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Igor Strawinsky - Oper
- The Rake's Progress
- Ensemble - Staatsoper Berlin - Foto: Ruth Walz
Strawinsky
über Rake's
Igor Strawinsky im Gespräch
mit Emilia Zanetti, 1951
Sie haben bereits erklärt,
Meister, daß Sie seit Jahren den Wunsch hatten, eine Oper in englischer
Sprache zu komponieren. Was war das Anziehende, welche Probleme sind Ihnen
in dieser Sprache aufgefallen, die noch als antimusikalisch gilt?
Nachdem ich russische,
französische, lateinische Texte komponiert hatte, kam ich dazu, mich
für die englische Prosodie zu interessieren. Und da ich die Sprache
kenne, kann man sich leicht einen Begriff von der Fülle der Probleme
machen, vor deren Lösung ich mich gestellt sah. Nichtsdestoweniger,
warum sollte denn das Englische eine antimusikalische Sprache sein? Jede
Sache ist so viel wert, als man von ihr zu sein verlangt. Wenn ich eine
klingende, ebenmäßige und süße Sprache gewollt hätte,
würde ich mich natürlich dem Italienischen zugewandt haben. Das
Englische hat andere musikalische Quellen. Aber es als antimusikalisch betrachten,
ist nichts anderes, als in einem Vorurteil verharren, das, früher als
von mir, von zwei Jahrhunderten englischer Vokalmusik, dem 17. und 18. Jahrhundert,
und von einem Künstler wie Purcell widerlegt wird.
Welcher Art Anruf »provocatio«,
kam ihnen aus den Stichen Hogarths? War er visueller oder logisch- dramatischer
Art?
Bühnenmäßiger
Art vor allem. In der Kunst Hogarths berührte mich vor allem der Charakter
des Theatermäßigen, der sich wunderbar auf die Bühne übertragen
läßt; ein Charakter, der sich in jener Neigung zur Erzählung
mittels einer Reihe von Bildern mit einer bestimmten Moral offenbart, die
ich wahren wollte; deshalb habe ich nicht nur den ursprünglichen Titel
der von mir ausgewählten Bilderreihe beibehalten, sondern ich habe
dafür auch die beste italienische Übersetzung gesucht: »La
carriera d'un libertino«. Karriere für »progressa«
wahrt die Ironie Hogarths mehr als »Fortschritt«; denn es ist
tatsächlich eine Karriere, allerdings was für eine Art von Karriere.
Aber Hogarth hatte mir noch anderes zu sagen. In ihm habe ich die Quintessenz
jenes eigenartigen englischen Settecento wiedererkannt, das ich in Musik
setzen wollte. Das London dieser Epoche, welches gar nichts mit Louis XV.
zu tun hat, die Farbe, die Gesellschaft dieser Zeit: lauter Elemente zu
einem musikalischen Gebärdespiel. (Was Auden großartig begriffen
hat, indem er sich altenglischer Redewendungen bediente, auf die ich meinerseits
mit entsprechenden musikalischen Stilmitteln antwortete.)
Sind die Änderungen
an der Geschichte Hogarths von Ihnen oder von den Textdichtern vorgenommen
worden?
Wie ging Ihre Zusammenarbeit mit Auden vonstatten?
Nachdem ich in den
Stichen Hogarths einmal mein Sujet erkannt hatte, beriet ich mich mit meinem
lieben Freund Aldous Huxley über die geeignetste Person, die Aufgabe
des Textbuches zu übernehmen. »Auden, niemand besser als er«,
erklärte mir Huxley. Ich teilte die Sache dem Verleger Hawkes —
von Boosey Hawkes — mit, der sich begeistert darüber zeigte.
Und es begann die Verwirklichung des Projektes. Ich nützte die Anwesenheit
Audens in New York und lud ihn telegrafisch ein, zu mir nach Hollywood zu
kommen. In einer Woche schrieb er mir den Entwurf der Handlung; auch die
Varianten zur Handlung Hogarths sind ihm zuzuschreiben. Er war es ebenfalls,
der die Mitarbeit von Kallman vorschlug. Ausmaß und Art dieser Mitarbeit
sind mir nicht bekannt. Ich hatte jedoch die Möglichkeit, die Ernsthaftigkeit
dieses jungen Mannes schätzen zu lernen, und ich kann mir vorstellen,
daß er vor allem seine Theater Erfahrung beigetragen hat. In drei
Monaten war das Libretto fertig. Sie wissen welche Wertschätzung sich
Da Ponte mit Recht für sein Textbuch des Don Giovanni erfreut. Nun
gut, das Ergebnis der Arbeit von Auden und Kallmann ist meiner Ansicht nach
ebenso gut, wenn nicht besser. Ich kannte bereits das dichterische Werk
Audens, und ich bewunderte ihn auch wegen seiner Mitarbeit an gewissen Filmen.
Aber diese Bewunderung ist während unserer gemeinsamen Arbeit noch
gewachsen. Er ist ein Dichter in des Wortes ursprünglichster Bedeutung,
das heißt in dem antiken Sinn der Griechen - Poesie, das heißt
»to make«, das konkrete »Machen«, eher als das unbestimmte
»Tun« des »to do«, heißt Schaffen in der vollen,
absoluten Herrschaft der Technik über die Materie. Seine Versifizierung
bewährt sich in jeder Hinsicht, so wie bei einer guten Fuge (hier verschränkte
Strawinsky die Hände ineinander, kehrte sie um und zeigte dabei die
Festigkeit und Biegsamkeit des Griffs). Man wird die Tugend der »Technik«
nie genug loben, man wird nie eindringlich genug darauf dringen, wie wesentlich
und entscheidend das Band ist, das sie mit der Kunst verbindet. Statt dessen
von Inspiration zu sprechen, ist verdächtig. Es gibt Fehlgeburten von
genialen Einfällen, aus Mangel oder Schwäche der Technik, nicht
umgekehrt. Sehen Sie nach bei den Malern. Monet, Manet, Cezanne, Picasso
sind große Maler, weil sie große Handwerker sind. Und was mich
betrifft, ich fange mit der Technik an und ende mit der Inspiration.
Dachten Sie von Anfang
an an eine Oper von normaler Dauer?
Da muß man sich
über das »normal« einigen, denn normal ist auch die Finta
Giardiniera. Meinen Sie damit eine Oper, die einen ganzen Abend füllt?
In diesem Fall kann ich Ihnen sagen, daß ich sie als solche vom ersten
Augenblick an geplant habe. Ich wollte ein »très grand bateau«
haben.
Können Sie, Meister,
ein Motiv oder einen Akkordkeim oder auch den Anfang einer musikalischen Idee
benennen, aus dem heraus sich das Werk allmählich entwickelt hat? (Wie
z. B. Le Sacre vom Akkord der Augures printaniers.)
Jede Aufgabe hat die
ihr eigenen Lösun¬gen. Für The Rake kam mir der erste Einfall
vom Gesamtbild, von der klanglichen Dimension her, in der - so verstand
ich es von allem Anfang an - die Oper Gestalt annehmen mußte: ein
kleines Orchester, wenige Hauptpersonen, ein kleiner Chor. Kurz gesagt »Kammermusik«,
so wie - um ein Beispiel zu nennen - Cosi fan tutte. Das erklärt, wieso
und warum ich besonderen Wert darauf gelegt hatte, daß die Welturaufführung
in einem Rahmen erfolgte, wie ihn das Teatro Fenice besitzt, anstatt in
der Metropolitan, die zuerst die Oper von mir verlangt hatte, oder in der
Scala. Nachher kann sie natürlich auch in den größten Theatern
aufgeführt werden, und es steht ihr frei, ihren Weg zu machen. Aber
ihre Taufe mußte sie in Gemäßheit des Bildes erhalten,
nach dem sie geschaffen wurde.
Was die zeitliche Folge der Komposition betrifft, sie war genau die gleiche
wie in der Oper. Ich habe mit den ersten Takten begonnen, mit denen sie
anfängt - nicht Ouvertüre, nicht »gewichtiges« Vorspiel,
sondern einfach in der Bedeutung eines »on va commencer« - die
letzten Takte waren die, die sie jetzt auch abschließen.
Was zieht Sie an dem
Vorbild der italienischmozartischen Opern mit ihrer aufgeschlossenen Nummern
aufgebauten Struktur an?
Die Oper hat mich immer
interessiert, während ich dem Musikdrama keinen Geschmack abgewinne
und noch weniger daran glaube. Mussorgsky beispielsweise ist unleugbar ein
großer Künstler, aber während ich Glinka und seine Opern
bewundere, sagt mir Boris Godunow gar nichts.
Und Pelléas und
Melisande von Debussy?
Noch weniger. Das Musikdrama
kann keine Tradition schaffen. Es ist das totale Fehlen der Form. Und: Kunst
ohne Kanon hat für mich keinerlei Interesse. One doit toujours se borner,
se donner des limites [Man muss sich immer beschränken, sich immer
Grenzen setzen]. Was auch Vorbedingung dafür ist, wirklich frei zu
sein; man erlangt die Freiheit nicht, wenn man keine Beschränkungen
annimmt, wenn man nicht innerhalb fest bestimmter Grenzen arbeitet, zwischen
einem Anfang und einem Ende. Das Vage, Unbestimmte ist verdächtig.
Schauen wir etwa selbst auf Verdi. Im Otello und im Falstaff, als er sich
auf den Weg des Musikdramas begab, hat er sich selbst verloren; welch bewundernswerte
Oper dagegen die Traviata und vor allem der Troubadour. Kein Wunder, in
beiden stützt sich die Schönheit auf eine klare musikalische Architektur.
Das ist der katholischen
Auffassung der Freiheit sehr ähnlich.
Der römisch-katholischen,
gewiß. Aber das ist nicht erstaunlich. Ich bin in der tiefen Bewunderung
des Katholizismus aufgewachsen, wozu mich sowohl meine geistige Erziehung
als auch meine Natur gebracht haben (ich bin viel mehr Abendländer
als dem Osten zugehörig). Die orthodoxe Religion, die ich bekenne,
steht im übrigen dem Katholizismus nahe genug. Und es wäre nicht
zu verwundern, wenn ich eines Tages katholisch würde.
Um zu Ihrer Kunst zurückzukehren,
Meister, es ist doch so, daß die Liebe zur Form Ihre Kunst keineswegs
hindert, eine ursprüngliche Ausdruckskraft zu besitzen und zu entwickeln?
Natürlich nicht,
nur daß der Ausdruck sich nicht selbständig machen, daß
er nicht vom Wesen des künstlerischen Schaffensvorgangs getrennt werden
kann, daß er eine Folge der guten Kunst ist und ihr nicht etwa vorausgeht.
Verfährt man im Gegenteil, legt man ihn als primus fest, gelangt man
— in gutem oder schlechtem Glauben — dahin, ihn mit der Improvisation
zu verwechseln, in der gleichen Weise, wie die meisten Menschen Freiheit
mit Leichtfertigkeit verwechseln. Erste Bedingung einer guten Kunst ist
immer und vor allem eine gute Machart. On doit passeder l'objet (Man muss
den Gegenstand beherrschen). Das Ungenaue ist nur verdächtig.
Dürfen wir in dem
Glauben, den Sie wiederholt zu The Rake's Progress geäußert haben,
auch ein Glaubensbekenntnis zur Oper in der Zukunft erblicken, oder das Glaubensbekenntnis
des Künstlers, der, frei und einsam, die Blüte einer Kultur feiert?
Ich
halte viel auf diese echte Oper, während — ich wiederhole
es — ich an das Musikdrama nicht glaube. Deshalb, meine ich sollte
man sie aufmerksam betrachten und auf diesen Weg nur fortfahren.
Aus Igor Strawinsky: The Rake's Progress, Texte, Materialien,
Kommentare, herausgegeben von Attila Csampai und Dietmar Holland,

Igor Strawinsky
- Oper - The
Rake's Progress - Anne Anna
Prohaska - Tom Rackewell Florian
Hoffmann
Staatsoper Berlin - Foto: Ruth Walz
Igor Strawinsky - Oper
- The Rake's Progress
- Anne Anna Prohaska
- Staatsoper Berlin - Foto: Ruth Walz
Igor Strawinsky - Oper
- The Rake's
Progress - Tom Rackewell Florian
Hoffmann - Staatsoper Berlin - Foto: Ruth Walz
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IGOR
STRAWINSKY
THE RAKE'S PROGRESS
Oper in drei Akten, Text von W H. Auden und Chester
Kallman
HANDLUNG
1. AKT
1. BILD
AUF DEM LAND. BEI DEN TRULOVES
Der junge Tom Rakewell und seine Verlobte Anne Trulove versichern sich ihrer
Liebe. Annes Vater macht sich Sorgen um die Zukunft des jungen Paares. Tom
macht sich darüber keine Sorgen und vertraut lieber auf Fortunas Gunst.
Als er seinen Wunsch ausspricht, reich werden zu wollen, erscheint der ihm
unbekannte Nick Shadow und verkündet Tom, dass er von einem Onkel als
Erbe eingesetzt wurde. Er bietet dem erfreuten Tom seine Dienste an und drängt
ihn, eilig in die Großstadt aufzubrechen, um die Formalitäten der
Erbschaft zu erledigen. Seinen Lohn will er erst nach genau einem Jahr erhalten.
Tom und Nick verabschieden sich. Anne und ihr Vater sind beunruhigt, da sie
Toms Leichtfertigkeit kennen.
2. BILD
IN MOTHER GOOSES ETABLISSEMENT
Männer und Frauen geben sich lärmend ihren Vergnügungen hin.
Unter Nicks Anleitung soll Tom in ein Leben eingeführt werden, dessen
Pflicht darin besteht, den Freuden des Moments zu folgen. Als Prüfung
muss Tom Definitionen von
Natur, Schönheit und Vergnügen geben. Als er über die Liebe
sprechen soll, kommt er ins Stocken und denkt an Anne und die "verletzte
Liebe", die ihn mit ihr verbindet. Nick kann die grüblerischen Gedanken
Toms zerstreuen und Tom verbringt die Nacht mit Mother Goose.
2. AKT
1. BILD
IN TOMS HAUS
Tom ist gelangweilt von den Vergnügungen der Stadt, kann sich jedoch
nicht dazu entschließen, zu Anne zurückzukehren. Nick erscheint
und fordert Tom auf, Baba the Turk - Klatschobjekt der ganzen Stadt - zu heiraten.
Mit diesem Akt soll Tom der Welt beweisen, dass er Entscheidungen frei von
Liebe und Konventionen treffen kann.
So würde er Berühmtheit erlangen.
2. BILD
VOR TOMS HAUS
Anne hat Toms Haus gefunden, zögert aber einzutreten. Da erscheint Tom,
der Anne verlegen und berührt erkennt, sie jedoch auffordert, die Stadt
möglichst schnell wieder zu verlassen. Sie sei den Gefahren, die sie
hier erwarten, nicht gewachsen. Baba the Turk, die mittlerweile Tom geheiratet
hat, erscheint und die Wahrheit kommt ans Licht. Verzweifelt geht Anne fort.
Eine Volksmenge, die sich um Baba versammelt hat, jubelt dieser zu.
3. BILD
BEI TOM UND BABA
Baba redet ununterbrochen, während Tom schweigsam bleibt und auf ihre
Liebesbeteuerungen nicht reagiert. Wütend beschimpft sie ihn und wirft
ihm vor, dass er immer noch in Anne verliebt sei. Tom flüchtet sich in
Schlaf und träumt einen von Nick vorgegaukelten Traum von einer Maschine,
die aus Steinen Brot herstellen kann. Erwachend, wünscht er sich, der
Traum wäre wahr. Nick erscheint und erzählt Tom, dass er eben diese
Maschine erfunden habe. Tom sieht sich in der Rolle des Wohltäters aller
Hungernden. Nick bringt ihn dazu, mit dem Geld von Investoren die Maschine
in Serie herstellen zu lassen.
3. AKT
1. BILD
IN TOMS HAUS
Die Brotmaschine hat sich als Schwindel herausgestellt. Tom steht als Betrüger
da, ist verschuldet und sein verbliebener Besitz wird versteigert. Im Getümmel
der Auktion sucht Anne vergeblich nach Tom. Der Auktionator Sellem führt
zügig die Versteigerung durch. Ein verhülltes Objekt stellt sich
als Baba raus, die die Menge beschimpft. Anne hat inzwischen Toms Stimme erkannt,
der sich gemeinsam mit Nick auf der Straße befindet und sich über
Baba lustig macht. Diese versichert Anne, dass Toni sie immer noch liebt und
fordert sie auf, ihn zu retten.
2. BILD
AUF EINEM FRIEDHOF
Ein Jahr seit der ersten Begegnung zwischen Tom und Nick ist vergangen und
dieser fordert nun als seinen Lohn die Seele Toms. Er bietet ihm allerdings
ein Spiel an, bei dessen Gewinn Tom seine Seele retten kann: Gelingt es Tom,
drei Karten aus einem Spiel zu erraten, ist er frei. Wider aller Logik und
obwohl Nick falsch spielt, errät Tom alle drei Karten. Bevor Nick selber
zur Hölle fahren muss, verflucht er Tom zu Wahnsinn.
3. BILD
IN EINEM IRRENHAUS
Tom, der sich für Adonis hält, wartet auf seine Venus. Er wird von
den anderen Insassen verspottet. Anne erscheint in Begleitung ihres Vaters.
Tom erkennt in ihr Venus und bereut, sie verlassen zu haben. Anne tröstet
ihn und wiegt ihn in Schlummer und besänftigt auch die anderen Geisteskranken,
bevor sie die Anstalt verlässt.
Als Tom / Adonis erwacht, beklagt er den endgültigen Verlust von Venus.
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