahnungslosen Vater als Hammelgericht vorzusetzen. Harpagos, der
seinen eigenen Sohn verspeist hatte, schluckte auch diese grausame Kränkung
und blieb ein loyaler, wenn auch ernüchterter Diener seines Königs
— oder gab es zumindest vor. Sein Verhalten war zweifellos überzeugend,
denn als der Krieg gegen die Perser ausbrach, übertrug Astyages ihm
das Oberkommando. Das war wohl nicht die klügste Personalentscheidung,
sondern zugegebenermaßen so töricht, daß es geradezu absurd
erscheint.
Warum hat
man also dieser unerhörten Geschichte je Glauben geschenkt? Kann man
vielleicht irgendwo in diesem Schattenspiel von Unglaubwürdigkeit und
Gerüchten einen noch so kleinen Hinweis auf die Wahrheit entdecken?
Die Familienbande zwischen Astyages und Kyros waren ein deutliches Indiz
für die engen Verbindungen von Kultur und Blutsverwandtschaft, die
von jeher zwischen Persern und Medern bestanden. Beide Völker waren
schließlich arische Indoeuropäer, und für einen Arier waren
nur die anairya, die Nicht-Arier, wirklich Fremde. Alle Höflinge des
Astyages, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit hatten, brauchten nur
in Richtung Süden zu schauen, um ein eindrucksvolles Bild von ihr zu
erhaschen. Wie die Meder waren die Perser im Grunde ihres Herzens ein Nomadenvolk,
und ihr Land, »reich an guten Pferden, reich an tapferen Männern«,
war genauso ein Bund verschiedener Stämme geblieben, wie es sich zu
einem einheitlichen Staat entwickelt hatte. Auch wenn Kyros »König
von Anshan« war, gründete er doch seinen Anspruch auf den Thron
ebenso darauf, daß er der mächtigste Stammesfürst seines
Volkes war. Er war das Oberhaupt der Achämeniden, der führenden
Familie der Pasargadai, die selbst der einflußreichste Stamm der Perser
waren. Er war zugleich Herr der steifen Rituale eines orientalischen Hofes
wie der Versammlungen wilder Reiter unter freiem Himmel, Herr über
altehrwürdige Städte wie über Berge und Ebenen, über
die Zukunft Persiens wie über die Erinnerungen und die uralten Bräuche.
Kyros war durchaus in der Lage, all diese Rollen und darüber hinaus
noch andere zu spielen. Infolgedessen konnte Persien weitgehend politische
Spannungen vermeiden, die Medien betroffen hatten, zwischen einem König,
der sich gegenüber den Stammesstrukturen seines Volkes unduldsam zeigte,
und einem Adel, der noch ganz von ihnen geprägt war. Den medischen
Stammesfürsten, die unter den autoritären Ansprüchen des
Astyages zu leiden hatten, waren diese ganz anderen Verhältnisse aufgefallen.
Mit der Zeit mußte ihnen der Unterschied zwischen ihrem eigenen König
und Kyros immer krasser vorkommen. Das war höchstwahrscheinlich auch
der Grund, warum Harpagos mitten in der Schlacht seinen folgenschweren Schritt
tat. So hatten sich die »Meder aus Herren in Knechte, die Perser,
ihre einstige Sklaven, in Herren verwandelt«. Als Kyros in Ekbatana
einmarschierte, erntete er die wohlverdienten Früchte seiner Weitsicht,
seines Scharfsinns und seines ganz eigenen Charismas.
Auch nach diesem ersten großen Sieg war seinem geschickten Balanceakt
weiterer Erfolg beschieden. Die Könige von Assyrien, die ihre traditionellen
Rechte als Eroberer auf die Spitze der Grausamkeit getrieben hatten, schrieben
für besiegte Feinde unvorstellbare Qualen vor, aber Kyros zog aus Berechnung
und ohne Frage auch aus Neigung den Gnadenweg vor. Nachdem er wichtige Teile
der medischen Aristokratie in sein Lager gelockt hatte, widerstand er der
Versuchung, ihre Landsleute wie Sklaven zu behandeln. Sogar Astyages wurde
nicht qualvoll getötet, den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen
oder auf den Pfahl gespießt, sondern aufs Altenteil in fürstlicher
Umgebung geschickt. >>>