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Sachbuch


Persisches Feuer
Das erste Weltreich und der Kampf um
den Westen



Klett-Cotta
463 S.geb.
Euro (D) 29,95
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Der erste Kampf um
den Westen

Auszüge

DIE STRASSE VON CHORASSAN
Weh dir, verfluchte Stadt

Die Götter wollten ursprünglich die Welt nicht so erschaffen, daß sie über all auf gleicher Höhe lag, sondern verteilten sie auf zwei Ebenen. So wenigstens erschien es den Menschen, die auf den Höhen der Bergkette des Zagros lebten, welche die Niederungen Mesopotamiens vom Hochland des Iran trennt. Aber diese Berge waren trotz all ihrer Wildheit nicht völlig unüberwindlich. Eine einzige Straße schlängelte sich über sie hinweg. Das war die berühmteste Straße der Welt, die Straße der Region von Chorassan, die von der äußersten Grenze im Osten bis zu der im Westen führte und die aufgehende und die untergehende Sonne miteinander verband. Stellenweise, wenn sie durch das Zagrosgebirge steil in die Höhe führte, sich an Flüssen entlangwand oder sich zwischen zerklüfteten Felsen und durch enge Schluchten hindurchzwängte, war sie vielleicht nur wenig mehr als ein Pfad — aber selbst das war für alle, die den Weg beschritten, noch ein rechtes Wunder.
Nach allgemeiner Überzeugung konnte nur ein wohlwollender Gott je etwas so Erstaunliches vollbracht haben. Wer das wirklich war und wann er das tat, das wußte niemand so genau, aber der Weg war ganz sicher sehr alt — vielleicht sogar, wie einige sagten, so alt wie die Zeit selbst. Über die Jahrtausende war die Straße von Chorassan von unzähligen Reisenden, Nomaden und Karawanen beschritten worden, und natürlich von den Heeren vieler Könige auf ihren Eroberungszügen. Besonders die Heere eines Reichs, dessen Name jahrhundertelang für grausame und rücksichtslose Kriegsführung und Unbesiegbarkeit stand, waren immer wieder in die Berglandschaft vorgedrungen, und sie hatten die Gipfel, wie sie sich hemmungslos brüsteten, »wie Wolle rot mit Blut gefärbt«.
Das waren die Assyrer, in der Region des heutigen nördlichen Irak ansässig. Sie lebten in Städten und waren Bewohner der flachen Schwemmebene Mesopotamiens. Doch für ihre Könige, die als Kriegsherren Schrecken und Tod bis nach Ägypten trugen, bedeutete der Zagros weniger ein Hindernis als eine Herausforderung. Als Herrscher über eine stolze Hochkultur mit ihren prachtvollen Palästen, Gärten und Kanälen hielten es die Könige von Assyrien immer für ihre Pflicht, jeden Widerstand in der Wildnis jenseits der Grenzen ihres Reichs niederzuschlagen. So wie diese Wildnis beschaffen war, hatte sich das Vorhaben als nie endend erwiesen. Selbst mit ihrer beispiellosen Kriegsmaschinerie konnten die Assyrer nicht alle Bergstämme befrieden. Einige von ihnen, die im Zagros lebten, klebten an den Gipfeln wie Vögel oder lauerten in den Tiefen dichter Wälder. Sie waren so rückständig, daß sie ausschließlich von Eicheln lebten, und so wild, daß sie kaum die Aufmerksamkeit des Königs verdienten. Aber auch ihnen konnte man durch regelmäßige Einmärsche in ihr Gebiet beibringen, den Namen Assyriens zu fürchten, und die Assyrer konnten sich dabei mit der Beute an Menschen versorgen, von denen die Größe ihres Reichs zunehmend abhing. Immer wieder kehrten sie in der folgenden Zeit nach Strafexpeditionen in ihre heimatlichen Ebenen und die heiligen Städte Assur, Nimrud und Ninive zurück, und dabei folgten ihnen stolpernd lange Reihen aneinandergefesselter nackter Gefangener. In immer größerem Ausmaß waren die Assyrer in die Gewohnheit verfallen, die Bevölkerung ganzer Regionen umzusiedeln, sie in ihrem Reich hin- und herzuschieben und einen besiegten Feind ins Land eines anderen zu verpflanzen. Dort wohnten die Menschen dann in den Häusern anderer auf ähnliche Weise Deportierter; sie mußten die Trümmer vom Unkraut befreien oder die verlassenen, verbrannten Felder bestellen.
Diese Taktik trug am Ende ihre Früchte.
Im späten 8. Jahrhundert v. Chr. waren die Landstriche an der Straße von Chorassan offiziell ins Assyrische Reich eingegliedert und unterstanden der Oberhoheit eines assyrischen Statthalters. »Unterwürfig kamen sie angekrochen und flehten mich an, ihr Leben zu schützen«, prahlte der mächtigste unter den Königen Assyriens, Sargon II. »Sie wußten, daß ich sonst ihre Mauern zerstören würde; sie fielen vor mir nieder und küßten mir die Füße.«
Gefangene waren allerdings nicht die einzige Quelle des Reichtums, die man im Zagros-Gebirge finden konnte. Auch wenn die Berge wild und dicht bewaldet waren und die Winter oft bitterkalt, waren die Täler doch wegen ihres Reichtums an Klee als Weideflächen berühmt. Über die Jahrhunderte hatten sie in zunehmender Zahl Stämme angelockt, die sich selbst »Arier« nannten, pferdezüchtende Nomaden von den weiter im Osten gelegenen Hochebenen. Auch als diese Zuwanderer dort seßhaft wurden, bewahrten sie viele angestammte Lebensgewohnheiten ihrer Vorfahren: Sie nutzten die Täler ihrer neuen Heimat zur Aufzucht großer Rinderherden und zogen überall, wo es möglich war, ein Leben im Sattel vor. Die Assyrer selbst betrieben keine Pferdezucht, und sie sprachen mit Bewunderung von den Gestüten am Zagros mit ihren »zahllosen Pferden«. Es war relativ leicht für das assyrische Heer, sich die besten Pferde als Tribut auszusuchen, denn nach allgemein anerkanntem Urteil waren das Tiere, die von den Medern gezüchtet wurden, und die Meder waren eine lose Gruppierung von arischen Stämmen, die zweckmäßigerweise dicht an der Straße von Chorassan siedelten. Nicht ohne Grund schätzten die Assyrer diese Region so hoch. Als Herrscher über Medien konnten sie frei über die wichtigste Handelsstraße der Welt verfügen, die auch ihrer Armee erlaubte, ein ganz neues, mörderisches Tempo vorzulegen. Im Verlauf des 8. Jahrhunderts
v. Chr. trug die Reiterei entscheidend zum Erhalt der militärischen Übermacht der Assyrer bei. Der Pferdetribut von den Bergen war zum Lebenselixier des assyrischen Großreichs geworden. Auch die ergiebigsten Silberminen konnten für die Assyrer nicht kostbarer sein als die Gestüte am Zagros.

Und dennoch lag in der Überlegenheit des assyrischen Reichs auch der Keim für seinen Niedergang. In den Bergen lebte ein Gemenge verschiedenster Volksstämme arischen und lokalen Ursprungs, und allein schon die Meder wurden von einer zerstrittenen Vielzahl kleiner Stammesfürsten beherrscht. Als aber eine fremde Macht die Region besetzte und eine einheitliche Unterordnung erzwang, entwickelte sich erstmals ein Zusammenhalt unter den zersplitterten Stämmen.
Um 670 v. Chr. wurde die unbestrittene Herrschaft der Assyrer über den Zagros durch den erst undeutlich erkennbaren Anführer eines offiziellen medischen Bundes bedroht und sehr bald gefährlich geschwächt. Die Tributzahlungen gingen zurück, weil es immer schwieriger wurde, sie einzutreiben. Offener Widerstand flammte auf und breitete sich aus. In den folgenden Jahrzehnten erwähnten die Schreiber der assyrischen Könige, deren Aufgabe es war, über die Siege ihrer Herren Buch zu führen, die Region Medien überhaupt nicht mehr.
Hinter diesem Schweigen verbarg sich eine bedrohliche Entwicklung. Im Jahr 615 v. Chr. schloß ein König namens Kyaxares, der die Oberhoheit über alle Stammesführer der Meder für sich beanspruchte, ein Bündnis mit allen übrigen aufständischen Untertanen des Reichs und führte seine Truppen von ihren festen Sitzen aus gegen die Ostflanke der Assyrer. Die Auswirkungen dieses plötzlichen Ausbruchs von Widerstand bei den Bergvölkern waren verheerend. Nach nur drei Jahren Krieg geschah das Unvorstellbare: Ninive, das größte aller Bollwerke der assyrischen Macht, wurde eingenommen und zerstört. Zum Erstaunen und zur Freude der unterworfenen Völker des Reichs verfiel die »verfluchte Stadt« unter den Hufen der medischen Reiter zu Staub. »Reiter rücken herauf mit glänzenden Schwertern und blitzenden Spießen. Da liegen viel Erschlagene und große Haufen Leichname, daß ihrer keine Zahl ist und man über die Leichname fallen muß.«

Vier Jahre später war jede Spur des gewaltigen assyrischen Reichs, das den Vorderen Orient so lange überschattet hatte, vom Erdboden getilgt. Den Siegern waren natürlich die Reste zur Beute gefallen. Medien, das so unvermittelt in den Rang einer Großmacht aufgestiegen war, behielt ein großes Gebiet des besiegten Reichs im Norden für sich. Seine Könige, inzwischen keine kleinen Stammesfürsten mehr, konnten sich nun solchen Aufgaben zuwenden, die zu ihrem neu erworbenen Status paßten. Sie konnten sich als große Herren aufspielen und mit den anderen Großmächten streiten.
Im Jahr 610 v. Chr. fielen die Meder in Syrien ein und brandschatzten und plünderten alles, was an ihrer Marschroute lag. Danach, 585 v. Chr., griffen sie das Volk der Lyder an, das im Westen der heutigen Türkei siedelte, und nur eine Sonnenfinsternis, die sich während der Schlacht ereignete, veranlaßte beide Gegner schließlich, sich aus dem Kampf zurückzuziehen. Nach den Bestimmungen eines schnell und flüchtig geschlossenen Vertrags wurde der Fluß Halys, der ungefähr in der Mitte zwischen Medien und Lydien lag, als die Grenze zwischen den beiden Reichen festgelegt, und für die nächsten 30 Jahre blieben der Friede und das Gleichgewicht der Mächte im Vorderen Orient erhalten.'

Astyages, der neue König von Medien, hatte allerdings keineswegs die Absicht, seinen Sattel an die Wand zu hängen. Als er nicht mehr durch den Krieg mit anderen, größeren Reichen abgelenkt war, wandte er seine Aufmerksamkeit nun den unerschlossenen Gebieten nördlich und östlich seines Königreichs zu, die weit vom wichtigen Kriegsschauplatz im Fruchtbaren Halbmond entfernt lagen. An der Spitze eines Heerzugs in die unfruchtbaren Regionen Armeniens und in das Gebiet des heutigen Aserbeidschan folgte er den Spuren der assyrischen Könige und lehrte die Wilden jenseits der Grenzen seines Reichs, sich vor seinen königlichen Namen zu fürchten. >>>

Der König des Erdkreises

Astyages wurde trotz aller Zeichen seiner Größe von düsteren Vorahnungen des nahenden Untergangs heimgesucht. Sonderbare Träume quälten ihn, die ihn vor seinem Sturz und dem Ruin seines Königreichs warnten. Die Meder schrieben diesen Visionen eine so hohe Bedeutung zu, daß eine ganze Volksgruppe, die Mager, ihren Sinn deutete. Diese Spezialisten des Rituals waren geschult, das Dunkel nach allen Regeln ihrer Kunst zu besiegen, und vermittelten ihren Landsleuten damit die lebensnotwendige Sicherheit. Für die Meder, ein den Göttern ergebenes und sittenstrenges Volk, galt es als ausgemacht, daß auch hinter dem hellsten Licht ein Schatten lauerte. Die ganze Welt schien den Magern von dieser Wahrheit Zeugnis abzulegen. Man konnte ein Feuer so schüren, daß es auf ewig brannte, aber es gab doch keinen Ort, wo es nicht vom Unreinen bedroht war — neben der kühlsten Quelle nicht noch auf dem höchsten Gipfel der Berge. Die Schöpfung barg sowohl nächtliches Dunkel als auch das Tageslicht in sich. Skorpione und Spinnen, Eidechsen, Schlangen und Ameisen krochen und vegetierten alle auf dem Erdboden als sichtbarer Ausbund eines Weltschattens. So wie es die Pflicht eines jeden Magers war, solche Lebewesen zu töten, wo immer er sie fand, so mußte man sich vor Schatten hüten, wenn sie die Träume der Menschen verdunkelten. Das galt ganz besonders für die Alpträume eines Königs. »Denn sie sagen, daß die ganze Luft voller Geister ist, die durch Ausdünstung in Fluß kommen und vor das Gesicht der Menschen mit Scharfblick treten.« Wie das Feuer, so mußte auch die Macht mit aller Sorgfalt umhegt werden.
Daß ein so mächtiges Königreich wie Medien schon weniger als ein Jahrhundert nach seinem ersten Aufstieg zu Unabhängigkeit und Größe von neuem niedergestreckt und von einer fremden Macht unterworfen werden könnte, mußte vielen eher unwahrscheinlich vorkommen. Aber wie die Meder nur zu gut wußten, war das doch seit eh und je der unheilvolle Rhythmus im Spiel der Mächte in dieser Region, daß große und mächtige Reiche ihren Aufstieg und ihren Untergang erlebten. Kein Königreich, nicht einmal Assyrien, hatte je alle Gegner besiegt, die seine Zerstörung herbeisehnten. Im Vorderen Orient lauerten lauerten überall räuberische Eroberer, die nach Schwächen Ausschau hielten und auf ihre Chance zuzuschlagen warteten. Alte Staaten würden verschwinden und neue ihren Platz einnehmen, und die Chronisten, die den Sturz gefeierter Königreiche aufzeichneten, konnten sich vor die Aufgabe gestellt sehen, fremdartige und bislang unbekannte Völker zu beschreiben.
Viele von ihnen waren, wie die Meder selbst, indoeuropäische Arier und Nomaden, die nur geringe Spuren ihrer Wanderschaft in den zeitgenössischen Berichten hinterließen. Im Jahr 834 v. Chr. zum Beispiel kämpften die Assyrer in den Bergen im Norden ihres Reichs gegen einen Stamm, den sie »Parsua« nannten. Zwei Jahrhunderte später hatte sich ein Volk mit einem ganz ähnlichen Namen sehr viel weiter südlich zwischen den Ausläufern des Zagros und den vor Hitze glühenden Küstenstrichen am Golf auf den Trümmern des altehrwürdigen Königreichs Anshan angesiedelt. Aber kein Chronist konnte ganz genau wissen, ob es sich bei ihnen um ein und dasselbe Volk handelte. Erst als die Neuankömmlinge Wurzeln schlugen und sich einiges von der Kultur der Völker aneigneten, die sie vertrieben hatten, waren sie schließlich in der Lage, sich bei ihren seßhafteren Nachbarn bemerkbar zu machen. Letzteren widerstrebte es, jahrhundertealte Gewohnheiten zu ändern, und sie nannten die Region weiterhin genauso wie bisher. Dagegen zogen es die Eindringlinge natürlich vor, ihre neue Heimat, wenn sie von ihr sprachen, nach ihrem eigenen Namen zu benennen. So kam es, daß die Gegend, die einst Anshan hieß, allmählich unter einem anderen Namen bekannt wurde: Paarsa oder Persien, das Land der Perser.

Im Jahr 559 v. Chr., noch zur Regierungszeit des Astyages in Medien, kam ein junger Mann auf den Thron dieses aufstrebenden Königreichs. Sein Name war Kyros, und seine besonderen Kennzeichen waren eine Hakennase, unermeßlicher Ehrgeiz und fast grenzenlose Fähigkeiten. Schon vor seiner Geburt war er, wie es schien, zur Größe bestimmt, denn nach den Prophezeiungen sollte er — falls man den Berichten Glauben schenkt — der medischen Macht das Verderben bringen. Astyages hatte angeblich dies alles im Traum vorhergesehen: Er hatte eine Vision seiner Tochter Mandane, die ihren Harn abließ, und der goldene Strom floß ohne Unterlaß, bis zuletzt ganz Medien überflutet war. Als der König am nächsten Morgen von seinem Traum berichtete, wurden die Mager, seine Traumdeuter, blaß und warnten ihn, daß ein eventueller Sohn der Mandane dazu bestimmt sei, den medischen Thron in Gefahr zu bringen. In aller Eile verheiratete Astyages daraufhin seine Tochter mit einem Perser und Vasallenkönig eines abgelegenen und unbedeutenden Fürstentums, und hoffte, das böse Omen damit abzuwenden. Aber als Mandane schwanger wurde, hatte Astyages einen zweiten Traum: Diesmal sah er einen Weinstock zwischen den Beinen seiner Tochter hervorsprießen, und der hörte nicht auf zu wachsen, bis er ganz Asien überschattete. Angstbebend erwartete Astyages daraufhin die Geburt seines Enkels, um dann sofort Befehl zu geben, daß man den Jungen töten solle. Das in dieser Art von Erzählungen Unvermeidliche geschah: Man befolgte seinen Befehl nicht. Der Säugling war in den Bergen ausgesetzt worden, aber er wurde dort von einem Hirten entdeckt und aufgezogen; manche Berichte sprachen auch von einem Räuber oder sogar von einer Wölfin, die gerade reichlich Milch hatte und geben konnte. Wie immer auch die Einzelheiten waren, das Wunder einer solchen Rettung blieb doch deutlicher Hinweis auf eine gottgleiche Zukunft des Findlings, und das bewahrheitete sich in der Tat.
Kyros hatte überlebt und war gesund herangewachsen. Sobald er ein stattlicher junger Mann war, trug der natürliche Adel seines Charakters dazu bei, daß er den persischen Thron für sich errang. Damit waren alle Mühen des Astyages vergeblich und das Reich der Meder dem Untergang geweiht.

So wenigstens berichtete die Legende. Bei bedeutenden und berühmten Männern liegt es nahe, daß man gern ungewöhnliche Geschichten von ihnen erzählt, und es ist durchaus möglich, daß die ersten Zeichen der künftigen Bestimmung des Kyros nicht ganz so deutlich waren, wie die Perser dies später behaupteten. Nichtsdestoweniger und unbeschadet der Frage, ob es tatsächlich Prophezeiungen gab oder nicht, waren seine Möglichkeiten und Fähigkeiten doch offenbar hinreichend groß, um Astyages in Panik zu versetzen. Der medische König und oberste Herr über den Zagros achtete sehr genau auf zu ehrgeizige Vasallen und beschloß, nachdem er das Verhalten seines Enkels auf dem persischen Thron sechs Jahre lang beobachtet hatte, daß Kyros allzu begabt und gefährlich war, um ihn so lange an seinem Platz zu belassen. Also versammelte Astyages im Jahr 553 v. Chr. seine gefürchtete Reiterei und rückte nach Süden zum Angriff vor. Die viel kleinere Armee der Perser leistete heftigsten Widerstand. Als die Niederlage nahe schien, begaben sich sogar die Frauen auf das Schlachtfeld, um Kyros und seine Mitkämpfer zur Fortsetzung des Kampfes zu ermutigen. Drei Jahre lang erschütterte die Auseinandersetzung den Zagros, und dann, 550 v. Chr., fand sie ein plötzliches Ende. Selbst die Götter waren überrascht, wie es schien. Sie begannen, den benachbarten Herrschern im Traum zu erscheinen, und verkündeten die verblüffende Neuigkeit: »Kyros hat die großen Heere der Meder mit seinem kleinen Heer vertrieben. Und er hat Astyages, den König der Meder, gefangengenommen. Und er hat ihn als Gefangenen in sein Land gebracht.« Seit dem Untergang des assyrischen Reichs hatte sich kein so gewaltiger Umsturz ereignet.
Wie war es dazu gekommen? Gewiß, Kyros hatte sich als harter und unnachgiebiger Gegner erwiesen. Das galt auch für seine persischen Untertanen. Sie waren von der Armut so gestählt, daß sie klaglos die größten Entbehrungen auf sich nahmen und bekanntlich sogar so weit gingen, Hosen aus Leder zu tragen. Dennoch hätte Astyages mit allen Ressourcen seines mächtigen Reichs hinter sich wohl mit Sicherheit den Sieg davongetragen, wäre ihm nicht ein schwerer Dolchstoß in den Rücken versetzt worden. Die Geschichte des Verrats, der ihm widerfuhr, klang höchst sonderbar, und im Lauf der Jahre wurden die Berichte über den Vorfall immer fantastischer und grotesker. Die schlichten Tatsachen konnten nicht bezweifelt werden: Harpagos, ein Befehlshaber des medischen Heeres und der mächtigste der Stammesfürsten, hatte mitten in der Schlacht einen Aufstand angezettelt, Astyages gefangengenommen und war zu Kyros übergelaufen. Aber warum dieser Verrat? Der Grund war nach den Erzählungen, daß Harpagos zwar mit Astyages verwandt, aber zugleich durch die furchtbarsten Bande der Schuld mit dem König der Perser verknüpft war. Nach Bekunden der Meder war eben dieser Harpagos mit dem Mord an dem Kind Kyros beauftragt worden, und er behauptete dann fälschlich, den Befehl ausgeführt zu haben. Viele Jahre später, als die Wahrheit schließlich ans Licht kam, übte Astyages angeblich blutige Rache, indem er Harpagos' Sohn abschlachten und seinen Körper zerstückeln ließ, um ihn dem ahnungslosen Vater als Hammelgericht vorzusetzen. Harpagos, der seinen eigenen Sohn verspeist hatte, schluckte auch diese grausame Kränkung und blieb ein loyaler, wenn auch ernüchterter Diener seines Königs — oder gab es zumindest vor. Sein Verhalten war zweifellos überzeugend, denn als der Krieg gegen die Perser ausbrach, übertrug Astyages ihm das Oberkommando. Das war wohl nicht die klügste Personalentscheidung, sondern zugegebenermaßen so töricht, daß es geradezu absurd erscheint.

Warum hat man also dieser unerhörten Geschichte je Glauben geschenkt? Kann man vielleicht irgendwo in diesem Schattenspiel von Unglaubwürdigkeit und Gerüchten einen noch so kleinen Hinweis auf die Wahrheit entdecken? Die Familienbande zwischen Astyages und Kyros waren ein deutliches Indiz für die engen Verbindungen von Kultur und Blutsverwandtschaft, die von jeher zwischen Persern und Medern bestanden. Beide Völker waren schließlich arische Indoeuropäer, und für einen Arier waren nur die anairya, die Nicht-Arier, wirklich Fremde. Alle Höflinge des Astyages, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit hatten, brauchten nur in Richtung Süden zu schauen, um ein eindrucksvolles Bild von ihr zu erhaschen. Wie die Meder waren die Perser im Grunde ihres Herzens ein Nomadenvolk, und ihr Land, »reich an guten Pferden, reich an tapferen Männern«, war genauso ein Bund verschiedener Stämme geblieben, wie es sich zu einem einheitlichen Staat entwickelt hatte. Auch wenn Kyros »König von Anshan« war, gründete er doch seinen Anspruch auf den Thron ebenso darauf, daß er der mächtigste Stammesfürst seines Volkes war. Er war das Oberhaupt der Achämeniden, der führenden Familie der Pasargadai, die selbst der einflußreichste Stamm der Perser waren. Er war zugleich Herr der steifen Rituale eines orientalischen Hofes wie der Versammlungen wilder Reiter unter freiem Himmel, Herr über altehrwürdige Städte wie über Berge und Ebenen, über die Zukunft Persiens wie über die Erinnerungen und die uralten Bräuche. Kyros war durchaus in der Lage, all diese Rollen und darüber hinaus noch andere zu spielen. Infolgedessen konnte Persien weitgehend politische Spannungen vermeiden, die Medien betroffen hatten, zwischen einem König, der sich gegenüber den Stammesstrukturen seines Volkes unduldsam zeigte, und einem Adel, der noch ganz von ihnen geprägt war. Den medischen Stammesfürsten, die unter den autoritären Ansprüchen des Astyages zu leiden hatten, waren diese ganz anderen Verhältnisse aufgefallen. Mit der Zeit mußte ihnen der Unterschied zwischen ihrem eigenen König und Kyros immer krasser vorkommen. Das war höchstwahrscheinlich auch der Grund, warum Harpagos mitten in der Schlacht seinen folgenschweren Schritt tat. So hatten sich die »Meder aus Herren in Knechte, die Perser, ihre einstige Sklaven, in Herren verwandelt«. Als Kyros in Ekbatana einmarschierte, erntete er die wohlverdienten Früchte seiner Weitsicht, seines Scharfsinns und seines ganz eigenen Charismas.
Auch nach diesem ersten großen Sieg war seinem geschickten Balanceakt weiterer Erfolg beschieden. Die Könige von Assyrien, die ihre traditionellen Rechte als Eroberer auf die Spitze der Grausamkeit getrieben hatten, schrieben für besiegte Feinde unvorstellbare Qualen vor, aber Kyros zog aus Berechnung und ohne Frage auch aus Neigung den Gnadenweg vor. Nachdem er wichtige Teile der medischen Aristokratie in sein Lager gelockt hatte, widerstand er der Versuchung, ihre Landsleute wie Sklaven zu behandeln. Sogar Astyages wurde nicht qualvoll getötet, den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen oder auf den Pfahl gespießt, sondern aufs Altenteil in fürstlicher Umgebung geschickt. >>>



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